Die rechten Ausschreitungen in Chemnitz Ende August führten zu einer kontroversen Debatte über Ausländerfeindlichkeit und Rassismus in Ostdeutschland. Sicher ist, dass diese Debatte das Image von Chemnitz, Sachsen, Ostdeutschland und Gesamtdeutschland beschädigt hat. Allenthalben wurde vor einem starken Rechtsextremismus gewarnt, und der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Marcel Fratzscher mahnte, dass der Osten ohne Toleranz seine Talente und seine Wirtschaftskraft verlieren würde.

Doch die bittere Wahrheit ist: Er verliert sie auch so. Trotz vieler hübsch renovierter Altbaufassaden in Vorzeigestädten wie Leipzig, Dresden, Weimar oder Potsdam – der Osten schließt nicht zum Westen auf. Im Jahr 2017 lag das Bruttoinlandsprodukt in den ostdeutschen Flächenländern mit 28.300 Euro pro Kopf noch um gut 30 Prozent niedriger als im Westen (41.000 Euro).

Hinzu kommt: Seit 1991 ist die Bevölkerung der ostdeutschen Flächenländer von 14,6 auf 12,6 Millionen gesunken, während sie im Westen (einschließlich Berlins) von 65,3 auf 69,6 Millionen angestiegen ist. Korrigiert man die wirtschaftlichen Daten um diesen Abwanderungseffekt, dann fällt die Angleichung der Lebensverhältnisse noch geringer aus.

Abwanderung

Bevölkerungsentwicklung in West und Ost

Statistisches Bundesamt © ZEIT-GRAFIK

Vor allem in den kleineren Städten und Dörfern zeigt sich deutlich, wie dramatisch die Lage ist: Sie verlieren stetig an Einwohnern. So ist in der sächsischen Stadt Hoyerswerda die Zahl der Einwohner von 65.000 im Jahr 1990 auf 33.400 im März dieses Jahres gefallen. Wolfen in Sachsen-Anhalt hat von 44.000 Einwohnern im Jahr 1990 bis heute mehr als 60 Prozent der Bevölkerung verloren.

In vielen Dörfern sind die Fenster vernagelt, die Gebäude verfallen, und die Geschäfte sind längst geschlossen. Dort, wo die Perspektiven fehlen, macht sich Trostlosigkeit breit. Selbst im viel gelobten Leipzig liegt das durchschnittliche Nettoeinkommen der Einwohner bei bescheidenen 1.400 Euro pro Monat. Viele in der Stadt leben von der Hand im Mund. Ersparnisse haben sie in der Regel wenig, ebenso wenig wie Rücklagen für die Alterssicherung.

Abwanderung

In vielen Städten Sachsens sinkt die Zahl der Einwohner.

Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen © ZEIT-GRAFIK

Wenn 2019 der Solidarpakt II ausläuft, über den die ostdeutschen Länder und Berlin zusätzliche Bundesmittel erhalten, sind neue großzügige Förderprogramme für den Aufbau Ost ziemlich unrealistisch. Denn dem Staat sind längst neue Lasten entstanden, die finanziert werden müssen. Die Aufnahme von Flüchtlingen kostet seit 2016 circa 25 Milliarden Euro jährlich. Die Nettozahlungen an die EU lagen zuletzt bei 13 Milliarden Euro. Die 3,5 Milliarden, die der Länderfinanzausgleich an die ostdeutschen Flächenländer verteilt, wirken im Vergleich geradezu bescheiden.