Als platze es auseinander. Als löse es sich auf. Als zerfalle das Bauwerk in seine Einzelteile und mit ihm die schöne, stolze, die überwölbende Ordnung. Es ist ein Haus unter Spannung und vermutlich nicht gerade das, was sich der türkische Präsident – ein Freund der Selbstorientalisierung – für seinen Deutschlandbesuch als Kulisse erträumt. "Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten" – diese Zeilen eines Gedichts hatte Recep Tayyip Erdoğan schon vor zwanzig Jahren zitiert und damit die allgemeine Angstlust vor dem Islam gesteigert. Dieser Tage kommt er nach Köln, um dort die neue Moschee einzuweihen, eines der erstaunlichsten Glaubenshäuser auf deutschem Boden, und eines der umstrittensten.

Selbst dem liberalen Köln fällt es nicht ganz leicht, sich mit dem Gebäude anzufreunden. Viele werden den Verdacht nicht los, es könnte sich weniger um ein Gottes- und mehr um ein Staatshaus handeln. Eine Filiale des Fundamentalismus, ausgerechnet hier im aufgerauten Stadtteil Ehrenfeld, zwischen Aldi und Shell, Billigfriseuren und den Hipster-Cafés mit ihren überteuerten Butterbroten.

So wie jede christliche Kirche ist auch die Moschee das Zeichen einer Hoffnung – auf ewiges Leben wie dauerhaftes Bleiben. Sie gibt dem Glauben eine Gestalt, bekundet Stolz und Reichtum und eine Lebendigkeit, die bislang, da sich die Gemeinde in irgendwelchen Hinterhöfen herumdrücken musste, kaum zu greifen war. Doch ist dieses Bauwerk eben auch ein Symbol der Macht, zumal hier die Ditib ihre Zentrale hat, ein sunnitisch-islamischer Verein, der so eng mit der türkischen Regierung verbandelt ist, dass sich der deutsche Verfassungsschutz beunruhigt zeigt und womöglich prüfen will, ob hier staatsgefährdendes Gedankengut ausgebrütet wird.

Und sieht die Moschee nicht wirklich so aus? Wie ein Brüter? Das Kraftwerk eines heiß laufenden Glaubens? Böswillige Zeitgenossen werden es wohl so begreifen, ihnen kommt die Architektur, ihre ungewohnte, auf den ersten Blick kaum zu greifende Erscheinung, vor allem befremdlich vor. Doch auch die muslimische Gemeinde hat mit dem Bau einige Mühe, viele mögen es lieber traditionell, mit mehr Zierrat und weniger betonmodern. So gesehen haben die Architekten mit diesem Gebäude einiges richtig gemacht: Es zeigt einen schönen Eigenwillen. Es schenkt dem Ungreiflichen eine Form. Und es entkommt sogar, wenn man es recht betrachtet, dem Schreckensfeld der Politik.

Paul Böhm heißt der Mann, der dafür verantwortlich zeichnet. Ein Architekt aus Köln, dessen Vorfahren so viele Gotteshäuser planten, dass die Böhms als Dynastie des Kirchenbaus gelten. Pauls Vater Gottfried, heute 98, ist vor allem mit seiner abenteuerlichen Wallfahrtskirche in Neviges bekannt geworden, in der die Architektur zur großen, geheimnisvollen Verlockung wird, zu einer bindenden Kraft. Nicht zufällig lassen sich einige seiner Ideen in der Moschee wiederentdecken.

Schon für den Reichstag hatte Gottfried Böhm einst eine Kuppel entworfen, die jede Erhabenheit aufbrechen wollte. Eben nicht das brütende Pathos, sondern eine gelöste Offenheit sollte das Parlament bekrönen. Ähnlich ist es nun in Köln, wo Paul Böhm den gewohnten Kanon unterläuft. Die hohe Kuppel soll nichts ab- oder ausschließen, sie ist keine Würdeformel. Sie will sich häuten, will der eigenen Starre entkommen.

Auf zwei Seiten wird die Moschee durch frei stehende Wandscheiben geweitet, aus grobkörnigem Beton geformt und doch so schwungvoll und strömend, als handele es sich um ein Spiel, das jederzeit neue Regeln erlaubt und vor allem eines möchte: Verwandlung. Die Bautechnik hat sichtliche Mühe, das wieder einzufangen. Reichlich unbeholfen sieht es aus, wie die wogenden Zwischenräume von Fensterreihen abgedichtet werden. Der Entwurf, könnte man sagen, überfordert die Wirklichkeit (was man womöglich auch als religiöse Aussage verstehen kann).

Jedenfalls hat dieses Gebäude mit dem guten alten Dekonstruktivismus nur wenig zu tun. Die Böhmsche Moschee sucht ihre Wahrheit nicht in der Negation. Viel eher strebt sie nach einer Balance aus Konvention und Abweichung. Sie setzt auf vertraute Formenmuster und dynamisiert sie. Sie öffnet ein Spannungsfeld, in dem das Verbindende seinen Raum hat und das Abweichende erst recht. Darin lässt sich durchaus ein Gesellschaftsbild erblicken und wohl auch eine politische Botschaft.