Matthias Geist hat den Anruf des ehemaligen Häftlings bereits erwartet. Als sich der frisch Entlassene bei ihm meldet, liegt vor dem Mann ein Leben in Freiheit. Nachdem er alles verloren hat, stellen sich existenzielle Fragen. Wo soll er schlafen? Er weiß es nicht. Wie werden seine nächsten Tage aussehen? Er weiß es nicht. Aber er hat Geists Nummer in der Tasche. Geist, 49 Jahre alt, evangelischer Seelsorger in den Wiener Gefängnissen, meldet sich prompt. "Wir schauen schon, wie es weitergeht", versichert der Pfarrer an diesem Tag.

"Nach zwei Stunden Laufen ist man einfach anders entspannt. Man hat weniger Sorgen im Leben."
Seelsorger Matthias Geist

Ein paar Monate später wird der Ex-Insasse sagen: "Wenn du aus dem Gefängnis kommst und du keine Familie oder Freunde mehr hast, dann weißt du nicht, ob du links oder rechts gehen sollst. Zum Glück gibt es Menschen wie Matthias Geist."

So etwas hört Geist immer wieder. Wenn niemand mehr da ist, wenn niemand mehr an einen glaubt, dann glaubt Matthias Geist noch immer.

An einem Nachmittag im Spätsommer sitzt er in einem Café nahe des Wiener Rathauses, wieder steht ein Gespräch mit einem Ex-Häftling an. Geists Haare sind zur Glatze abrasiert, die Augen sind blau, die Hose ist es auch, genauso wie seine Pulsuhr, auf der sein Name aufscheint. Geist, der Pfarrer, ist begeisterter Läufer. Elf Marathons hat er schon bestritten. Seine Bestzeit liegt bei 3:08 Stunden. "Nach zwei Stunden Laufen ist man einfach anders entspannt. Man hat weniger Sorgen im Leben", sagt er.

Und mit Sorgen kennt er sich aus. Neben dem islamischen und dem katholischen Seelsorger betreut Matthias Geist seit 17 Jahren Gefängnisinsassen, Entlassene und deren Angehörige. Bezahlt wird sein Job von der evangelischen Kirche, trotzdem ist es ihm gleichgültig, welcher Religion die Menschen angehören. Nur zehn bis 15 Prozent der von ihm betreuten Häftlinge sind evangelisch, der Rest katholisch, muslimisch oder ohne Bekenntnis. Auch in anderer Hinsicht ist über die Jahre eine breite Palette an Begegnungen zusammengekommen: mit Neonazis, prominenten Wirtschaftsverbrechern, Tierschützern, Terroristen und rund 90 Mördern, manche von ihnen bekannte Namen

"Ich werde die Seelsorge in Krankenhäusern, im Gefängnis hervorheben. Als einen Ort, wo die Kirche einen wichtigen Platz hat."

Die Gefängnisseelsorge ist Geists Traumjob – den er nun aufgeben wird. Mit 1. Dezember wird er Superintendent der evangelisch-lutherischen Diözese Wien, der zweitgrößten im Land nach Oberösterreich. Geist, Vater von 15-jährigen Zwillingen, wurde von einigen der insgesamt 21 evanglischen Pfarrgemeinden als Kandidat vorgeschlagen und hat sich in einer internen Wahl gegen vier Mitbewerber durchgesetzt. Sein künftiges Amt kommt dem eines Bischofs gleich, er wird dann für zwölf Jahre so etwas wie ein Manager der Pfarrgemeinden sein. Geist wird die Kirche nach außen repräsentieren müssen, Besuche in den Gemeinden absolvieren, schauen, dass die kirchliche Ordnung eingehalten wird.

Ist das nicht ein krasser Kontrast zur Arbeit mit Straftätern? "Ich glaube, dass die evangelische Kirche auch eine Auszeichnung erfährt, wenn ein Gefängnisseelsorger das Amt ausführt", sagt Geist. "Ich werde die Seelsorge in Krankenhäusern, im Gefängnis hervorheben. Als einen Ort, wo die Kirche einen wichtigen Platz hat."