Romano Guardini hielt diese von Christ&Welt in Ausschnitten dokumentierte Rede nach der Verleihung des Praemium Erasmianum zu Brüssel am 28. April 1962.

Ich irre wohl nicht, wenn ich denke, dem eigentlichen Europa sei der absolute Optimismus, der Glaube an den allgemeinen und notwendigen Fortschritt fremd. Die Werte der Vergangenheit sind in ihm noch so lebendig, dass es zu empfinden vermag, was auf dem Spiele steht. Es hat schon so viel Unwiederbringliches untergehen sehen; ist in langen mörderischen Kriegen so schuldig geworden, dass es fähig ist, nicht nur die schöpferischen Möglichkeiten, sondern auch das Risiko, ja die Tragik der menschlichen Existenz zu empfinden.

In seinem Bewusstsein steht gewiss die Mythengestalt des Prometheus, der das Feuer vom Olymp holt, aber auch die des Ikarus, dessen Flügel die Sonnennähe nicht aushalten und der stürzt. Es kennt die Durchbrüche der Erkenntnis und der Eroberung, glaubt aber im Grunde weder an Garantien für den Gang der Geschichte noch an Utopien von allgemeinem Weltglück. Dafür weiß es zu viel.

So glaube ich, die am wenigsten sensationelle, aber am tiefsten ins Wesentliche führende Aufgabe, die Europa zugewiesen ist, sei die Kritik an der Macht. Nicht negative Kritik, weder ängstliche noch reaktionäre; aber ihm sei die Sorge um den Menschen anvertraut, weil es dessen Macht nicht als Gewähr sicherer Triumphe, sondern als Schicksal erlebt, von dem dahinsteht, wohin es führen werde.

Europa ist alt. Früher schien es, als sei im Bilde Asiens der Charakter des Alters am stärksten ausgeprägt – damals, als man noch von seiner Zeitlosigkeit sprach. Heute scheint es sein Alter zu verleugnen und zu einer neuen, wohl großartigen, aber auch gefährlichen Jugend aufzustehen. Europa hat die Neuzeit geschaffen; hat aber den Zusammenhang mit der Vergangenheit festgehalten. So sind in sein Antlitz, neben den Zügen der Schöpferschaft, die einer jahrtausendlangen Erfahrung eingezeichnet.

Die ihm vorbehaltene Aufgabe liegt, so denke ich, nicht darin, dass es die Macht, die aus Wissenschaft und Technik kommt, steigere – obwohl es natürlich auch das tun wird –, sondern diese Macht bändige.

Romano Guardini war einer der wichtigsten christlichen Denker des 20. Jahrhunderts – und ein begeisterter Europäer. © dpa

Europa hat die Idee der Freiheit – des Menschen wie seines Werkes – hervorgebracht; ihm wird es vor allem obliegen, in Sorge um die Menschlichkeit des Menschen, zur Freiheit auch gegenüber seinem eigenen Werk durchzudringen.

Ja, Europa wird fähig sein, auch die Frage zu stellen, ob es dem Menschen überhaupt erlaubt sei, über den anderen Menschen Macht zu üben. Den anderen Menschen, der kein Es-Wesen, sondern ein Ich, Person ist. Eine späte Frage, die sich erst klar formuliert, wenn viel Geschichte durchlebt ist. In Europa hat der Mensch unabsehliche Schuld am Menschen auf sich geladen, unabmessbares Unheil angerichtet; auch muss er sehen, wie anderswo aufgrund der von ihm geschaffenen Möglichkeiten dem Menschen unausdenkliche Gewalt angetan wird – so hat er die Voraussetzung dafür, jene Frage zu stellen; und nicht als nur theoretisches Problem, sondern als Sache der wirklichen Lebensführung.

Sobald diese Vergegenwärtigung nicht mehr empfunden wird, ihr Anspruch nicht mehr glaubhaft ist, wird aus der echten Herrschaft die Gewalt, gegen die sich das Freiheitsgefühl auflehnt.

Es gibt aber noch eine andere Form, wie Macht geübt wird, nämlich die des Dienstes. Damit ist nicht die Unterordnung des Schwächeren gemeint; dieser Dienst ist im Gegenteil Sache der Stärke, die sich für das Leben verantwortlich fühlt – für alles das, was Leben heißt – Mensch, Volk, Kultur, Ordnung des Landes und der Erde. Das alles – noch einmal gesagt – nicht in der Ohnmacht der Schwäche, sondern in der Überlegenheit der Kraft; legitimiert ebenfalls durch göttlichen Auftrag, aber in einer Weise, die nicht "Majestas" ausdrückt, sondern – wenn dieses verpönte Wort wieder zu Ehren gerufen werden darf – "Demut". Dienende Stärke, die will, dass die Dinge der Erde recht werden.