Gleich ihre erste Platte hätte ihnen eine Warnung sein können. Stefan Kassel, Reporter einer Hamburger Musikzeitschrift, interviewte eines Tages einen Musiker aus Schottland und verstand sich mit ihm so gut, dass er dem Musiker anbot, eine Platte von ihm zu veröffentlichen. Dass er so etwas im Leben noch nicht getan hatte, war ihm egal – und dem Schotten auch. Also gründete Kassel mit seinem Freund und Kollegen Frank Lähnemann die Plattenfirma Marina Records. Dummerweise erwies sich der schottische Musiker als kapriziöse Diva, und das fertig produzierte Album verschwand unveröffentlicht in der Versenkung. Aber weil Kassel und Lähnemann längst infiziert waren von der romantischen Idee, Tonträger zu veröffentlichen, suchten sie sich andere Künstler. Mit größerem Erfolg.

Der Reinfall, der zum Gründungsmythos von Marina Records wurde, liegt ein Vierteljahrhundert zurück; das Jubiläum feiern Kassel und Lähnemann mit dem Sampler Goosebumps. Über die Distanz von 40 Songs bietet das Doppelalbum Musik von The Pale Fountains, Die Zimmermänner, Shack, Alex Chilton, Sarah Cracknell, Jazzateers, The Free Design, The Pearlfishers und vielen anderen. Indiepop, Sixties-Beat, Lounge bis hin zu Jazz – die zwei Labelmacher haben die Abfolge dieser unterschiedlichen Klänge so sorgsam aufeinander abgestimmt, als wäre der Sampler eines der Mixtapes, die sie in ihrer Jugend zusammenstellten, um Mädchen für sich einzunehmen.

Die Künstler eint, dass sie überwiegend jenseits der medialen Wahrnehmung musizieren, also einem großen Publikum unbekannt sind, aber dennoch über eine kleine, treue, weltweite Fangemeinde verfügen. Auffällig ist, wie viele Schotten von der Hamburger Firma betreut werden. Das liegt einerseits an der Liebe der beiden Labelmacher für schottische New-Wave-Bands wie Orange Juice, Altered Images und Aztec Camera und andererseits daran, dass die zwei Hamburger in Glasgow durch allerlei Zufälle schnell bestens vernetzt waren. Der Geist des Punkrock der späten Siebzigerjahre, der auch Schottland viele aufregende junge Bands bescherte, versprach nicht nur, dass jeder ein Rockstar sein kann, sondern auch, dass sich jedes Schlafzimmer in die Schaltzentrale einer Plattenfirma verwandeln lässt. Das bedeutete damals eine Revolution der Musikindustrie. Kleinstunternehmen wie 4AD, Mute, Creation, Postcard Records aus Glasgow oder Zickzack aus Hamburg mischten die populäre Musik und die Industrie gleich mit auf. Eine Do-it-yourself-Euphorie, von der auch das aus den Wohnungen der Eigentümer in Eimsbüttel betriebene Label Marina Records beflügelt wurde. In den vergangenen 25 Jahren fanden dort Tonträger für Tagträumer eine Heimat. Aber auch der Autor Benjamin von Stuckrad-Barre, ein Freund des Hauses, veröffentlichte dort eine CD mit seinen Lieblingssongs von den Pet Shop Boys bis Stephanie von Monaco. Auffällig immer: das ausgefeilte Design der Marina-Platten, um das sich Stefan Kassel, im Hauptberuf Grafiker, kümmerte.

Ihren größten Hit haben sie knapp verpasst

Zwar fanden die meisten Marina-Veröffentlichungen kein großes Publikum, aber ein paar Treffer landeten die Hamburger doch. So machten sie, nach mühevoller Recherche, das verschollene Album Waterpistol der Liverpooler Kultband Shack einem großen Publikum zugänglich. Zum größten Marina-Bestseller wurde Caroline Now, ein Sampler, auf dem sich Musiker aus aller Welt mit raffinierten Neuinterpretationen vor dem legendären Beach Boy Brian Wilson verneigen. Der ließ beeindruckt und gerührt aus Kalifornien seine Begeisterung darüber ausrichten.

Einen weiteren Hit hätten Kassel und Lähnemann um ein Haar mit Edwyn Collins gelandet. Dem Schotten, der in den Achtzigern in Großbritannien mit seiner Band Orange Juice für Aufsehen gesorgt hatte, waren sie von gemeinsamen Freunden empfohlen worden, und es galt als abgemacht, dass Marina Records das Collins-Soloalbum Gorgeous George im deutschsprachigen Raum rausbringen würde. Aber dann zankten sich Vertriebe, die Sache wurde kompliziert, und die Platte erschien woanders. Der Schmerz darüber wäre vermutlich erträglicher gewesen, wenn auf dem Album nicht der Song A Girl Like You gewesen wäre, der weltweit in die Charts rauschte, bis heute im Radio läuft und die Kontostände aller Beteiligten nach oben zog.

Dennoch muss klargestellt werden, dass Stefan Kassel und Frank Lähnemann zu den Romantikern gehören, die Platten eben nicht veröffentlichen, um reich damit zu werden, sondern weil sie meinen, dass gute Musik ein Publikum finden sollte. Künstler wurden bei Marina nie danach bewertet, ob sie Hit-Potenzial haben, sondern nur danach, ob Kassel und Lähnemann sie ins Herz geschlossen haben.

Doch dann reichte die Liebe nicht mehr. Wenn immer mehr Menschen Musik streamen, statt Tonträger zu kaufen, müssen auch die beiden Idealisten durchrechnen, wie lange sie sich ihren Traum noch leisten können. Natürlich hätten sich Stefan Kassel und Frank Lähnemann den veränderten Hörgewohnheiten stellen können, aber dazu haben sie keine Lust, weil es ihrem Old-School-Ideal vom Musikhören nicht entspricht. Kuratierte Spotify-Playlists sind den beiden Labelmachern fremd. Das haptische Erlebnis, ein Cover in den Händen zu halten, Liner-Notes zu studieren und die Porträts der abgebildeten Künstler zu bestaunen, ist für sie essenziell.

So ist ihre neue Veröffentlichung auch ein Abschied aus einer Musikwelt, in die ein Laden wie Marina Records nicht mehr so recht passt: "Krach auf Wiedersehen!" steht dezent versteckt im Booklet der Goosebumps-CD, und das letzte Stück der Compilation ist eine wunderbare Coverversion des von den Betreibern geliebten Frank-Sinatra-Songs Goodbye (She Quietly Says), exklusiv eingespielt von der Band Cowboy Mouth, die selbstverständlich aus Glasgow stammt.

"Goosebumps – 25 Years of Marina Records" (Marina Records)