Am Ende, als sie ihren Peinigern schon fast entronnen war, als die junge Ordensschwester ihrer Ordensoberin erklärte, sie werde den Orden verlassen, da erlegte sie sich selbst eine Schweigepflicht auf. Doris Wagner versprach, ihre Vergewaltigung durch den Ordensbruder Burkhard F. für sich zu behalten.

Niemand hatte sie in diesem Moment darum gebeten. Warum also? Warum gab eine intelligente Frau von 27 Jahren im Jahr 2010 solch ein Versprechen? Erstens, sie hatte Angst, sonst von dem Orden unter Druck gesetzt zu werden. Zweitens, die junge Deutsche war zuvor, als sie sich in dem Ordenshaus in Rom, wo sie missbraucht worden war, Hilfe suchend an ihre dortige Regionaloberin Christine F. gewandt und die Tat berichtet hatte, von dieser angebrüllt worden. Drittens, in der Geistlichen Familie wurde prinzipiell nicht der Mann, sondern die Frau als Problem gesehen; man hämmerte den Ordensschwestern ein, sie dürften ihre Mitbrüder nicht in Versuchung bringen. Viertens, die Oberin schlug ihr im Abschiedsgespräch tatsächlich vor, den Abschied zu beschönigen, und das hatte die junge Frau wohl schon geahnt.

"Wir sagen den anderen, dass du gegangen bist, weil du dich nicht mehr genügend in die Gemeinschaft einfügen kannst, ist das in Ordnung?", habe Christine F. gefragt. Es war in Ordnung, erinnert sich Doris Wagner, denn die Wahrheit kam ohnehin nicht infrage. "Schwester Doris ist ausgetreten, weil Pater Burkhard sie vergewaltigt hat" ging nicht. "Schwester Doris ist ausgetreten, weil wir sie jahrelang manipuliert und psychisch unter Druck gesetzt haben" ging nicht. Sollten sie doch sagen, was sie wollten!

Dieses Gespräch hat Doris Wagner später in einem Buch rekapituliert, das von ihrer Ordenszeit der Jahre 2002 bis 2010 handelt. Die schmerzvollsten Vorgänge aber kann man in Vernehmungsprotokollen der deutschen und österreichischen Polizei nachlesen, die der ZEIT vorliegen. Sie beginnen in einem deutschen Dorf und enden beim deutschen Papst in Rom. Sie geben Antwort auf die große Frage, die sich jetzt alle stellen, Katholiken, Bischöfe, das Land:

Wie konnte es geschehen, dass Kleriker tausendfach Missbrauch begingen, ohne dass sie bestraft wurden? Wie konnte es geschehen, dass all die Missbrauchsfälle in den Bistumsarchiven dokumentiert wurden, folgenlos? Doris Wagners Schicksal belegt: Es geschah und geschieht nicht nur aus Angst vor Skandal. Sondern weil die Kirche, indem sie sich gegen die moderne Welt abschottete, zum Selbstzweck wurde. Weil sie in ihrem Machtwahn die Gutgläubigsten verletzte: die Kinder, die Jugendlichen, die Frommen.

Doris Wagners Orden "Das Werk" lockte durch sein Charisma junge Menschen an, doch im Innern herrschte Gehorsam, galt der Einzelne nichts, war Selbstaufopferung das Ziel und Gott ein Drohwort. "In so einem System kann es gar nicht nicht zu Missbräuchen kommen, denn die ganze Struktur ist missbräuchlich", sagt die ehemalige Ordensschwester heute. Ihr Schicksal zeigt, warum die Kirche eine eigene Gefahrenzone bleibt: weil hier sexueller Missbrauch immer auch geistlicher Missbrauch war.

Doris Wagner brach ihr Schweigen, als sie erkannte, dass es ein Ausdruck ihres alten Ordensgehorsams war. Doch den tiefsten Grund ihres Schweigenwollens nennt sie erst jetzt, im Herbst 2018, als ihre Kirche gerade in weltweiten Missbrauchsskandalen versinkt. Doris Wagner wirkt, als hätte sie den Missbrauch überlebt, klar, fast heiter. Sie ist mittlerweile 35 Jahre alt und promoviert in Philosophie, eine zarte, selbstbewusste Frau. Wenn sie spricht, schaut sie ihr Gegenüber offen an. "Ich wollte mit meinem Schweigen meine Kirche schützen", sagt sie.

Die Nonne: Doris Wagner, 34, trat nach dem Abitur in einen Orden ein. Dort wurde sie missbraucht. © Samira Schulz für DIE ZEIT

Direkt nach der Tat des Mitbruders, noch im Orden, sei es ein stummes Erleiden gewesen. Nur mit wenigen Widerworten und hilflosen Gesten der Abwehr hatte sie auch den Missbrauch über sich ergehen lassen. Da war sie durch die Willkür ihrer Ordensoberen schon paralysiert. Erst allmählich habe sie sich von der Gemeinschaft distanziert. Dennoch fürchtete sie, dem Bild der Kirche zu schaden, wenn sie ihren Missbrauch anzeigte. Heute sagt sie: "Das Vertuschen beginnt bei einem selbst."

An einem warmen Herbsttag sitzt sie im Straßencafé in einer kleinen Stadt in Hessen. Das Draußensein ist eine Allerweltsfreiheit, die ihr acht Jahre lang verwehrt war. Damals durfte sie nichts an ihrem Tagesablauf selbst bestimmen; die Einser-Abiturientin sollte keine Bücher lesen, nur beten; durfte nicht essen, wenn sie Hunger hatte; musste sich in hässlichen langen Röcken und hochgeschlossenen Blusen verstecken; und was der Sinn ihres Keuschheitsgelübdes sein sollte, konnte niemand in der Geistlichen Familie "Das Werk" ihr näher erklären.