DIE ZEIT: Herr Außenminister, Sie sind ein sehr populärer Politiker. Warum profitiert die SPD davon nicht?

Heiko Maas: Die Popularität einzelner Personen wird nicht mehr automatisch Parteien zugeschrieben. Das ist eine Veränderung, die sich über viele Jahre ergeben hat.

ZEIT: Was ist das Sozialdemokratische an Ihrer Außenpolitik?

Maas: Außenpolitik ist am wenigsten für parteipolitische Positionskämpfe geeignet. Zu sozialdemokratischer Außenpolitik gehören für mich Verantwortung und Verlässlichkeit. Nationalisten und Populisten haben in mir einen entschiedenen Gegner. Wir wollen Friedensstifter sein. Meine Außenpolitik geht mehr mit der ausgestreckten Hand als mit erhobenem Zeigefinger durch Europa und die Welt.

ZEIT: In dieser Woche kommt der türkische Präsident Erdoğan nach Berlin. Vor einem Jahr sagten Sie: Wenn die Türkei deutsche Staatsbürger in Geiselhaft nähme, müsse man bereit sein, "in der Eskalationsstufe einen Schritt weiter zu gehen". Heute sind immer noch fünf Deutsche in politischer Haft. Was wäre jetzt der nächste Schritt?

Maas: Um da etwas zu bewegen, muss man mehr miteinander reden. Das beginnt jetzt wieder. Wie es sich weiterentwickelt, wird auch von der Türkei abhängen. Was ich in meinen Gesprächen immer wieder klipp und klar anspreche, sind die Haftfälle, der Umgang mit der Presse- und der Meinungsfreiheit, die Entwicklung in der Justiz.

ZEIT: Wieder miteinander zu reden ist für Sie "der nächste Schritt der Eskalationsstufe"?

Maas: Wir haben den Druck bereits erhöht: Die Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union sind auf Eis gelegt worden. Die EU-Vorbeitrittshilfen für die Türkei wurden gekürzt. Und die öffentlichen Einlassungen der Bundesregierung über die Türkei sind sehr eindeutig.

ZEIT: Hat das etwas geändert?

Maas: Der türkische Staatspräsident hat ein großes Interesse daran, sein Verhältnis mit Deutschland wieder in vernünftige Bahnen zu lenken, und wir sind natürlich auch gespannt darauf, was er dazu beitragen wird. Die Türkei selbst hat es auch in der Hand, ob die EU eine europäische Perspektive für die Türkei auch langfristig komplett ausschließt. Wir sehen übrigens auch, dass die deutsche Wirtschaft jetzt Druck macht. Immer mehr Firmen sind Investitionen in der Türkei zu riskant, weil ihnen das Vertrauen in die Regierung fehlt.

ZEIT: Sind wir so weit, dass Wirtschaftsunternehmen jetzt für Menschenrechte eintreten?

Maas: Warum denn nicht? Unternehmen sind ein wichtiger Teil der Zivilgesellschaft. Vor Ort ist das vor allem gespeist aus der Sorge um die eigenen, türkischen Mitarbeiter. Wenn die Opfer der türkischen Justiz werden, trägt das jedenfalls nicht zur erhöhten Investitionsbereitschaft bei.

ZEIT: Muss Erdoğan in Berlin mit militärischen Ehren und Staatsbankett empfangen werden?

Maas: Es gibt eine Einladung des Bundespräsidenten, und Herr Erdoğan ist der gewählte Staatspräsident der Türkei. Im Übrigen: Wichtiger als das reine Format der Einladung ist, was wir mit der Türkei besprechen.

ZEIT: Nun häuft sich die Zahl der Absagen für das Staatsbankett. Könnte sein, dass der Bundespräsident an dem Abend im Schloss Bellevue ganz allein mit Herrn Erdoğan sitzt.

Maas: Jeder mag frei entscheiden, ob er der Einladung folgt. Aber zu glauben, Herr Erdoğan werde sich ärgern, wenn man nicht zum Staatsbankett kommt, ist schon beherzt. Egal ob man das Bankett nun persönlich für berechtigt hält: Je stärker Kritiker die Gelegenheit nutzen, an dem Abend dabei zu sein, desto mehr sagt das doch über unsere Kultur der Meinungsfreiheit!