Am Ende, als sie ihren Peinigern schon fast entronnen war, als die junge Ordensschwester ihrer Ordensoberin erklärte, sie werde den Orden verlassen, da erlegte sie sich selbst eine Schweigepflicht auf. Doris Wagner versprach, ihre Vergewaltigung durch den Ordensbruder Burkhard F. für sich zu behalten.

Niemand hatte sie in diesem Moment darum gebeten. Warum also? Warum gab eine intelligente Frau von 27 Jahren im Jahr 2010 solch ein Versprechen? Erstens, sie hatte Angst, sonst von dem Orden unter Druck gesetzt zu werden. Zweitens, die junge Deutsche war zuvor, als sie sich in dem Ordenshaus in Rom, wo sie missbraucht worden war, Hilfe suchend an ihre dortige Regionaloberin Christine F. gewandt und die Tat berichtet hatte, von dieser angebrüllt worden. Drittens, in der Geistlichen Familie wurde prinzipiell nicht der Mann, sondern die Frau als Problem gesehen; man hämmerte den Ordensschwestern ein, sie dürften ihre Mitbrüder nicht in Versuchung bringen. Viertens, die Oberin schlug ihr im Abschiedsgespräch tatsächlich vor, den Abschied zu beschönigen, und das hatte die junge Frau wohl schon geahnt.

"Wir sagen den anderen, dass du gegangen bist, weil du dich nicht mehr genügend in die Gemeinschaft einfügen kannst, ist das in Ordnung?", habe Christine F. gefragt. Es war in Ordnung, erinnert sich Doris Wagner, denn die Wahrheit kam ohnehin nicht infrage. "Schwester Doris ist ausgetreten, weil Pater Burkhard sie vergewaltigt hat" ging nicht. "Schwester Doris ist ausgetreten, weil wir sie jahrelang manipuliert und psychisch unter Druck gesetzt haben" ging nicht. Sollten sie doch sagen, was sie wollten!

Dieses Gespräch hat Doris Wagner später in einem Buch rekapituliert, das von ihrer Ordenszeit der Jahre 2002 bis 2010 handelt. Die schmerzvollsten Vorgänge aber kann man in Vernehmungsprotokollen der deutschen und österreichischen Polizei nachlesen, die der ZEIT vorliegen. Sie beginnen in einem deutschen Dorf und enden beim deutschen Papst in Rom. Sie geben Antwort auf die große Frage, die sich jetzt alle stellen, Katholiken, Bischöfe, das Land:

Wie konnte es geschehen, dass Kleriker tausendfach Missbrauch begingen, ohne dass sie bestraft wurden? Wie konnte es geschehen, dass all die Missbrauchsfälle in den Bistumsarchiven dokumentiert wurden, folgenlos? Doris Wagners Schicksal belegt: Es geschah und geschieht nicht nur aus Angst vor Skandal. Sondern weil die Kirche, indem sie sich gegen die moderne Welt abschottete, zum Selbstzweck wurde. Weil sie in ihrem Machtwahn die Gutgläubigsten verletzte: die Kinder, die Jugendlichen, die Frommen.

Doris Wagners Orden "Das Werk" lockte durch sein Charisma junge Menschen an, doch im Innern herrschte Gehorsam, galt der Einzelne nichts, war Selbstaufopferung das Ziel und Gott ein Drohwort. "In so einem System kann es gar nicht nicht zu Missbräuchen kommen, denn die ganze Struktur ist missbräuchlich", sagt die ehemalige Ordensschwester heute. Ihr Schicksal zeigt, warum die Kirche eine eigene Gefahrenzone bleibt: weil hier sexueller Missbrauch immer auch geistlicher Missbrauch war.

Doris Wagner brach ihr Schweigen, als sie erkannte, dass es ein Ausdruck ihres alten Ordensgehorsams war. Doch den tiefsten Grund ihres Schweigenwollens nennt sie erst jetzt, im Herbst 2018, als ihre Kirche gerade in weltweiten Missbrauchsskandalen versinkt. Doris Wagner wirkt, als hätte sie den Missbrauch überlebt, klar, fast heiter. Sie ist mittlerweile 35 Jahre alt und promoviert in Philosophie, eine zarte, selbstbewusste Frau. Wenn sie spricht, schaut sie ihr Gegenüber offen an. "Ich wollte mit meinem Schweigen meine Kirche schützen", sagt sie.

Die Nonne: Doris Wagner, 34, trat nach dem Abitur in einen Orden ein. Dort wurde sie missbraucht. © Samira Schulz für DIE ZEIT

Direkt nach der Tat des Mitbruders, noch im Orden, sei es ein stummes Erleiden gewesen. Nur mit wenigen Widerworten und hilflosen Gesten der Abwehr hatte sie auch den Missbrauch über sich ergehen lassen. Da war sie durch die Willkür ihrer Ordensoberen schon paralysiert. Erst allmählich habe sie sich von der Gemeinschaft distanziert. Dennoch fürchtete sie, dem Bild der Kirche zu schaden, wenn sie ihren Missbrauch anzeigte. Heute sagt sie: "Das Vertuschen beginnt bei einem selbst."

An einem warmen Herbsttag sitzt sie im Straßencafé in einer kleinen Stadt in Hessen. Das Draußensein ist eine Allerweltsfreiheit, die ihr acht Jahre lang verwehrt war. Damals durfte sie nichts an ihrem Tagesablauf selbst bestimmen; die Einser-Abiturientin sollte keine Bücher lesen, nur beten; durfte nicht essen, wenn sie Hunger hatte; musste sich in hässlichen langen Röcken und hochgeschlossenen Blusen verstecken; und was der Sinn ihres Keuschheitsgelübdes sein sollte, konnte niemand in der Geistlichen Familie "Das Werk" ihr näher erklären.

Sie wurde als "Instrument des Teufels" beschimpft

Kein Wunder, dass diese "Familie", die den weiblichen Körper verteufelte, den Körper einer einzelnen Schwester nicht schützte. Schon als Doris Wagner erste Annäherungsversuche von Burkhard F. bei ihrer Oberin anzeigte, wurde sie mit Schelte und Geschrei bestraft. Als sie den Pater selbst zurückwies, als sie ihm sogar einen Brief schrieb, hielt das ihn, den Verantwortlichen der Priestergemeinschaft des Ordens in Rom, der in der Hierarchie weit über ihr stand, nicht von weiteren Nachstellungen ab. Man muss wissen, dass eine bloße Berührung zwischen Männern und Frauen strikt verboten war. Er aber legte einen Arm um ihre Schulter, schließlich kam er abends in ihr Zimmer. Ein Sakrileg. Wohin fliehen? Wen zu Hilfe rufen? Durch das Willkürregime im Orden war sie längst isoliert. In den Vernehmungsakten der deutschen Polizei aus dem Jahr 2012 liest es sich so:

Frage: "Und wie ging es weiter?"

Wagner: "Ich hielt nicht für möglich, dass er irgendetwas tun würde. Dann kam er und hat sich neben mich aufs Sofa gesetzt. Er hat einfach nichts gesagt, und ich wollte anfangen zu reden. Er hat meine Hand genommen und einen Knopf an der Bluse in der Höhe des Handgelenks aufgemacht. Dann öffnete er die Knöpfe meiner Bluse am Hals nach unten hin, und ich fragte, Pater Burkhard, was machen Sie? Ich sagte, das dürfen Sie nicht. Ich habe versucht, seine Hände festzuhalten ..." Es folgen die Details.

Frage: "Haben Sie ihm gesagt, dass Sie das nicht wollen?"

Antwort: "Er hat einfach weitergemacht. Er ist viel stärker als ich und hat einfach weitergemacht."

Frage: "Haben Sie etwas zu ihm gesagt?"

Antwort: "Ich war wie gelähmt und konnte auch gar nichts sagen. Das hat sich angefühlt, als wäre ich weggetreten. Ich hatte auch Angst."

Der Ehemalige: Benedikt XVI. trat vom Amt des Papstes zurück. Wir zeigen ihn als Kardinal bei einer Messe für "Das Werk". © privat

Ohne Zögern berichtet die Zeugin von den hässlichen Abenden. Das unfreiwillige Entkleidetwerden; der ältere, ungepflegte Mann; die Schmerzen; das Blut; wie der "Mitbruder" sie benutzt für seinen Geschlechtsverkehr, hier befriedigt sich einer an einem unterlegenen Menschen, als wäre der gar nicht da. Man muss das Intime des Übergriffs in der "Geistlichen Familie" sehen, um zu verstehen, was innerkirchlicher Missbrauch ist. Warum Kinder nicht schreiend wegliefen. Warum 17-jährige Jungen stillhielten, als sie vom Pfarrer, der sich erst so rührend um sie gekümmert hatte, vergewaltigt wurden. Sexuelle Gewalt ist immer schambesetzt, aber in kirchlichen Zusammenhängen besonders: Einerseits die kirchliche Sexualmoral, andererseits der "Gottesmann". Für die, die katholisch glauben, missbraucht da einer, der geweiht und folglich näher bei Gott ist. Ein Priester kann das Sakrament der Weihe durch nichts, durch keine Suspension und keine Laisierung verlieren.

Doris Wagners Fehler war wohl auch ihr inniger Glaube: "Ich glaubte fest daran, dass alles, was der Papst und die Bischöfe lehrten, wahr war. Alles Übel in der Kirche rührte daher, dass so viele Gläubige nicht auf ihre Hirten hörten." Sie wurde missbraucht, als sie schon fast sechs Jahre im Orden ausgehalten hatte. Allerdings schaffte sie es vergleichsweise schnell, sich zu offenbaren, sie vertraute sich noch im selben Jahr 2008 einem anderen Mitbruder an. Seine Zeugenaussage bei der Polizei stammt aus dem Jahr 2012. Er war der Erste, der das Opfer sogleich als Opfer sah, der zu helfen versprach und sich später bei Ordensoberen für Doris Wagner einsetzte. Seine Solidarität bewirkte, dass sie den Vergewaltiger wenige Wochen danach zurückzuweisen wagte. Das half. Dass mehrere Vorgesetzte von der Tat erfuhren, half nicht, sie ließen den Täter unbehelligt. Ein italienischer Beichtvater, dem das Opfer sich anvertraute, beschimpfte sie als "Instrument des Teufels". Und ein Jahr nach dem Missbrauch wurde sie von dem Mitbruder Hermann G. in der Beichte belästigt. Er behauptete: "Ich weiß, dass Sie mich lieben." Dann versuchte er, die Frau zu küssen.

Die Oberin, als sie es erfuhr, warb um Verständnis für den Pater, er sei anfällig, das wisse man. Über den Haupttäter Burkhard F. sagte sie, man müsse für ihn beten. So berichtete es Doris Wagner der Polizei. So erzählt sie es in ihrem Buch Nicht mehr ich. Der Titel stammt aus dem Bibelmotto, das sie sich ursprünglich wählte: "Ich lebe, aber nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir, der mich liebt und sich für mich hingegeben hat."

Am menschenfreundlichsten reagierte noch der damalige Generalobere für die Priestergemeinschaft des "Werkes", Peter W., damals in Bregenz, der heute Pfarrer ist: Er bat das Opfer um Vergebung und berichtete ihrem loyalen Mitbruder, der sich für sie eingesetzt hatte, der Täter Burkhard F. habe den Missbrauch gestanden und bereue ihn. Niemand aus der Ordenshierarchie stellte die Taten damals infrage, auch nicht in späteren Briefen an Doris Wagner. Die Verfasser beziehen sich zwar nur indirekt auf den Missbrauch, aber wünschen dem Opfer salbungsvoll, es möge seinen Frieden mit dem Erlebten machen, vor allem vergeben.

Ich glaubte fest daran, dass alles, was der Papst und die Bischöfe lehrten, wahr war. Alles Übel in der Kirche rührte daher, dass so viele Gläubige nicht auf ihre Hirten hörten.
Doris Wagner

Es ist die Diktion einer Frömmigkeit, die da nur noch frömmlerisch wirkt auf das Opfer. Mit dem Vertrauen in den Orden verliert sie auch die Gewissheit, "ganz im Herzen der Kirche angesiedelt" zu sein, wo "die scheinbar so schwere Last Christi leicht ist" und "seine Bürde gut ist, weil sie die Bürde der Liebe ist". In diesem hohen Ton hatte Kardinal Joseph Ratzinger gesprochen, als er im Jahr 2001 in Rom das "Werk" als Gemeinschaft päpstlichen Rechts anerkannte. Der spätere Papst Benedikt, in dessen Haushalt die Oberin Christine F. ein und aus ging, hielt eigens eine Dankmesse im Petersdom.

Ratzinger war im Orden regelmäßig und offenbar gern zu Gast. So auch Dutzende mächtige Kleriker aus der Kurie. Mit Ratzinger speiste man an Feiertagen, man feierte die Messe, die Schwestern sangen so schön. Doris Wagner vermutet, es waren auch die guten Beziehungen des Ordens zu ihm, die bewirkten, dass Burkhard F. dann doch aus dem Ordenshaus versetzt wurde und zur "Buße" auf einem höheren Posten im Staatssekretariat des Heiligen Stuhls landete.

"Nur die Kirche selbst kann ihre Strukturen verändern"

Heute ist Ratzinger nicht mehr Papst, Doris Wagner ist nicht mehr Nonne. Das Ende des deutschen Pontifikats begann 2010 mit der Aufdeckung der Missbrauchsfälle in Deutschland; doch der Missbrauch, wie ihn Doris Wagner erlitt, ist nicht zu Ende. Erst kürzlich schrieb sie im Journal der deutschen Jesuiten, in den Stimmen der Zeit, einen Artikel über vergewaltigte Nonnen, #nunstoo. Sie hält auch Kontakt mit Missbrauchsopfern des "Werks" in Mitteleuropa, Männern ebenso wie Frauen, die vergeblich auf Anerkennung ihres Leids warten – auch deren Briefe liegen der ZEIT vor. Sie deuten an, was alles die Deutsche Bischofskonferenz in ihrer Studie über den Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche nicht erfasst hat, auch wenn sie Tausende Opfer nennt: Es fehlen die Ordensgemeinschaften und die erwachsenen Opfer, es fehlen weibliche Täter und Vertuscher.

Allerdings zeigt die Studie: In den Akten der Bistümer wimmelt es nur so von dokumentierten Missbrauchsfällen, von denen bislang nur ein Bruchteil vor ein weltliches Gericht kam. Jetzt ist die Zeit, das zu ändern: "Die Kirche muss jede Straftat anzeigen, damit Staatsanwaltschaften ermitteln können", sagt Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) der ZEIT. "Selbstverständlich können Staatsanwaltschaften auch kirchliche Einrichtungen durchsuchen und Akten beschlagnahmen, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen vorliegen." Die deutsche Strafprozessordnung kenne "keine Geheimarchive". In Wahrheit ist es für die Ermittler nicht leicht, Licht in die Vorgänge zu bringen. "Wir stoßen sehr schnell an Grenzen", sagt ein deutscher Staatsanwalt, denn um in der Kirche ermitteln zu können, brauchen die Ermittler einen Anfangsverdacht auf eine konkrete Straftat in einem konkreten Fall – im Idealfall also eine Strafanzeige gegen einen namentlich beschuldigten Täter. Die Vermutung, dass in den Geheimarchiven Hinweise auf Straftaten vor der Öffentlichkeit versteckt werden, reicht nicht aus, um einen Durchsuchungsbeschluss zu bekommen. Schließlich handelt es sich um sensible personenbezogene Daten.

Was tun? Anders sähe es aus, wenn Insider aus einem Bistum den Ermittlern belastbares Material aus dem Geheimarchiv zuspielen würden. "Das wäre der Schlüssel zum Einstieg in strukturelle Ermittlungen", sagt der Staatsanwalt, "sonst wird sich keine Staatsanwaltschaft an diesem Thema die Finger verbrennen." Die Ermittler müssen also auf Strafanzeigen hoffen – oder auf einen Leak aus dem Giftschrank.

In Australien haben es die Fahnder einfacher: Dort ist Vertuschung von Sexualdelikten eine Straftat, die ersten Bischöfe wurden bereits verurteilt. Auch in Chile ermittelt die Zentralstaatsanwaltschaft wegen Vertuschung. In Deutschland wäre es zwar denkbar, dass ein Bischof wegen Strafvereitelung ins Visier der Ermittler gerät. Doch da zählt wieder der Einzelfall: Was wusste der Bischof genau? War er wirklich verpflichtet zu handeln? Das deutsche Recht schaut nicht auf die Systematik der Vertuschung, so ist es für Ermittlungen gegen Institutionen wie die katholische Kirche, die im großen Stil Verbrechen deckte, nicht vorbereitet.

Im Kirchenrecht dauerte es bis 2016, ehe Papst Franziskus ein Spezialgesetz mit dem Titel "Wie eine liebende Mutter" erließ. Seither kann er Bischöfe des Amtes entheben, wenn ihnen Vertuschung nachgewiesen wird. "Franziskus macht davon regen Gebrauch", sagt der Kirchenrechtler Thomas Schüller von der Universität Münster. "Es sind noch nie in einem Pontifikat so viele Bischöfe ihres Amtes enthoben worden. Da tut sich langsam etwas." Für Justizministerin Barley ist klar: "Nur die Kirche selbst kann ihre Strukturen verändern. Wären die Mauern des Schweigens früher durchbrochen worden, hätten viele Kinder geschützt werden können."

Die Familie: Nach dem Austritt aus dem Orden heiratete Doris Wagner einen ehemaligen Priester. Ihr Sohn ist mittlerweile drei Jahre alt. © Samira Schulz für DIE ZEIT

Noch sind es die Opfer, die immer zuerst das Schweigen brechen müssen. Deshalb ist Doris Wagner bereit zu erzählen, wie ihre Geschichte weiterging. Sie trat ja 2011 nicht nur aus dem Orden aus, sondern ging zum Studium nach Erfurt. Sie zeigte im Jahr 2012 ihre Vergewaltigung nicht nur bei der Polizei an, sondern auch bei der Glaubenskongregation. Mittlerweile ist sie Cusanus-Stipendiatin mit zwei Universitätsabschlüssen: Die Philosophie brauchte sie, um Abstand zu gewinnen ("dort zählt nicht die Doktrin, sondern das Argument"), und die Theologie brauchte sie, um sich von falschen Glaubenspointen zu emanzipieren ("die man mir anmanipuliert hatte"). Sie will sich von Fachleuten nicht kleinmachen lassen, wenn sie heute sagt, was sich immer noch nicht geändert hat in ihrer Kirche. Wie wenig das Kirchenrecht nützt, wenn keiner es durchsetzt. Wie die Glaubenskongregation Briefe von Opfern unbeantwortet lässt, sich aber die Mühe macht, kircheninterne Unterstützer der Opfer einzuschüchtern. Wie die Kirche ihre Kritiker als Kirchenfeinde ächtet. "Bis man versteht, das ist schon ein langer Weg", sagt Doris Wagner.

In ihrem Fall, immerhin, hat die Glaubenskongregation geantwortet, wenn auch nicht direkt, sondern an eine Kirchenrechtlerin, die sich des Falles annahm. Für die Opfer ist es immer ein bisschen wie in Kafkas Vor dem Gesetz, weil sie nicht wissen, wer ihnen antwortet. Hier kam der finale Bescheid 2012 auf Englisch vom deutschen Glaubenspräfekten über einen Nuntius in Deutschland an den emeritierten Bischof von Erfurt: "Der Untersekretär der Kongregation für die Glaubenslehre bittet den emeritierten Bischof von Erfurt, Sie wissen zu lassen, dass der Heilige Stuhl Ihre Beschuldigungen gegen zwei Priester der Geistlichen Familie 'Das Werk' (FSO) ... sehr ernst nimmt." Dann folgt die Bestätigung, dass sich beide Ordensmänner tatsächlich etwas zuschulden kommen ließen, auch wenn der Strafgrund nicht benannt wird: "Es wurde entschieden, dass der FSO-Priester, der derzeit in der deutschen Sektion des Staatssekretariates arbeitet (der mutmaßliche Haupttäter Burkhard F., Anm. d. Red.), seine Arbeit zum 31. Dezember 2012 beendet." Und: "Es wurde entschieden, bei dem FSO-Priester, der an der Glaubenskongregation arbeitet (der mutmaßliche Belästiger Hermann G., Anm. d. Red.), weiter zu ermitteln, ehe eine abschließende Entscheidung fällt."

Das klang nach einer Vertröstung auf den Sanktnimmerleinstag. Doch im Februar 2014 kam der Bescheid zu Pater G.: "Wegen seines unklugen Verhaltens in zwei Fällen, die er zugegeben und für die er sich entschuldigt hat, wurde er verwarnt und darüber hinaus ermahnt, künftig mit Klugheit und Bedacht zu handeln." Doris Wagner dankte dem Glaubenspräfekten Müller in einem Brief, bedauerte jedoch, dass Pater G. sich nicht bei ihr selbst entschuldigt habe und dass er weiter in einem Haus arbeite, das genau für Fälle wie den seinen zuständig sei.

Der Aufklärer: Der Jesuit Klaus Mertes machte Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg öffentlich, wo er Schulleiter war. © Christian Grund/13 Photo

Manche in der Kirche finden, es müsse doch auch mal gut sein, die Taten seien ja nun bekannt. Sind sie das? Pater Klaus Mertes bezweifelt das. Der Jesuit, der 2010 die Aufdeckung der Missbrauchsfälle anstieß, hatte das Buch von Doris Wagner gelesen, und in einem Kommentar hatte er die Glaubenskongregation kritisiert, sie beschäftige mutmaßliche Täter. Daraufhin beschwerte sich die Glaubenskongregation bei dem Generaloberen aller Jesuiten weltweit und wies ihn an, den deutschen Ordensbruder zu disziplinieren. Der Brief, den der Generalobere dann an den deutschen Provinzial der Jesuiten schrieb, forderte, der solle "einen Weg finden, Mertes daran zu erinnern", solche Äußerungen künftig zu unterlassen. Im Übrigen gibt er Buchempfehlungen für Mertes, um ihm zu helfen "im künftigen Umgang mit der Presse". Eine Disziplinierung. Im Jahr 2015! Da war schon Franziskus im Amt, da galt in Deutschland längst die Devise der rückhaltlosen Selbstaufklärung.

Die Protestanten müssen auch noch Thema werden

Doch Mertes ist in der Kirchenhierarchie alles andere als beliebt. Er klagt nicht, aber in seinem Antwortbrief an den Generaloberen schießt er zurück. Er beruft sich auf die Missbrauchsopfer und geißelt den Umgang mit ihnen: "Das bedrückende Schweigen der Glaubenskongregation und der Hierarchie in Rom" stelle für Opfer, Angehörige und oft genug auch für Bischöfe vor Ort "ein schweres Ärgernis dar". Er schimpft auf "Seilschaften in Rom", denen offenbar die Gläubigen egal seien, "solange sie nur sich selbst und ihren (schein-)heiligen Ruf schützen".

Der Papst: Franziskus ist seit 2013 im Amt. Der Jesuit trifft wöchentlich Opfer, soll aber auch vertuscht haben. © Andrew Medichini/AP/dpa

Wer Mertes in diesen Tagen trifft, der gewinnt den Eindruck, dass der Mann recht hat mit seinem Lieblingssatz: Wahrheit befreit! Er kommt mal wieder in Jeans und T-Shirt, er erklärt freudig, dass sein Provinzial zu ihm gestanden habe. Er sagt, man dürfe jetzt nicht erwarten, dass Papst Franziskus als Lichtgestalt die Kirche vom Missbrauch erlöse. Der Papst sei Kirche und daher Teil des Problems. Mertes fordert: Weg mit den Männerbünden! Weg auch mit den peinlichen Sauberkeitsmetaphern, von wegen die Kirche müsse gereinigt werden! Als käme der Schmutz von außen! Schon Jesus habe gewusst: "Nicht was von außen kommt, macht den Menschen schmutzig, sondern was von innen kommt." Mertes weiß noch genau, wie Papst Benedikt am Ende des Aufklärungsjahres 2010 die legendären Worte über den Missbrauch durch Kleriker sprach: Der Teufel habe der Kirche Schmutz ins Gesicht geworfen! Wenn überhaupt, dann hatte ja wohl die Kirche Jesus Schmutz ins Gesicht geworfen.

Katharina B. kann das verstehen. Die Katholikin hat zehn Jahre lang getan, was sonst keiner tun wollte, von 2002 bis 2012: Sie betreute ganz allein das anonyme Betroffenentelefon der Laienbewegung "Wir sind Kirche", bevor die Bischofskonferenz auf die Idee kam, eines einzurichten. Frau B. will ihren wahren Namen nicht nennen, nicht aus Angst vor rachsüchtigen Tätern, nicht aus Sorge vor einem Ansturm dankbarer Betroffener, sondern weil sie weiß, dass viele Katholiken, ihre Nachbarn, das Thema auch nicht mögen. Über 400 Betroffene und deren Fälle hat sie in Ordnern gesammelt. Allen versuchte sie zu helfen, durch Zuhören, durch Ratschläge, durch Druckmachen bei den Bistümern. Für manch einen führte sie bis zu fünfzig Telefonate.

Die Zeugin: Katharina B. betreute zehn Jahre lang ganz allein über 400 Opfer am anonymen Betroffenentelefon. © Sigrid Reinichs für DIE ZEIT

Frau B. sitzt in ihrem Garten in Bayern, in einem Dorf nahe Regensburg, der Blick geht über die Friedhofsmauer auf einen Jesus am Kreuz, in Gold. Ausgerechnet! Nein, sagt die weißblonde beherzte Dame von 76 Jahren, sie schaue da nicht gern hin. In Gold! Fangen wir mit dem Erfolg an, ihrem einzigen, wie sie behauptet, da wurde nämlich der Täter durch seinen Orden belangt. Sonst wurde nie einer belangt, darüber ist sie noch immer wütend. Traurig wohl auch, aber das sagt sie nicht, sie will das Leben positiv sehen. Trotz ihrer Erfahrung, dass es beim Missbrauch der Kinder fast immer um Vergewaltigung ging. Eine 86-jährige Frau beispielsweise, die mit sechs Jahren missbraucht wurde vom Ortskaplan. Noch nie habe sie das jemandem erzählt. "Und sie wusste nach all den Jahren noch genau den Tag!" Auch Frau B. weiß ihn, es war der Himmelfahrtstag. Seltsam, dass man so etwas nie mehr vergisst. Die Mütter, die ihren kleinen Sohn zu den Patres brachten und nachher wieder abholten. Die Mütter, die ihre Kinder ins Gesicht schlugen, wenn die "etwas Böses" über den Pfarrer sagten. Überhaupt, das Schweigen. Es betrifft ja keineswegs nur die Bischöfe, aber die eben auch.

Frau B. hat ihnen das nie durchgehen lassen. Als eine Frau anrief, die sich das Leben nehmen wollte, auch weil im Bistum Trier keine ihr Leid anhören wollte, da gebot die Telefonseelsorgerin ihr, doch noch zu warten. Frau B. rief, so sagt sie, bei der Sekretärin von Bischof Ackermann an. Nein, hieß es, der sei außer Haus. Na, sagte die Telefonseelsorgerin, irgendwann werde er wohl heimkommen. Die Sekretärin möge ihm einen Zettel an die Tür kleben, dringend. Am nächsten Tag bekam Frau B. einen Rückruf von der Betroffenen, die unter Tränen berichtete, nun habe sie wirklich endlich der Bischof angerufen, er habe ihr zugehört! Katharina B. erzählt, mit den Jahren habe sie ein sicheres Gefühl dafür erworben, wenn in dieser Sache jemand lüge. Kam aber fast nie vor. Auch deshalb hat sie versucht, ihre vierhundert Fälle den Forschern zu übergeben, die jetzt die Studie für die Bischofskonferenz erstellt haben, natürlich anonymisiert. Sie fuhr extra nach Mannheim, wurde jedoch wieder heimgeschickt mit dem Bescheid: Um das aufzunehmen, reiche weder die Zeit noch das Geld.

Das muss erschütternd gewesen sein. Sie lässt es sich nicht anmerken. Munter sagt sie, dass sie, zwei Jahre nachdem sie das Telefon nicht mehr betreute, endlich wieder durchschlafen konnte. Auch das mit dem exzessiven Kaffeekonsum und den vielen Zigaretten sei gottlob vorbei. Nur heute früh, sagt sie, als sie im Buch von Doris Wagner gelesen habe, habe sie zu zittern begonnen. Sie kann Fälle erzählen bis zum Dunkelwerden. Sie hat einen sehr schön geschmückten Herrgottswinkel, aber sie geht nicht in jede Kirche, nur dorthin, wo sie Vertrauen hat, Konfession egal. Apropos, ihr allererster "Fall" sei eine evangelische Pfarrerstochter gewesen, die vom Vater missbraucht worden sei.

Die Protestanten, sie müssen auch noch Thema werden. So sieht es Kerstin Claus vom Betroffenenrat der unabhängigen Kommission der Bundesregierung für die Aufklärung des Missbrauchs. Sie ist selbst evangelisch, ihr Täter war Pfarrer, heute ist er Akademiedirektor. Sie findet, die Katholiken machen das mit der Aufklärung besser, und sie kann klar aufzählen, was in der evangelischen Kirche fehlt: eine zentrale bundesweite Anlaufstelle für alle Betroffenen aller Landeskirchen. Eine transparente Erfassung und Veröffentlichung aller Verfahren. Dass Vernetzung Betroffener ermöglicht wird. Dass Betroffene mitarbeiten an der Aufklärung. "Die Evangelische Kirche spricht, wenn es um sexuellen Missbrauch geht, gerne von sogenannten Einzelfällen. Doch keiner weiß, wie viele ›Einzelfälle‹ es gibt!" Dank der dezentralen und regional unabhängigen kirchlichen Strukturen fehlten verlässliche Zahlen.

Die Protestantin: Kerstin Claus ist Mitglied im Betroffenenrat der Bundesregierung. Sie spricht für evangelische Opfer. © Christine Fenzl

Kerstin Claus spricht genauso klar wie ihr katholischer Kollege Matthias Katsch, ebenfalls im Betroffenenrat. Nur dass er jetzt vor jeder Kamera steht. Endlich. Endlich werden nicht die Bischöfe zuerst gehört, sondern Leute wie er, der weiß, worum es hier geht. Katsch wurde als Kind von einem Jesuiten, einem Serientäter, missbraucht. Wären dessen Untaten nicht vertuscht worden, Katsch wäre nicht zum Opfer geworden. Heute sagt er Sätze wie: "Es reicht nicht, dass die Opfer sprechen, denn das bleibt folgenlos." Es müssten die Täter ebenso wie die Vertuscher bestraft werden. "Aber wenn Kirchenstrukturen bleiben, die Missbrauch ermöglicht haben, dann stellt das den Sinn der Aufarbeitung infrage."

Am vergangenen Donnerstag haben die evangelischen Kirchen reagiert und eine zentrale, unabhängige Anlaufstelle für Missbrauchsopfer angekündigt. Die soll bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) angesiedelt sein, dem Dach über 20 Landeskirchen. Prälat Martin Dutzmann, der Bevollmächtigte der EKD in Berlin, sagt: "Wir müssen uns auch um Pfarrhäuser kümmern, denn vor allem sie sind Tatorte sexueller Gewalt." Bisher gingen bei den Kirchen und beim Beauftragten der Bundesregierung 402 Meldungen von Betroffenen aus dem evangelischen Bereich ein. Da kommt noch mehr.

Was heißt das nun, Vertuschung beenden?

Der Aktivist: Matthias Katsch vertritt Opfer im Betroffenenrat der Bundesregierung, gründete einen "Eckigen Tisch". © Gordon Welters für DIE ZEIT

Und dann ist da die Frage, was eigentlich über das "Papstbistum" München-Freising bekannt ist, Joseph Ratzingers ehemalige Diözese. 2010 beauftragte der amtierende Erzbischof Reinhard Marx die Rechtsanwältin Marion Westpfahl mit einer Untersuchung aller Missbrauchsfälle zwischen 1945 und 2009. Alle Archive, auch das Geheimarchiv, standen ihr offen.

Die Anwälte durchforsteten 13.200 Akten und stießen auf 159 übergriffige Priester. Westpfahl und Kollegen schrieben jedoch, es habe in München-Freising "Aktenvernichtung in erheblichem Umfang stattgefunden", außerdem lagerten viele Akten in Privatwohnungen. Jeder hätte sie manipulieren können. "Die Akten wiesen wohl auch aus diesen Gründen teilweise offenkundige Lücken auf." In den Akten falle zudem ein "euphemistischer und verharmlosender Sprachgebrauch" auf. Die genaue Tat war oft nicht zu ermitteln. Westpfahl schreibt von einem "gänzlich unterentwickelten Interesse für das Tatgeschehen". Dagegen habe sich der Klerus sehr um die Täter gesorgt. "Ihnen und auch der Kirche galt jede Anstrengung, eine öffentliche Wahrnehmung des Tatgeschehens und – wie man meinte – einen Skandal zu vermeiden."

Der Beauftragte: Der Bischof von Trier, Stephan Ackermann, soll für die Bischofskonferenz den Missbrauch aufklären. © Harald Tittel/dpa

Vorbildliche Untersuchung also? Leider nein. Die Gesamtstudie ist bis heute geheim, weil darin die Namen aller beteiligten Opfer, Täter und Zeugen erscheinen. Es gebe nur zwei Exemplare, eine in Westpfahls Safe, eine im Safe des Generalvikars. "Ich würde heute versuchen, den Einzelfall mit Blick auf den Täter veröffentlichungsfähig zu machen", sagt Westpfahl, "denn in dem Augenblick, wo systemisches Fehlverhalten nicht an Personen festgemacht wird, erleichtert man, dass wieder vertuscht wird." Als Folge der Untersuchung wird die Aktenführung in München jetzt zentral mit dem Computer erfasst, sodass man keine Seiten entfernen kann. Auch gibt es Anweisungen, was schriftlich dokumentiert werden muss.

Was heißt das nun, Vertuschung beenden? Auch dass man sich nicht mehr auf formaljuristische Ausreden zurückzieht: Wenn die weltliche Justiz etwas nicht mehr ahnden kann, dann habe es nicht stattgefunden. So war es ja am Ende bei Doris Wagner. Sie geriet ja in Erfurt an Vernehmer, die nicht einmal wussten, was ein Priester ist. Sie geriet an einen Richter, der nicht verstand, dass eine volljährige Ordensschwester wehrlos sein kann. So wurde ihre Klage abgewiesen, weil Vergewaltigung nur Vergewaltigung ist, wenn das Opfer sich hinreichend wehrt.

Der mutmaßliche Täter F. wurde auch vernommen, in Österreich. In seiner Akte steht, "dass es zwischen ihm und Doris Wagner zu sexuellen Handlungen gekommen sei. Dies sei von beiden Seiten aus freiwillig geschehen." Er habe den Eindruck gehabt, nicht nur er suchte ihre Nähe, auch sie suchte seine.

Heute bin ich unendlich dankbar, dass ich so viel Glück hatte. Wenn ich noch an Gott glauben kann, dann deshalb, weil ich Hilfe gefunden habe, als es mir am schlechtesten ging.
Doris Wagner

Ja, könnte man sagen, das sind klassische Täterprojektionen. Die österreichischen Behörden hielten den Pater aber für "glaubwürdig", warum, wird nicht erläutert. Dafür sagt die Ermittlungsakte, das Verhalten des Beschuldigten habe auf Zuneigung beruht und sei "offensichtlich auf Begründung einer dauerhaften Beziehung angelegt gewesen". Beziehung? Wusste man auch in Österreich nicht, was ein katholischer Priester ist? Das Ermittlungsverfahren wurde eingestellt.

Die geistliche Familie "Das Werk" hat gegenüber der ZEIT sehr höflich zu den Vorwürfen gegen die zwei Priester Stellung genommen. Der Pressesprecher schreibt richtig, dass die Strafverfolgungsbehörden in Deutschland und Österreich keinen hinreichenden Grund für eine Anklage fanden. Auch "innergemeinschaftlich" und "innerkirchlich" sei geprüft worden, es habe in beiden Fällen "keine Straftat" vorgelegen.

Der Kardinal: Reinhard Marx ist Chef der Bischofskonferenz. Er gab eine umstrittene Studie zum Missbrauch in Auftrag. © Kham/Reuters

Warum die Priester dann aber von der Glaubenskongregation sanktioniert wurden, sagt der Sprecher nicht. Bleibt das Buch von Doris Wagner, beglaubigt durch das Vorwort eines renommierten Theologen. Bleibt der Ordensobere, der zwei Menschen gegenüber erklärte, der Haupttäter habe seine Tat gestanden. Bleibt die Glaubenskongregation, die schrieb, auch der zweite Beschuldigte habe gestanden. Bleiben die Zeugenaussagen der Doris Wagner und des Priesters, der ihr half (ein Kontrast zur Aussage von Pater Burkhard F.).

Diejenigen Ordensmitglieder, die damals vom Missbrauch erfahren haben sollen, müssen das nun mit ihrem Gewissen ausmachen. Die Oberin Christine F. war jedenfalls nicht erreichbar. Für Doris Wagner scheint die Schuldfrage zum Glück nicht mehr so wichtig. Ihr Mitbruder, der ihr half, ist später auch aus dem Orden ausgetreten. Aus dem gegenseitigen Vertrauen wuchs eine Liebe, die beiden heirateten, ihr Sohn ist nun drei Jahre alt. Doris Wagner sagt, das klinge so schön wie erfunden. Tatsächlich musste sie lernen, in Freiheit zu leben. Sie trägt jetzt wieder Hosen, sie geht wieder schwimmen, ohne sich zu schämen. Sie betet auch nicht mehr nach Vorschrift. Sie sieht aus wie eine Frau, die geliebt wird und liebt. Doch, sie könne schlafen, nur die Albträume blieben. Über die Kirche sagt sie: "Wenn ich weiter an Gott glauben kann, dann, weil ich Hilfe gefunden habe, als es mir am schlechtesten ging."