ZEIT: Will jeder, der die Stelle wechselt, am neuen Ort mehr verdienen?

Aebi: Nicht unbedingt. Heute wird viel Wert darauf gelegt, welche Folgen ein Jobwechsel hat, auch bei Männern. Man will Kinder nicht aus dem Umfeld herausreißen, überlegt sich einen Umzug oder lange Reisestrecken gut. Ich sehe eine Entwicklung weg vom rein monetären hin zu anderen Dingen, die wichtig sind.

ZEIT: Aber der Lohn ist entscheidend?

Aebi: Er muss einfach stimmen – und in einem Verhältnis stehen zu dem, was man früher verdient hat. Aber wenn Sie eine halbe Million Franken verdienen, ist es, was den Lebensstandard betrifft, nicht entscheidend, ob Sie 50.000 mehr oder weniger bekommen. Am Ende ist es eine Frage des Typs, wie geldgetrieben jemand ist.

ZEIT: Wie merken Sie, wie jemand tickt?

Aebi: Wer bereits eine Stelle hat, in der ein großer Teil des Lohnes variabel, also leistungsabhängig ist, der mag den Kick – und passt in eine monetär getriebene Branche und wird dort glücklich und erfolgreich.

"Frauen sind etwas zurückhaltender, wenn ich anrufe und ihnen sage, dass ich sie für einen Job auf dem Radar habe."

ZEIT: Verhandeln Frauen anders, wenn es um Geldfragen geht?

Aebi: Das könnte ich nicht sagen. Aber die Biografien führen Frauen eher in Branchen, die nicht so geldgetrieben sind. Gleichzeitig gibt es sehr harte Verhandlerinnen, Hedgefonds-Managerinnen, die sich stark über den Lohn definieren.

ZEIT: Beobachten Sie andere Unterschiede?

Aebi: Frauen sind etwas zurückhaltender, wenn ich anrufe und ihnen sage, dass ich sie für einen Job auf dem Radar habe.

ZEIT: Für Männer ist es selbstverständlicher, dass sie im Rennen sind?

Aebi: Tendenziell ist das so. Aber Frauen sind so verschieden wie Männer.

ZEIT: Trotzdem liegt der Frauenanteil in den 20 größten an der Börse zugelassenen Unternehmen der Schweiz nur bei 24 Prozent. Wie erklären Sie sich das?

Aebi: Die oberste, also entscheidende Charge ist in den allermeisten Fällen stark männerdominiert, im Verhältnis 80 : 20, im besten Fall 70 : 30. Wenn ich eine Shortlist in die Endauswahl gebe und vier Männer und zwei Frauen zur Auswahl stehen, ist die Chance natürlich größer, dass ein Mann das Rennen macht. Besonders bei Firmen, die in Umstrukturierungsphasen stecken, stelle ich eine gewisse Vorsicht fest. Man fragt sich: Wie soll die Person sein, die uns repräsentiert, wenn wir negative Botschaften vermitteln? Stellen abbauen?

"Für eine Firma, die in der Wachstumsphase ist und für Erfolg und Aufbruch steht, ist eine Frau an der Spitze ein Vorteil."

ZEIT: Kann das ein Mann besser?

Aebi: Nein! Aber in Krisenzeiten wird medial auf die Entscheidungsträger geschossen, also auf den CEO oder den Verwaltungsratspräsidenten. Ist es eine Frau, drücken die alten Stereotype durch. Man fragt sich: War sie der Sache nicht gewachsen? Oder es heißt: Ou, die greift durch! Aus der Forschung weiß man, dass solche Muster in schlechten Zeiten stärker durchdringen als in guten.

ZEIT: Für ein Unternehmen ist es also riskanter, eine Frau zum Chef zu machen als einen Mann?

Aebi: Nicht unbedingt. Es gibt auch den anderen Fall: Für eine Firma, die in der Wachstumsphase ist und für Erfolg und Aufbruch steht, ist ein Frau an der Spitze ein Vorteil.