Lauter aufgeregte Männer: Menschenmenge vor der Londoner Börse Ende der Zwanzigerjahre © ullstein bild via Getty Images

Es ist vielleicht der bekannteste Satz in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaft. "Auf lange Sicht sind wir alle tot", hat John Maynard Keynes einmal bemerkt. Jenen Ökonomen, die nur auf die ferne Zukunft blicken, warf Keynes vor, dass sie es sich zu einfach machten. Mit der Vorhersage, dass sich das Meer nach dem Sturm auch wieder beruhige, sei, so Keynes, während des Unwetters niemandem geholfen.

Für den britischen Ökonomen, der von 1883 bis 1946 lebte, war auch der kurze Zeithorizont relevant. Er ging davon aus, dass Märkte oft aus dem Gleichgewicht gerieten und so innerhalb kurzer Zeit Schwankungen und auch Gelegenheiten zum Eingriff durch Wirtschaftspolitiker bestünden.

Ging es aber um Kapitalanlagen, dachte Keynes vorwiegend langfristig. Er war kein Spekulant, sondern ein kreativer Investor. Und obwohl ihm nicht alles gelang, erzielte er über ein Vierteljahrhundert eine jährliche Rendite, die im Schnitt acht Prozentpunkte über der des britischen Aktienindex lag.

Keynes, der wohl bedeutendste Ökonom des vergangenen Jahrhunderts, war ein umtriebiger Mann. Er beriet die britische Regierung in Zeiten von Krieg und Krise, machte sich philosophische Gedanken über Wahrscheinlichkeiten und entwarf 1944 in Bretton Woods die Grundzüge des weltweiten Finanzsystems der Nachkriegszeit.

Daneben verwaltete er von 1921 an bis zu seinem Tod 1946 das Stiftungsvermögen des King’s College in Cambridge, jener Institution, an der er zuerst als Fellow und später als Professor seine akademische Heimat hatte. Nach heutigen Maßstäben gerechnet, summierte sich das Vermögen der Institution auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Den Kern bildeten Gebäude und Ländereien, die das College seit Jahrhunderten verpachtete. Doch Keynes setzte durch, dass er als Verwalter über einen Teil des Vermögens frei verfügen und ihn anders anlegen konnte – und investierte am Aktienmarkt.

Lange prägten Legenden das Bild des Investors Keynes. Sein Biograf Donald Moggridge etwa berichtet, dass Keynes das Volumen der King’s Chapel, der weltberühmten gotischen Kapelle des Colleges, schätzen ließ, in der Absicht, dort Getreide einzulagern, um es später mit Gewinn zu verkaufen.

Wie Keynes wirklich für das College investiert hat, haben kürzlich zwei Ökonomen untersucht. David Chambers (Cambridge) und Elroy Dimson (London) konnten Abrechnungen und Jahresberichte aus dem Archiv des King’s College einsehen und so die Anlagestrategie von Keynes im Detail rekonstruieren. Ihre Analyse kratzt am Mythos, denn sie zeigt: Keynes hatte anfangs wenig Erfolg. Vor allem aber dokumentiert sie, wie Keynes seine Strategien über die Jahre anpasste und mit welchen er schließlich eine fulminante Rendite erzielte. Diese Lehren sind noch heute von Interesse.

1) Das Auf und Ab der Märkte ist unberechenbar

In den frühen Zwanzigerjahren versuchte Keynes zunächst, seine Investitionsentscheidungen auf makroökonomisches Fachwissen zu stützen. Er berief sich dabei auf die Theorie des Kreditzyklus: Steigt die Nachfrage nach Krediten, so steigen auch die Zinsen, und es wird attraktiver, Geld auf einem Sparkonto anzulegen. Dadurch sinkt die Nachfrage nach Aktien, und die Kurse fallen. Gibt es einen Zyklus fallender und steigender Zinsen, so entstehen entgegengesetzte Bewegungen an den Aktienmärkten. Einem Investor eröffnet das die Möglichkeit, durch den Kauf und Verkauf der Aktien im richtigen Moment Gewinne zu erzielen.

Genau das probierte Keynes, doch selbst ihm, dem Begründer der modernen Makroökonomie, gelang das offenbar nicht. Chambers’ und Dimsons statistische Auswertungen liefern keinen Beleg dafür, dass Keynes in der Lage war, die Bewegungen des Kreditzyklus vorherzusehen. Keynes selbst bemerkte dazu im Jahr 1938, dass ihm das nicht so recht geglückt sei und es in Anbetracht der Kosten von Kauf und Verkauf und der Zinseinbußen wohl "phänomenale Fähigkeiten" brauche, um mit einer solchen Strategie Erfolg zu haben.

Keynes’ Rendite jedenfalls war in den ersten Jahren mager. Schon 1929 lag er insgesamt fast 20 Prozent unter den Erträgen des Aktienindizes des Vereinigten Königreichs.