Wo sie auftrat (immer auf hochhackigen Schuhen), war Glamour. Wenn sie kam (meist orange gekleidet), ging ein Sonnenstrahlen von ihr aus. Die vor Lebenslust sprühende, die lustige und laute, schicke, unkonventionelle, charmante, exzentrische Inge. Das Leben schien für sie ein einziger Kindergeburtstag zu sein.

Aber es war nicht immer Kindergeburtstag. Inge Schönthal wuchs in Göttingen auf als Tochter eines jüdischen Deutschen. Er trennte sich von der Mutter, die einen deutschen Offizier heiraten konnte, der die Tochter adoptierte und so rettete. Erst nach der Befreiung begriff das junge Mädchen, was sie den dreien zu verdanken hatte. Im Nachkriegsdeutschland setzte sich die aparte junge Frau mit den Katzenaugen und dem gewinnenden Lächeln aufs Fahrrad und fuhr nach Hamburg, wo sie in die Welt der Illustrierten eintauchte und schnell alle wichtigen Leute wie Rudolf Augstein, Axel Cäsar Springer und Heinrich Maria Ledig-Rowohlt kennenlernte. Mit der "Impertinenz und Arroganz des kleinen Provinzmädchens, das international sein wollte", wie sie selbst sagte. Als Fotoreporterin für Constanze porträtierte sie Pablo Picasso, Gary Cooper, Greta Garbo, Simone de Beauvoir, Cecil Beaton, gerade im "moment décisif", im richtigen Moment; ein wunderbarer Bildband zeugt von diesem Blick – und der großen Welt, in die sie aus dem engen Göttingen entkommen war. Berühmt ist ihr Foto mit Ernest Hemingway. Gern erzählte sie, wie wenig Lust Hemingway hatte, aufgenommen zu werden, und dass der abgebildete Fisch tagelang im Kühlschrank gelegen hatte und stank.

Und dann lernt sie Giangiacomo Feltrinelli kennen, 1958, den italienischen Verleger von Doktor Schiwago und Der Leopard, den Kommunisten und Millionär. Sie ist fasziniert von dem "tragisch-romantischen" Mann, reist mit ihm nach Kuba, folgt ihm nach Mailand, in die Via Andegari, wo bis vor Kurzem der Verlagssitz von Feltrinelli war. Als Giangiacomo in den Untergrund geht, beginnt eine verstörende Zeit. Sie will mit Büchern die Welt verändern, er im Kampf. Sie trifft ihn heimlich, bringt Geld und hat ihn dabei schon verloren. 1972 kommt er bei einem Sprengstoffanschlag ums Leben – wer dahintersteckt, die CIA oder die eigenen Leute der Brigate Rosse, wird nie geklärt.

Der gemeinsame Sohn Carlo ist zehn, als Inge die unglaublich mutige Entscheidung trifft, den Verlag und die Feltrinelli-Buchhandlungen fortzuführen. Die Lage war beklemmend, plötzlich fehlte das Geld, Autoren gingen, und Angestellte mussten entlassen werden. "Die Hyänen haben schon an allen Ecken gelauert", erinnert sich Klaus Wagenbach, der als einziger Verleger am Grab von Giangiacomo Feltrinelli sprach, auf einem Friedhof, der umlagert war von Schützenpanzern und Helikoptern.

Inge Feltrinelli hat sich zeitlebens für linke Politik eingesetzt, für eine Intellektuelle hielt sie sich nicht. Sie sah sich eher als Katalysator und den Verlag als eine Art Karawanserei. "Du musst unendlich gastfreundlich sein, zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar, musst Autoren verführen, mit Autorität umwerben, sie provozieren, kritisieren, stimulieren, immer wieder stimulieren." Das war ihr Credo, das gab sie dem jungen Wagenbach und später auch mir mit auf den Weg. In ihrem Haus waren sie alle: Ingeborg Bachmann, Günter Grass, Herta Müller, Ingo Schulze, Nadine Gordimer, Richard Ford, Gabriel García Márquez, Umberto Eco, Stefani Benni und so weiter. Inge brachte internationales Flair: in den Verlag, aber auch nach Italien. Sie war hochverehrt und blieb doch die Deutsche – und in Deutschland wirkte sie sehr italienisch. Beeindruckt von der mondänen Dame, fragte die kleine Tochter Wagenbachs im Frankfurt der frühen Sechzigerjahre: "Bist du eine Königin?" Sie war überall ein bisschen zu Hause, plauderte ihr eigenes Französisch, Englisch und Italienisch durcheinander. Sie war eine der letzten großen internationalen Verlegerpersönlichkeiten.

Ob ihre Leidenschaft mehr dem Verlag oder den Buchhandlungen galt, lässt sich kaum sagen, die Läden waren jedenfalls lange das finanzielle Rückgrat. Vor allem galt ihre Passion dem Buch und dem Lesen. Als Werbetrommel lief sie durch die Welt, verteilte Prospekte, schrieb die berühmten Postkarten mit Einladungen zur Eröffnung eines weiteren Ladens, wo es vorher nie eine Buchhandlung gegeben hatte. Und alle kamen – manchmal musste die Polizei die Straßen absperren. Es gelang sogar, diesen Rummel in den Alltag zu retten: Es verblüfft immer, wie wuselig es zugeht in den Feltrinelli-Läden und vor allem, wie jung das Publikum dort ist.

Überhaupt die Jugend: Nichts tat Inge lieber, als sie zu fördern. Weil es in Italien keine Buchhändlerlehre gab, initiierte sie mit anderen eine Schule in Venedig, im Verlag ermutigte sie die Jungen, Neues zu wagen und nur nicht im Kleinen stecken zu bleiben. Sie war eine Menschenzusammenbringerin und – nicht selbstverständlich – eine Frauenförderin. Mich hat sie auf der Turiner Buchmesse ins Schlepptau genommen: Man konnte von ihr unendlich viel lernen. Und sie war eine treue Freundin, die genau beobachtete und die pfiffigsten Geschenke machte (mit einem Hang zu Rot oder Orange).

Inge Feltrinelli las wie eine Verrückte – nichts Neues, von dem sie nicht wusste und das nicht auf ihrem Tischchen lag (und dort auch von den Besuchern gesehen werden wollte). "L’ho letto, ma non personalmente", war einer ihrer Lieblingssprüche – sie selbst hatte das fragliche Buch natürlich gelesen und konnte nicht verstehen, dass der andere nicht wenigstens wusste, worum es ging. Sie war wissbegierig und urteilsstark, Menschen oder Bücher konnten "wunderbar" oder "grässlich" sein, Mittelmaß langweilte sie.

Dabei war die disziplinierte und mit sich strenge Inge ein Genussmensch: Wenn sie auf der Frankfurter Buchmesse zum Wagenbach-Stand kam, rief sie schon von Weitem: "Champagner!" Und in Berlin musste es Sülze mit Bratkartoffeln sein. Bei Festen stand sie im Mittelpunkt – und hat sich irgendwann unauffällig davongemacht. Diesmal kommt sie nicht wieder. Sie wird sehr fehlen.