Einst deckte er Helmut Kohls Spendenaffäre auf, jetzt macht er selbst Politik. Es ist Hans Leyendeckers erste kühne Aktion, seit der renommierte Publizist (Spiegel, Süddeutsche Zeitung) weitgehend unbemerkt zum Präsidenten des Evangelischen Kirchentags in Dortmund 2019 gewählt wurde: Unter seinem Vorsitz hat das Kirchentagspräsidium in geheimer Sitzung am vergangenen Freitag einen Boykott beschlossen, der AfD-Politiker von der Teilnahme an Podien und Diskussionsveranstaltungen auf Deutschlands größtem Christentreffen ausschließt. "Dem Kirchentag geht es ums Zuhören, aber ich möchte nicht Herrn Gauland zuhören", sagt Leyendecker im Interview mit der ZEIT-Beilage Christ & Welt. "Wir laden Wähler und Sympathisanten der AfD ausdrücklich ein – nicht aber Repräsentanten der AfD." Der "Doppelbeschluss für Dortmund" erinnert nicht nur sprachlich an den Nato-Doppelbeschluss, der einst Kanzler Helmut Schmidt zu Fall brachte – denn politisch wie kirchlich dürfte er sich als brisant erweisen.

In diesem Frühjahr erst hat das katholische Pendant, der Katholikentag, von einem ähnlichen Boykott-Kurs wieder Abschied genommen. 2016 hatte der Katholikentag AfD-Politiker noch verbannt, sie aber nach einer turbulenten öffentlichen Debatte 2018 erneut zugelassen. Bisher war das auch die Linie der evangelischen Laienorganisation gewesen, die alle zwei Jahre mehr als hunderttausend Teilnehmer versammelt. "Die AfD entwickelt sich rasend weiter nach rechts, die Radikalisierung der Partei schreitet voran", begründet Leyendecker den Kurswechsel.

Thomas Sternberg dagegen, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, verteidigte seine Einladung eines AfD-Bundestagsabgeordneten so: "Die AfD darf keine Gelegenheit bekommen, sich als Märtyrer zu inszenieren." Leyendecker kontert: "Ich warne davor, auf das Opfer-Märchen der AfD hereinzufallen. Diese Partei wird sich immer als Opfer darstellen." Doch kann eine Partei gut genug für den Bundestag sein, nicht aber gut genug für den Kirchentag? "Dass die AfD im Parlament sitzt, ändert doch nichts daran, dass sie auf dem Weg zu einem Frontalangriff auf die liberale Demokratie ist", argumentiert Leyendecker. "Manche Plädoyers für den Dialog mit der AfD sind aus meiner Sicht eher dem Wunsch geschuldet, sich aus taktischen Gründen einer politischen Stellungnahme zu entziehen", so der Kirchentagspräsident, "da muss man Kante zeigen, Position beziehen." Sind Deutschlands Protestanten damit Trendsetter, weil sie nach Chemnitz signalisieren, dass die AfD nicht länger zum demokratischen Spektrum gehört? Oder erleidet der politischste Kirchentagspräsident seit Langem seine erste politische Niederlage? Spätestens beim Eröffnungsgottesdienst in Dortmund trifft das SPD-Mitglied Leyendecker womöglich auf AfD-Fraktionschef Gauland, denn der Boykott gilt nicht für Andachten. Leyendecker sagt: "Wenn er kommen will, wird er einen Platz bekommen."