Der Journalist Hans Leyendecker ist Präsident des Evangelischen Kirchentages 2019 in Dortmund. Leyendecker schreibt seit 1997 für die "Süddeutsche Zeitung". Dort hat er das Investigativressort aufgebaut.

Frage: Herr Leyendecker, als Aufdecker der Nation haben Sie bundesdeutsche Zeitgeschichte mitgeschrieben, von der Flick-Affäre bis zu Helmut Kohls Spendenaffäre. Dass Sie etwas mit Glaube, Kirche, Religion am Hut haben, ist den meisten Menschen unbekannt. Wie wurden Sie Präsident des kommenden Evangelischen Kirchentags in Dortmund 2019?

Hans Leyendecker: Ich bin gläubig, wahrscheinlich fängt es damit schon an. Früher war ich katholisch und wollte sogar eine Weile lang Priester werden. Und seit 1975 bin ich mit meiner Frau unterwegs auf Kirchentagen. Mein erster war in Frankfurt, und bis heute haben wir keinen ausgelassen.

Frage: Sie sind ein klassischer Kirchentags-Gänger, mit Rucksack und Regenjacke?

Leyendecker: Mit allem, was dazugehört, also auch mit Rucksack und Regenjacke. Nach dem Kirchentag in Dresden bin ich dann in die Präsidialversammlung gerutscht.

Frage: Wem verdanken Sie denn am Ende das Präsidentenamt?

Leyendecker:Frank-Walter Steinmeier. Er hatte für Dortmund 2019 das Amt übernommen. Als er dann zum Bundespräsidenten gewählt wurde, fragte ich mich schon: Wen nehmen die jetzt wohl für den Kirchentag? Und dann kam der Anruf.

Frage: Was haben Sie gesagt?

Leyendecker: Ich habe Nein gesagt.

Frage: Warum?

Leyendecker: Ich traute mir das nicht zu, ich weiß ja, wer vorher alles Präsident war, von Richard von Weizsäcker bis Erhard Eppler. Und so bin ich nicht. Das ging dann eine Weile hin und her. Am Ende habe ich Ja gesagt.

Frage: Kann der Kirchenmann Leyendecker etwas gebrauchen, was den Journalisten Leyendecker ausmacht?

Leyendecker: Ich bin kein Kirchenmann, sondern Laie. Ansonsten verbindet uns viel. Das fängt schon an mit der Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Sie spielt in der Theologie eine große Rolle und hoffentlich auch im Journalismus. Auf der Seite der Schwächeren zu stehen hat mich in beiden Rollen beschäftigt: Das Leben ist nicht bloß Gnade, die irgendjemand irgendjemandem gewährt. Das wäre zu wenig. Menschen haben Rechte, für die es sich einzusetzen lohnt. Und da ist natürlich auch die Suche nach Wahrheit, die hoffentlich Theologen und Journalisten antreibt.

Frage: Wie halten Sie’s mit dem Predigen, in der Zeitung und in der Kirche?

Leyendecker: Da bin ich in beiden Fällen wenig missionarisch – auch wenn es natürlich Journalisten gibt, die für ihr Leben gern predigen. Und manche können das auch richtig gut.

Frage: Sie haben vorhin gesagt: "Ich bin gläubig." Das so direkt zu sagen ist manchen Leuten peinlich. Warum sind Sie bisher nicht auffällig geworden mit Ihren christlichen Überzeugungen?

Leyendecker: Es hat nie jemand danach gefragt (lacht). Nur die Kollegen am Newsdesk der Süddeutschen Zeitung wussten, dass sie mich sonntags erst gegen 10.30 Uhr anrufen konnten. Vorher war ich im Gottesdienst.

Frage: Sie haben erwähnt, dass Sie katholisch getauft sind, ehe Sie als Erwachsener evangelisch wurden. Sie sind auf eine Weise der erste Katholik an der Spitze des Evangelischen Kirchentages.

Leyendecker: Ich bin seit 50 Jahren in der evangelischen Kirche zu Hause, ich gehe aber weiter auch in katholische Kirchen, weil ich Volksfrömmigkeit mag und die Spiritualität der Katholiken. Ich bin also niemand, der mit der Kirche seiner Kindheit gebrochen hätte – aber ich schätze meine Freiheit als Protestant.

Frage: Wo ist Ihnen die katholische Kirche heute fremd?

Leyendecker: In ihrem Frauenbild. Ich bin auf ein Marianum gegangen, also eine katholische Schule, da fand Maria vollumfänglich statt. Aber Frauen einerseits auf ein Podest zu stellen und ihnen andererseits das Priesteramt zu verweigern – da kann ich nicht mitgehen. Die Folgen zeigen sich ja bis in den Alltag. Wenn eine Frau nach der Kaffeekanne greift, um sich einzuschenken, sagt der Bischof: Danke, ich möchte keinen Kaffee mehr. Und das war ein aufgeschlossener, moderner Bischof.