Die Bischöfe überbieten sich geradezu mit öffentlichen Stellungnahmen, seitdem ZEIT und Spiegel die Ergebnisse der Missbrauchsstudie vorab veröffentlichten. Die Deutsche Bischofskonferenz hatte sie in Auftrag gegeben, 27 deutsche Diözesen zwischen 1946 und 2014 waren untersucht worden. Mindestens 3677 Opfer hat es gegeben. Jeder will jetzt seinem Entsetzen ganz persönlich Ausdruck verleihen. Von Scham und Reue ist da die Rede, vom System jahrzehntelanger Vertuschung, das es jetzt schonungslos und radikalstmöglich aufzuklären gelte. Die Worte sind bekannt. Sie wurden bei vergleichbar traurigen Anlässen in anderen Teilen der Welt von anderen Bischöfen, ja sogar vom Papst höchstpersönlich variiert und eingeübt. Matthias Katsch, Leiter der Opfer-Initiative "Eckiger Tisch", sprach deshalb jüngst von einem "fast schon rituellen Erschüttern". Dieses sei allein schon darum unglaubwürdig, weil den Bischöfen das wahre Ausmaß des Missbrauchs bereits lange bekannt gewesen sein dürfte: "Alle tun überrascht", so Katsch, "doch niemand ist verantwortlich." Ist das so? Und wenn ja: Wie kann das sein?

Tatsächlich ist das mit der Verantwortung konkret so eine Sache: Wenn Bischöfe sich entschuldigen in diesen Tagen, dann nie für eigenes Fehlverhalten. Immer beugen sie stellvertretend im Namen der Kirche das Haupt. Dabei übersieht man leicht: Das eingestandene Versagen der Institution überstrahlt fast gänzlich das Schweigen über die Verantwortung des Individuums. Die Sünde erscheint in fast allen Stellungnahmen deshalb seltsam gesichtslos, namenlos, folgenlos.

Das ist nicht neu: Statt persönlich Zeugnis abzulegen oder über das konkrete Versagen von Mitbrüdern, Untergebenen, Vorbildern zu sprechen, flüchten Bischöfe sich gerne in Hilfskonstruktionen. Auf diese Pappkameraden lässt sich dann verbal wunderbar einprügeln. Da distanzierte man sich aufs Schärfste vom "falschen Klerikalismus" (Reinhard Kardinal Marx, München), von der "Haltung des Klerikalismus" (Bischof Felix Genn, Münster), vom "narzisstischen Klerikalismus" (Bischof Gregor Maria Hanke, Eichstätt) oder wendet sich wie Papst Franziskus nach einem Grand-Jury-Bericht über tausendfachen Missbrauch in sechs Bistümern im US-Bundesstaat Pennsylvania per Brief an das "Volk Gottes": "Zum Missbrauch Nein zu sagen heißt, zu jeder Form von Klerikalismus mit Nachdruck Nein zu sagen."

So sehr hat man sich an die stete Wiederholung des Immergleichen gewöhnt, dass man gerne übersieht: Die Volte, mit der Liberale wie Konservative seit einiger Zeit den Klerikalismus als Feindbild für sich reklamieren, ist durchaus bemerkenswert. Machten unter Benedikt XVI. Bischöfe eher die sündige Welt und den Relativismus dafür verantwortlich, dass die Menschen sich zunehmend abwenden von der Wahrheit des Katholizismus, scheint sich unter Franziskus der Wind rhetorisch ins Gegenteil gedreht zu haben. Nur zur Erinnerung: "Klerikalismus" war mal ein Kampfbegriff der radikalen Linken in der Kirche. Die klerikale Pracht- und Machtentfaltung an der Hierarchiespitze sollte mit ihm als Herrschaftsideologie enttarnt werden. Mit Franziskus – berühmt-berüchtigt dafür, seiner Kurie in regelmäßigen Abständen Demut einzubimsen – sickerte der Klerikalismus-Begriff jedoch in die kirchliche Mitte. Dort dient er nun als Universalerklärung für alles, was schiefläuft in der Kirche. Dabei weiß jeder, der sich des Begriffs bedient: Nicht der Klerikalismus hat Kinder begrapscht, belästigt, vergewaltigt, sondern Kleriker haben sich vergangen. Nicht klerikale Strukturen vertuschten Taten und schützten Täter, sondern Personalreferenten, Generalvikare, Bischöfe, Kardinäle sind verantwortlich dafür.

Das heißt aber nicht, klerikale Strukturen seien Fantasiegebilde. Es gab sie und gibt sie wahrscheinlich noch. Sie können Missbrauch und Vertuschung begünstigen. Doch schaut man genauer hin, sind Strukturen immer menschengemacht. Und diese Menschen tragen Verantwortung, können sich versündigen und schuldig werden. Schuld ist deshalb genauso wie Vergebung immer persönlich, konkret, individuell. Haben aus diesem Grund so viele Würdenträger sichtlich Panik, konkret zu werden? Reden sie darum lieber von Kirche, Institution und Struktur als von sich selbst? Dabei weiß doch jeder: Das "Mea culpa" lebt und atmet nur in der ersten Person Singular. Wieso also bleibt das bischöfliche Schuldbekenntnis auf halber Strecke stecken und verliert sich im "Wir", statt sich zum "Ich" zu bekennen?

Angst kann eine Antwort sein. Wer gibt schon gerne zu, am Systemversagen mitgetan zu haben? Ein Bischof soll ja qua Selbstverständnis Beispiel sein für alle Normalo-Katholiken. Mitgefühl zeigen geht da gerade noch, auch ein allgemeines Bekenntnis zum Sündersein ist drin – das wirkt menschlich, ohne es so recht zu sein. Aber Fehler zugeben, an sich selber zweifeln, Versagen eingestehen, das verträgt sich nicht mit dem Amtsverständnis. Das macht den Bischof scheinbar klein mit Hut, lässt ihn in seinen Augen dastehen vor der Welt wie einen Entscheidungsträger unter vielen. Und wie jeden Entscheidungsträger könnte man ihn dann für falsche Entscheidungen zur Schnecke machen.

Was sollen die Mitbrüder dann denken? Oder die Herde, die man führen soll? Das sind Schafe. Man selbst dagegen ist doch der Hirte. Der Gedanke, Hirten könnten selbst vertuschen, verschweigen, billigend wegsehen oder sich – Gott behüte! – gar versündigen am sündigen Fleisch, kann im bischöflichen Selbstverständnis keinem Schäfchen zugemutet werden. Deshalb meint man als Bischof die Herde zu beschützen, indem man sich selber schützt.

Darum reden Bischöfe gerne mit Trauermine und dem Timbre des Mitgefühls, der Scham und der Reue in der Stimme darüber hinweg, dass man als Bischof ja nicht vom Himmel gefallen ist, sondern als Generalvikar, Regens, Weihbischof jahrzehntelang Teil des großen Systemversagens war. Da versucht jeder sich auf seine Art am rhetorischen Spagat, den Klerikalismus einerseits drastisch zu verteufeln, ohne sich andererseits selbst mitzumeinen damit.