Im Wald von Aumühle bei Hamburg, unweit von Bismarcks Alterssitz Friedrichsruh, ist der Krieg um Deutsch-Ostafrika noch nicht verloren. Auf einer Wiese am Rand des Waldpfads treten sie dem Spaziergänger entgegen, unbesiegt, überlebensgroß in Stein gehauen: ein deutscher Soldat und schräg hinter ihm sein "treuer Askari", wie man die afrikanischen Kämpfer damals nannte. Heldisch späht der Deutsche ins Gehölz, die Gesichtszüge in Arno-Breker-hafter Übermenschen-Strenge erstarrt. In der Hand hält er ein lächerlich kleines Gewehr. Detailgetreu dagegen sind die Strümpfe unter der kurzen Tropenhose nachgebildet. Glaubt man diesem Denkmal, dann war die deutsche Kolonialherrschaft eine Mischung aus glorreichem Feldzug und Safari.

Der alte Paul von Lettow-Vorbeck selbst, der "Löwe von Afrika", der die Kolonie im heutigen Tansania, Burundi und Ruanda bis in den November 1918 hinein sinnlos brutal verteidigt hat, setzte sich 1955 dafür ein, das "Deutsch-Ostafrikaner-Gedächtnismal" hier aufzustellen. Ursprünglich war es für Potsdam vorgesehen, doch die Nationalsozialisten, die es in den Dreißigerjahren in Auftrag gegeben hatten, fanden es so misslungen, dass sie es der Öffentlichkeit vorenthielten. Ein wenig verloren und halb vergessen stehen die Männlein nun im Walde: ein Sinnbild für den Umgang mit der deutschen Kolonialvergangenheit wie für diese selbst und ihr Ende.

Dieses Ende war so erbärmlich wie blutig, so grauenhaft wie grotesk. Nur mancherorts kam es schnell und plötzlich, insgesamt zog es sich über mehr als vier Jahre, über die gesamte Dauer des Ersten Weltkrieges. Kaum war das große Schlachten im August 1914 entfesselt, begann der Kampf auch in den Gebieten in Afrika und Asien, die Europas Großmächte zuvor am Konferenztisch unter sich aufgeteilt hatten. 1919, mit dem Versailler Vertrag, wurde den Deutschen ihr Kolonialreich dann offiziell abgesprochen.

Es war das frühe Ende eines Nachzüglers. Spät war das Kaiserreich in den imperialen Wettlauf eingestiegen; entsprechend kurz ist die deutsche Kolonialgeschichte. Nur drei Jahrzehnte umfasst sie, beginnend 1884 mit der Erklärung Südwestafrikas, Togolands und Kameruns zu "Schutzgebieten". Von Kolonien wollte da noch niemand sprechen, am wenigsten Reichskanzler Otto von Bismarck, und so überließ man es Privatleuten, das Land zu erschließen, Unternehmern wie Adolf Lüderitz und skrupellosen Draufgängern wie Carl Peters ("Der Neger ist der geborene Sklave, dem ein Despot nötig ist wie dem Opiumraucher die Pfeife"). Erst 1907 richtete das Reich überhaupt ein zuständiges Kolonialamt ein.

Lange Zeit hat man Deutschlands imperiale Ambitionen deshalb bagatellisiert. Im Bewusstsein blieb nicht viel mehr als der arglos klingende Wunsch nach einem "Platz an der Sonne". Dass dieser Platz zum immerhin drittgrößten Kolonialbesitz europäischer Mächte anwuchs, mit Gebieten im Westen, Osten und Süden Afrikas, in China und in Ozeanien, wissen bis heute die wenigsten. Um 1900 erstreckte sich das kaiserliche Kolonialreich über eine Fläche, fast sechsmal so groß wie das "Mutterland".

Auch afrikanische Historiker übten sich später im Kleinreden, so wie der Nigerianer J. F. Ade Ajayi, in dessen selbstbewussten Augen die deutsche Präsenz nur eine Episode war, ein Adlerschiss gleichsam auf der stolzen afrikanischen Geschichte. Und gewiss: Die Kolonialherrschaft etwa der Briten war folgen- und opferreicher. Auch kam der Aufbau territorialstaatlicher Strukturen, wie sie die Franzosen in Nordafrika etablierten, über Anfänge nicht hinaus. Zeichnete man auf einer Karte ein, welche Areale die Deutschen tatsächlich unter ihrer Fuchtel hatten, würden die imposanten Farbflächen zu ein paar Klecksen an der Küste und einigen dünnen Linien ins Landesinnere schrumpfen. Harmlos aber war die deutsche Herrschaft deshalb nicht: Gerade schwache staatliche Strukturen verleihen Einzelnen eine oft unkontrollierte Machtfülle und eröffnen "Gewalträume", wie es die neuere historische Forschung etwas vage nennt.

Gemessen an der knappen Zeit richteten die Deutschen denn auch ein enormes Ausmaß an Unheil an. In ihren Gebieten – das sahen schon die Zeitgenossen – explodierte die Gewalt besonders schnell und heftig: von 1904 an im Völkermord an den Ovaherero und Nama in Deutsch-Südwest oder kurz darauf im Maji-Maji-Krieg in Ostafrika, von den alltäglichen rassistischen Demütigungen und Übergriffen ganz zu schweigen.

Zwischen 1914 und 1918 trat das für den nachholenden deutschen Kolonialismus so charakteristische Nebeneinander von Schwäche und Gewalttätigkeit einmal mehr zutage – gipfelnd im Guerillakrieg des noch in der Bundesrepublik verehrten Paul von Lettow-Vorbeck, dessen hasardeurhafter Ego-Trip in Ostafrika mehr Tote forderte als alle vorangegangenen deutschen Kolonialverbrechen. Trotzdem ist der Erste Weltkrieg in Afrika und Asien, in Deutschlands kolonialem Flickenreich zwischen Togo und Samoa, Daressalam und Tsingtao, ein so gut wie unbekanntes Kapitel geblieben.

An Afrikas Westküste beginnt die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts mit einer Autofahrt. Um 18 Uhr am 6. August 1914 passiert ein Fahrzeug mit zwei britischen Parlamentären die Grenze zu Togoland. Die beiden müssen nur wenige Kilometer zurücklegen, bis sie das Wohnhaus des amtierenden Gouverneurs Hans Georg von Doering in der Hauptstadt Lomé erreichen.

Vermutlich hätte das gesammelte Personal der Kolonie im benachbarten Gouverneurspalast Platz gefunden. Nie seit der Inbesitznahme im Jahr 1884 halten sich mehr als gut 400 deutsche Männer und Frauen in dem Land auf, das einmal die Baumwoll-Schatzkammer des Kaiserreichs werden sollte, ein "deutsches Alabama". Doch das Geschäft lief mäßig – weil die weißen Herren es, wie so oft, besser wussten und den schwarzen Bauern Anbaumethoden diktierten, statt lokales Wissen wertzuschätzen.