Julia Klöckner steht im sonnigen Innenhof ihres Ministeriums in Berlin und will erfahren, wie Müll schmeckt. Der Müll wird ihr in Form von gewürzten Apfelschnitten, pikanten Tomatenchips und kleinen Teigtaschen mit Rote-Bete-Füllung gereicht. Julia Klöckner, die Bundesministerin für Ernährung, beißt beherzt hinein und sagt: "Sehr lecker, kann ich empfehlen."

Das Essen ist aus Lebensmitteln gemacht worden, die vor dem Abfalleimer oder dem Verrotten in privaten Gärten bewahrt wurden. Drei junge Firmen haben aus dieser Idee Geschäftsmodelle entwickelt und dafür den Bundespreis der Kampagne "Zu gut für die Tonne" gewonnen. An diesem Tag Ende August startet die Ministerin die neue Bewerbungsrunde. Vor dem Rednerpodest steht ein Abfalleimer, randvoll mit Joghurtbechern und Broten, Kohlköpfen und Pizzapackungen. Noch immer würden in Deutschland ein Drittel aller Lebensmittel weggeworfen, sagt die Ministerin, elf Millionen Tonnen im Jahr. Hinter ihr hängt ein Plakat, das einige Opfer der Verschwendung zeigt: Der Käse, der Apfel und das Brot schauen unglücklich drein. Am deprimiertesten aber sieht die Kartoffel aus.

In Deutschland wirft jeder Einwohner pro Jahr im Schnitt 55 Kilo Lebensmittel weg. Die Herstellung bedeute Emissionen und koste viel Wasser, "allein 820 Liter, bis ein Kilo Äpfel geerntet ist", sagt die Ministerin. Dann fordert sie mehr Wertschätzung für Lebensmittel, "unsere Mittel zum Leben", wie Klöckner sie nennt. Es ist ein Appell, der sich vor allem an die Verbraucher richtet. Die sollen genießbare Zutaten lieber verwerten, statt sie wegzuwerfen.

Aber wäre damit das Problem gelöst?

Die Verschwendung von Lebensmitteln ist längst zu einem gewaltigen Missstand geworden. Die Unternehmensberater der Boston Consulting Group (BCG) kritisieren in einer Analyse, dass weltweit jedes Jahr rund 1,6 Milliarden Tonnen Lebensmittel im Wert von 1,2 Billionen US-Dollar weggeschmissen würden. In Entwicklungs- und Schwellenländern fehlen oft Erntemaschinen, Kühlhäuser oder Wege der Vermarktung. In wohlhabenden Gesellschaften wie der deutschen aber liegt es am Überfluss. Mal ist der Mangel schuld, mal der Reichtum, und beides führt zur Verschwendung.

Der Papst hat das wiederholt angeprangert, er sieht darin eine "Gewissensfrage". Die Politik hat das Thema ebenfalls auf die Agenda gesetzt: Schon vor drei Jahren erklärten die Vereinten Nationen, sie wollten die Vergeudung von Lebensmitteln bis zum Jahr 2030 weltweit halbieren. Auch die Bundesregierung hat sich dazu verpflichtet und sich ein Zwischenziel gesteckt: Bis zum Jahr 2025 sollen hierzulande 30 Prozent weniger Essen weggeschmissen werden als heute.

Julia Klöckner hat dabei die Privathaushalte im Blick. Eine Studie der Universität Stuttgart, in Auftrag gegeben von der damaligen Agrarministerin Ilse Aigner, kam 2012 zu dem Ergebnis, dass 61 Prozent der Lebensmittelverschwendung privaten Verbrauchern zuzuschreiben seien. Politiker bemühen sich deshalb, aus den Deutschen bessere Konsumenten zu machen, die ihr Brot auch dann noch essen, wenn es leicht trocken schmeckt, und die leicht schrumpelige Kartoffel lieb gewinnen.

Das Problem fängt damit an, dass die meisten Deutschen zu viel einkaufen. In Deutschland gibt es 38.000 Geschäfte des Lebensmitteleinzelhandels. 225 Euro im Monat gibt der Durchschnittshaushalt dort für Nahrungsmittel aus. Auf Fleisch und Fleischprodukte wie Würste entfallen 50 Euro, auf Brot und andere Getreideerzeugnisse 40 Euro, auf Molkereiprodukte und Eier ebenfalls 40 Euro. Gemüse schlägt mit 29 Euro zu Buche, Obst mit 23 Euro – die verbleibende Summe geht für Fisch, Meeresfrüchte und alles andere drauf.

Gegessen wird längst nicht alles. Von allen Lebensmitteln, die der Deutsche in die Tonne wirft, entfallen allein 44 Prozent auf Obst und Gemüse und 15 Prozent auf Brot, wie die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen berechnete. In sechs von zehn Fällen sei die Vergeudung leicht zu vermeiden: Verbraucher lagern die Waren falsch oder denken beim Einkaufen nicht richtig nach. Viele Produkte würden spontan gekauft, angebrochen im Kühlschrank vergessen und erst entdeckt, wenn sich bereits ein Schimmelrand gebildet hat. Einkaufszettel benutzen die Deutschen nur noch selten. Dafür fallen sie auf Sonderangebote herein.

Auch der Einkaufswagen spielt eine Rolle. Er ist mit dem Wohlstand gewachsen. Sein Volumen lag 1950 noch bei 40 Litern, heute sind es 200 Liter. Deswegen muss man fragen: Ist wirklich allein der Verbraucher schuld?