Ich hatte immer das Gefühl, Georgien besonders gut zu kennen. Drei Jahre lang war unsere Hamburger Wohnung ein georgischer Treffpunkt voller Ikonen und Weihrauch. In der Küche wurde am Abend Russisch und Georgisch gesprochen. Es gab Borschtsch. Meine Kinder sangen georgische Wiegenlieder, noch bevor ich dazu gekommen war, ihnen Der Mond ist aufgegangen beizubringen. Sie beteten schon zum heiligen Georg, noch bevor ich Zeit gefunden hatte, mit ihnen in den evangelischen Kindergottesdienst zu gehen. Wir haben nacheinander drei georgische Au-pair-Mädchen gehabt.

Sie kamen alle aus Tbilissi. Und alle drei haben sich in dem Jahr, in dem sie für uns Borschtsch gekocht und die Kinder aus der Krippe abgeholt haben, vor Heimweh nach ihrer Stadt die Augen ausgeweint. Hamburg sei ja ganz schön. Aber Tbilissi, sagten die drei, sei noch tausendmal schöner. Ein Leben jenseits von Tbilissi konnte sich keine von ihnen vorstellen. Nachdem das Au-pair-Jahr vorbei war, flog jede von ihnen sofort wieder nach Tbilissi zurück und schickte uns von dort eine Freundin, die ihre Nachfolge bei uns antrat. Alle drei hießen seltsamerweise Maka. Wo ist Maka?, jammerten die Kinder, als der in ihren Augen unerschöpfliche Vorrat an singenden und Borschtsch kochenden georgischen Makas eines Tages versiegte und die kaukasische Kindheit meiner Kinder abrupt zu Ende ging.

Das ist beinahe zwanzig Jahre her. Natürlich habe ich Maka I, Maka II und Maka III jedes Mal versprochen, sie und das schöne Tbilissi so schnell wie möglich zu besuchen. Doch es kam einfach nicht dazu. In diesem Sommer sollte es so weit sein. "Meine lieben Makas", schrieb ich nach Tbilissi, "es hat lange gedauert, aber jetzt möchte ich endlich kommen." – "Ja, komm. Du wirst eine andere Welt sehen, die kannst du mit nichts vergleichen", schrieben sie noch am selben Tag zurück.

Iris Radisch (links) mit ihren Au-pairs © privat

Ein paar Wochen später sitze ich mit Maka I und Maka II in einem georgischen Wohnzimmer auf goldbraunen Plüschsesseln in einem kleinen Haus oben auf den Hügeln von Tbilissi. Die beiden haben schon am Flughafen gewartet, nur Maka III war nach so langer Zeit nicht mehr aufzufinden. Ach du meine Güte, was sind das für großartige Frauen geworden! Meine beiden Makas leben nicht weit voneinander entfernt, in Wake, einem gediegenen Wohnviertel im Westen von Tbilissi, in der Nähe des Wake-Parks, wo die Straßen, die von den großen Magistralen abgehen, steil ansteigen und sich irgendwann im Nichts verlieren. Auf den Terrassen wächst wilder Wein, der Verkehrslärm der Stadt ist gedämpft, man kann atmen, denn die schlechte Luft des schönen Tbilissi, das merke ich sofort, sollte man besser nicht übermäßig in Anspruch nehmen.

Sieben Menschen, Eltern, Kind, Schwiegereltern, Schwager und Schwägerin, rund 200 Ikonen, ein Klavier und ein sprechender Wellensittich teilen sich im Haus von Maka II fünf Zimmer. Wir trinken den harzigen georgischen Rotwein. Wir essen Chatschapuri, das landestypische warme georgische Käsebrot, Kuchen und Erdbeeren. Der Sohn von Maka I unterhält uns in makellosem Oxford-Englisch. Die Tochter von Maka II spielt Klavier, Chopin, Villa-Lobos, Mozart, die Hände fliegen über die Tasten, ihre Füße in den Flipflops hauen in die Pedale. Sie ist eine Konzertvirtuosin, die schon bei Nachwuchswettbewerben in der Hamburger Laeiszhalle Preise gewonnen hat. Die Preise werden aus einer Plastiktüte hervorgekramt und herumgereicht. Die Wunderkinder Georgiens sitzen verlegen auf den altmodischen Plüschsesseln. Die Schwiegereltern sehen in der Küche fern. Der Wellensittich redet laut dazwischen. Es ist ein schöner Abend.

Vor meiner Abreise habe ich viel gelesen über dieses Land, das zwischen Technoclubs und Berghirten alles bieten soll, was ein verwöhntes westliches Herz höher schlagen lässt. Georgien, stand in meinen Büchern, sei ein Paradies am Rande Europas, es sei die vergessene Mitte der Welt, es sei ein Land wie ein Gedicht, zerrissen, tief, lebendig, wild und herzergreifend, eines der letzten Filetstücke der echten Welt. Vor allem von der atemberaubenden Schönheit der georgischen Hauptstadt war darin viel die Rede, die den Besucher durch ihren abblätternden Charme verzaubere. Ich war begeistert. Meine Verklärungsbereitschaft angesichts einstürzender Altbauten, ausgetretener Treppenstufen und verwunschener Hinterhöfe, in denen sich wilder Wein um alte Hasenställe und verwitterte Autowracks windet, ist schon immer groß gewesen. Vor Jahrzehnten schon haben mich die damals noch nahezu unbeleuchteten schiefen Gassen von Lemberg und Czernowitz fasziniert, weil sie mich an das verwundete Berlin meiner Nachkriegskindheit erinnerten, in dem die Vergangenheit irgendwie mit eingemauert war und die Zeit stillzustehen schien.