Man wappnet sich für das Schlimmste. Die Worte "Massenschlägerei" und "Großeinsatz" dominieren schon jetzt die Schlagzeilen, weil sich hundert HSV-Fans unterm großen Bismarck versammelt hatten, vermutlich hatten sie nichts Friedliches im Sinn. Zuvor sollen St.-Pauli-Fans einige HSV-Ultras überfallen haben, die gerade eine Choreografie für das Spiel der beiden Mannschaften am Sonntag vorbereiteten. Unerwartet kommt das nicht: In der Logik von Freund und Feind ist ein Derby ein guter Anlass für alle, die sich prügeln wollen.

Wenn nun die Kneipen, wie es oft heißt, eine Art Wohnzimmerersatz sind, dann ist es nur logisch, dass sich der Kampf auf der Straße auch auf den Barhockern fortsetzt. Schon von Weitem erkennt man meistens, wer reindarf und wer besser nicht. Berühmt ist die Tankstelle, die einzige Hardcore-HSV-Kneipe auf dem Kiez, die ihre Lage mitten im Feindesgebiet richtiggehend zelebriert.

Nur – was machen diejenigen, die darauf keine Lust haben? Sie treffen sich im Niemandsland, dort. Die entmilitarisierte Zone Hamburgs liegt in Winterhude an der Alsterdorfer Straße. Hier herrscht Waffenstillstand. Bis vor Kurzem stand das noch groß draußen: "Eine Stadt, zwei Vereine – HSV & St. Pauli". Als renoviert wurde, musste das Schild abgenommen werden, es wäre zu teuer gewesen, das rostige Ding wieder herzurichten. Aber im Grunde braucht das auch niemand. Weil jeder, der hierherkommt, weiß, was Sache ist: In der Same-Same-Bar sind alle willkommen. Was wie eine Selbstverständlichkeit klingt, ist in einer Stadt, in der die Lager klar verteilt sind und die meisten Kneipen loyal zu nur einem Verein halten, eine Seltenheit.

Same Same – schon der Name ist eine Ansage. "Same same but different" ist eine thai-englische Redensart, Gleichheit bei gleichzeitiger Verschiedenheit. Eine große Geste. Die Besitzer hatten ein Faible für Thailand und sind dann auch dorthin ausgewandert. So kam es, dass Nicole Behrens den Laden übernahm.

Es ist Freitagabend, und St. Pauli tritt an gegen den FC Ingolstadt. Draußen hängt die Totenkopfflagge. Drinnen zapft Nicole die ersten Biere. Ihre Haare sind rot, sie redet und bewegt sich unglaublich schnell, meistens tut sie beides gleichzeitig. Ihr Lachen klingt wie ein gut gelaunter Presslufthammer, laut und ohne Spur eines Zweifels. Die Stimmung ist das Wichtigste in einer Kneipe, und Nicole ist ihr Seismograf. Sie muss spüren, wie es gerade läuft, und dann darauf reagieren. Da es meistens schlecht läuft für Hamburger Fußballfans, heißt das: Stimmung hochtreiben.

Als sie vor sechs Jahren und drei Monaten (das kommt wie aus der Pistole geschossen) das Same Same übernahm, hatte sie keine Ahnung von Fußball. "Ich war eine, die gesagt hat: Real spielt gegen Madrid", gesteht sie. Als sie dann hinterm Tresen stand, haben natürlich alle gesagt, dass das nicht gehe, dass sie sich jetzt endlich mal damit beschäftigen müsse. "Ich mag das Wort 'müssen' nicht", sagt sie, da reagiere sie gleich trotzig. Also hat sie einfach still und heimlich zugehört, gelesen, geguckt und dann irgendwann wie selbstverständlich mitgeredet.

Sie lässt sich auch nicht auf eine der beiden Seiten ziehen. Ihr Vater hatte zwar regelmäßig im Garten eine HSV-Flagge gehisst. Sie selbst aber war, wenn überhaupt, Bayern-München-Fan. Darf man in Hamburg eigentlich kaum sagen, aber Nicole hat sich mittlerweile ein Standing erarbeitet, ihr verzeiht man das. Irgendwann hielten es die Stammgäste mit der Neutralität nicht mehr aus und schenkten ihr dieses Jahr ein HSV-Trikot, hinten steht "Behrens" drauf. So heißt nicht nur sie mit Nachnamen, sondern auch der dritte Torwart des Vereins.

Am Freitag hat sie das natürlich nicht an, so weit geht es dann doch nicht, man muss ja nicht provozieren.

Die St.-Pauli-Fans sind zu Beginn des Abends skeptisch, was die Erfolgschancen beim Derby angeht. "So wie die zur Zeit spielen, sehe ich schwarz", sagt Sabine, die mit ihrer Freundin hier ist, beide schwarze Jacke, beide kurze graue Haare. Sabine ist bei jedem Heimspiel im Stadion. Sie ist mit Fußball aufgewachsen, eher zwangs- statt wahlweise. Es war die Zeit, als parallel zur Sportschau am frühen Samstagabend auch die amerikanische Serie Daktari lief. Sie hätte lieber den Affen zugeschaut, "aber kannst du dir ja vorstellen, wie entschieden wurde", sagt sie. Also Fußball, bis heute, weil irgendwann aus Zwang Interesse und aus Interesse Erinnerung wurde, eine gute in diesem Fall. Das Derby wird sie beim Public Viewing im Millerntor-Stadion sehen. Ins HSV-Stadion traut sie sich nicht bei diesem Spiel, zu gefährlich: "Das ist ja draußen in der Walachei, das darf man nicht unterschätzen, schon gar nicht als Frau."