Verdammt, eine Frau. Fünf Tage lang sind wir Männer unter uns gewesen, wir fürchten das Auseinanderfallen unseres unerwartet zarten, offenen, mutigen Teams, zu dem wir gewachsen sind. Wir haben geweint, den Vollmond angeheult, unsere Dämonen betrachtet, uns in den Armen gelegen ohne Panik davor, schwul zu sein. Um Frauen, Feminismus ging es kaum, sondern um die historische Frage, wie moderne Männer sein wollen, jenseits von Fiffi- und Macho-Stereotypen. Nun steht sie da, die Frau, die diesen Workshop organisiert hat, und sagt strahlend, dass wir viel entspannter aussähen als beim Start. Und urplötzlich schnappen die alten Reflexe wieder zu: Rivalenblicke, Aufmerksamkeitsgeheische, der ewige Schwanzvergleich. Sehr modern ist das nicht. Und doch hat sich etwas Grundlegendes getan.

Wir hocken auf Matten im Kreis, unser Zuhause für die nächsten Tage. Handys aus, keine Drogen außer Kaffee und Zigaretten, ringsum tschechischer Wald, keine Kneipe. Check: auffällige Klamotten, teure Uhren, arrogante Blicke, Sixpacks, Tattoos? Der blonde Hüne mag Mitte zwanzig sein, der mollige Herr daneben sicher siebzig. Hier sitzen Start-upper, Yoga-Lehrer, Wütende, Anwälte, Seitenspringer, Frustrierte, Banker, Impotente, Mathematiker, Muskelprotze, Scheidungsväter, Altruisten, mindestens ein HIV-Positiver, Christen, Muslime, Ungläubige, Hindus, Buddhisten, Spirituelle; einer hat Bhagwan noch live erlebt. Alle haben ihre Erfahrungen mit Sucht, Einsamkeit, Druck, Wunden.

43 Männer sind von fünf Kontinenten für diesen Workshop "Men – an Initiatory Journey" eingeflogen; ein globaler Mikrozensus jener, die gern Lösung statt Problem wären, aber in Zeiten verwirrter Männlichkeit nicht so recht wissen, wie. Alle sind mutig genug, ihre Männlichkeit genauer zu betrachten, schlau genug, sich nicht indoktrinieren zu lassen, offen genug, die Schattenwelten von Macht, Gewalt und Übergriffigkeiten zu inspizieren. Warum leben wir fünf Jahre kürzer als Frauen und begehen dreimal häufiger Suizid? Wie begegnen wir diesem nervigen Bild vom not- und machtgeilen Poser? Wie geht männlich, selbstbewusst, fair, wild? Gibt es einen modernen Mann ohne kapitulative Verweiblichung?

Dieser Workshop hatte in mir mehr Panik geweckt als ein Urologenbesuch. Ich wollte nicht und wollte doch. Aber warum? Was soll das? Ganz einfach – es ist an der Zeit, mich zukunftsfit zu machen. Das bin ich meinen beiden Söhnen schuldig. Wie oft im Leben hatte ich mich verbogen, um Anerkennung zu finden, Zoten gerissen, um gequälte Lacher einzuheimsen, Alkohol in mich geschüttet oder meinen Körper sonst wie geschunden, um ein echter Kerl zu sein. Der Rivalenkampf im Job, die kriselnde Ehe, Erziehungskrisen, depressive Phasen, alberne Angebereien und ziemlich viele dumme Sprüche – das Giftgas falsch verstandenen Mannseins habe ich an allen Fronten inhaliert und verströmt. Wie erleichternd für das erschöpfte Maskuline, wenn der Satz "Ich kann nicht mehr, ich mag nicht mehr" endlich raus ist. Und jetzt? Neue Impulse bitte, von Männern.

Bruce Lyon, 60, der Workshop-Leiter, begrüßte mich mit offenen Armen. Bei Umarmungen unter Männern steht sonst mindestens einer schräg oder klopft sofort die Schulter des Gegenübers. Bruce war anders. Er zog mich heran, unsere Brustkörbe trafen aufeinander, Wärme stieg auf. Ich wollte mich lösen. Bruce stand stark und atmete tief. Ich versuchte, seinem Rhythmus zu folgen. Sofort dieser typische Jungs-Gedanke: Ist der schwul? Bin ich in eine Horde Homo-Maniacs geraten?

Bruce Lyon, zweite Ehe, Psychologe, Biologe, Tantriker, früher mal Unternehmer, ist seit 20 Jahren als Wanderprediger im Dienst der Liebe unterwegs. Männergruppen hatte er vor Jahren drangegeben. Jetzt legt er wieder los. Mit seiner weißen Mähne sieht er aus wie Gandalfs kleiner und kräftigerer Bruder, seine dunkelwarme Stimme verströmt schon bei niedrigster Lautstärke eine natürliche Autorität. Das Erstarken giftiger Männlichkeit, global angeführt vom Oberpavian Trump, macht ihm, dem Großvater, Sorgen. Wie, fragt er, können wir unseren Kindern und Enkeln gegen all die regressiven Tendenzen weltweit ein gesundes Männerbild mitgeben und vorleben?

Für die Vorstellungsrunde hatte ich mir heiter-nachdenkliche Sätze einfallen lassen, mit denen ich mich elegant als Opfer von Erziehung, Tradition, Gesellschaft zu präsentieren gedachte. Doch Bruce torpedierte meinen Inszenierungsplan: "Erste Regel: no stories", sagte er gleich zu Beginn. Wie bitte? Keine meiner mit Therapeutenhilfe verfeinerten Erzählungen, wer alles schuld sei an meinem Elend? Kein Opferkult? Was bleibt vom Mann ohne Schuldzuweisungen und Feindbilder, ohne Zorn auf die Düsseldorfer Tabelle, böse Frauen, den brutalen Job, die traumatische Kindheit, die unser Denken und Fühlen so schön ordnen?

Nach kaum einer Stunde steht das Leitmotiv: Wir haben genug. Genug geschämt, genug gekämpft, genug gesoffen. Genug Gegenwartsekel. Genug Pornoflucht. Genug Emotions-Outsourcing an den Fußball. Genug Gusseisengrill und Gin-Geschmatze, genug Heldenfimmel und Versorgerstress, genug von drei Autos, null Freunden. Genug vom darstellenden Leben, das Eltern, Partnerin, Kinder, Nachbarn, Kollegen bedient, nur uns nicht. Genug vom Ich-genüge-nicht. Höchste Zeit, die Pelle der beleidigten Leberwurst abzustreifen, von wegen "Was darf man als Mann überhaupt noch sagen?". Aber auch: Es ist genug da, genug Zeit, genug Geld, genug Kraft, genug Herz und Seele, genug Lust, genug Teamgeist. Brüderlichkeit trieb die Französische Revolution. Da wollen wir hin. Strammes Programm mit Heulgarantie. Manche haben seit 30 Jahren nicht mehr geweint.

In der Raucherecke erzählt James aus Idaho, wie sein Boss neulich doch tatsächlich ... – "Story", murmelt Emre, ein Kurde mit Furcht erregendem Bart. James nickt und verstummt.

Wir stehen im Kreis. Willkommen in der Tabuzone. "Heterosexuelle in die Mitte!", befiehlt Bruce. Drei Dutzend Männer gehen einen Schritt vor. "Offen Bisexuelle!" Fünf. "Bisexuelle Fantasien!" Etwa zehn trauen sich. "Zölibatäre, freiwillig oder nicht!" Rückfrage eines Ehemanns: "Ist dreimal im Jahr zölibatär?" Ja. Ein gutes Drittel. "Homosexuelle Fantasien!" Erst zwei, dann fünf, am Ende wohl fünfzehn Männer machen den Schritt. "Irgendwelche Anflüge von Homophobie!" Zögern. Schließlich stehen über dreißig Männer im Kreis. Ich bin gerührt vom Mut zur eigenen Widersprüchlichkeit.