2011

8. Juli, Karlsruhe

Eine Stunde lang Bilder von der Tour de France, wo man sieht, wie die Hauptfeldsklaven vor der Zielankunft die Tempo-Arbeit verrichten. Warum wirkt Führungsarbeit im Radsport so traurig? Vermutlich, weil das Vorne-Fahren nur episodisch zu verstehen ist. Gewinnen soll immer ein anderer.

1. August, Wien

Nota bene: Die Tea Party-Bewegung in den USA ist nicht zuletzt ein Produkt der Mobilisierung via Internet. Ab sofort wird die Frage, wer bringt wen in wie kurzer Zeit auf die Beine, zu einem Schlüsselelement der Politik. Wer die Effekte des "progressiven" Internetgebrauchs von Tunesien bis Ägypten lobt, soll die analogen Effekte auf den dumpfkonservativen Feldern westlicher Nationen nicht außer Betracht lassen. Niemand kann vorhersagen, was aus Konnektivität überhaupt, Konnektivität sans phrase folgen wird.

Um von den längerfristigen Wirkungen des Existierens unter der Dunstglocke der Erregungsindustrie nicht zu reden.

18. August, Bad Ratgersburg

Mittags, von Wien kommend, im südsteiermärkischen Hotel eingetroffen, wo ein Buffet von obligaten Mittel-Klasse-Nudelsalaten für Erste Hilfe bei Entkräftung sorgt. Man lernt in Häusern der Vier-Sterne-Ebene mehr über die generelle soziale Lage als in Hotels der unbedingten Luxus-Klasse. Hier sieht man noch eine Mittelschicht, die Wert darauf legt, sich selber höher einzustufen. Selbst-Upgrading, eine Spezialität, die nicht nur Österreicher und Osteuropäer betrifft.

24. August, Grenoble, Alpe-d’Huez, Grignan

Am Vormittag macht sich die Dreier-Bande mit dem Chrysler Grand Voyager, PW am Steuer, das Cannondale-Rad im Kofferraum, René munter am Beifahrersitz, auf den Weg vom Hotel nach Bourg d’Oisans, von wo der Aufstieg zum Zauberberg der Velomanen beginnt.

An einer in der Nähe gelegenen Tankstelle prüfe ich den Reifendruck, 4,5 bar vorne und hinten. Tücke des Objekts: Auf den ersten 200 Metern springt zweimal die Kette vom Zahnkranz. Dann gelingt es, sie mit der Stellschraube am Bremsgriff in die richtige Position zu bringen. Der erste Kilometer ist haarig, die Umstände könnten dennoch nicht besser sein. Noch ist die Sonne mild, der Wind weht leicht.

Was folgt, ist eine homerische Episode. Die 21 Kurven der Alpe tragen den Fahrer wie von selber nach oben. Durch ihre epische Struktur erlauben sie keine Ermattung. Jede Kehre ist wie ein Gesang der Ilias. Du fährst durch Legenden. Sie liefern Atem für alle Berge. Es sind nicht die Beine, die dich nach oben expedieren, es ist der Wunsch, einmal auf der Spur der Helden zu rollen.

Heraklit meinte, der Weg hinauf und der Weg hinab sind derselbe. Da ich ohne Helm fahre, denke ich nicht im Traum daran, die ganze Abfahrt zu absolvieren. Nach fünf skrupellos durchflogenen Kurven soll es genug sein. Nun muß es in die Ferien gehen. Zum Rhônetal ist es nicht mehr weit. Das Hochgefühl sollte für einige Tage ausreichen. Am Abend sind wir in der Drôme.

1. November, Karlsruhe

Man kann sich an die 68er Parole "Die Phantasie an die Macht!" nur noch mit Verlegenheit erinnern. Der Spruch war von Anfang an abwegig, und dies nicht nur, weil er eine kindische Ästhetisierung der Politik implizierte. Als er zirkulierte, war niemand von uns Jüngeren bereit, zu begreifen, in welchem Ausmaß de Gaulle phantastischer dachte als alle, die gegen ihn protestierten. Er selber war ja die an die Macht gelangte Phantasie – er machte der Märchenkönigin Frankreich den Hof und umwarb sie mit nuklearen Morgengaben.

Das Volk der Jung-Dumpfen, ich nehme mich nicht aus, bestand darauf, in ihm nichts anderes als die Verkörperung des verhaßten Realitätsprinzips zu sehen. Was von uns damals niemand ahnte: Neben seinem galanten Verhältnis zur Dame France bekannte sich de Gaulle zu Nietzsche: Wie der Autor von Also sprach Zarathustra glaubte er zu wissen, die Staaten sind die kältesten aller kalten Ungeheuer. Als sein Außenminister Maurice Couve de Murville einmal von den "Freunden Frankreichs in der Welt" gesprochen hatte, fiel de Gaulle ihm ins Wort: "Ein Staat, der seinen Namen verdient, hat keine Freunde."

Im Jahr 2011 läuft das Motto Occupy Wall Street! durch die westlichen Blätter, ein Wort, das nichts anderes bedeutet als: "Die Naivität an die Macht!" Der Satz wirbt wieder für eine willkommene Verblendung. Seine Protagonisten möchten nicht wahrhaben, in welchem Ausmaß die Naivität längst am Ruder ist, verkörpert von Leuten, die meinen, es gebe zu ihrem "Realismus" keine Alternativen.

Vor ein paar Tagen sah man im Fernsehen (war es vielleicht bei Maybrit Illner, der Schönen?) eine junge Schauspielerin, die kürzlich an der Belagerung von Banken in Frankfurt teilgenommen hatte und nun mit somnambulischem Glanz in den Augen erklärte, es gehe ab sofort darum, daß alle mit allen kommunizieren.