Es ist ein riskantes Abenteuer, auf das sich die österreichischen Sozialdemokraten und deren künftige Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner einlassen. Die Nachfolgerin ihres gescheiterten Vorgängers Christian Kern übernimmt eine marode Partei, in der Misstrauen und Hader alle Vorgänge diktieren. Zwar heucheln die roten Granden nun Einigkeit und behaupten, geschlossen hinter der Neuen zu stehen. Doch tatsächlich sind die unterschiedlichen Flügel vor allem damit beschäftigt, ihre Einflusszonen neu abzustecken und Kontrolle in das Führungsteam hineinzureklamieren, das sich Rendi-Wagner jetzt zusammenstellen muss.

Schon kurz nachdem der Abgang von Christian Kern von der innenpolitischen Bühne ruchbar geworden war, begann das Gerangel um Posten und politische Gewichtung in der Partei. Als sich nach einigen turbulenten Chaostagen die Nachfolgeentscheidung auf Pamela Rendi-Wagner einzunorden begann, suchten die Fraktionen nach Möglichkeiten, sich in dem roten Entscheidungsprozess zu verankern. Mehr denn je leidet die Sozialdemokratie an einer Malaise, welche die Grünen von Anfang an begleitet hat. Sie sind, etwas vereinfacht gesagt, in Fundis und Realos gespalten, in einen pragmatischen und einen idealistischen Flügel, zwischen denen sich noch in vielen Schattierungen mehrere Untergruppen finden. Auf der einen Seite wird gefordert, die Partei müsse sich auf ihre sozialdemokratischen Grundwerte rückbesinnen, auf der anderen Seite wird verlangt, die Genossen müssten sich auf neue Politikfelder, etwa Genderpolitik oder Themenbereiche aus der grünen Agenda, ausbreiten. Nur so ließen sich auch zusätzliche Wählerschichten erschließen.

Solange noch ein roter Bundeskanzler am Ballhausplatz regierte, ließen sich die Bruchlinien kaschieren, indem ganz einfach die Persönlichkeit des Regierungschefs in das bestmögliche Licht gerückt wurde. Die Kanzler-Inszenierung überstrahlte eine Zeit lang den Konflikt um die politische Stoßrichtung. Spätestens im verpfuschten Wahlkampf des vergangenen Jahres aber wurde offenkundig, wie verkracht die Genossen in Wahrheit sind. Besonders sichtbar wurde das in der Migrationspolitik. Die Realos, die eine restriktivere Haltung fordern, können sich auf eine lange Tradition berufen. Schließlich ist der gewerkschaftliche Kampf gegen den ausländischen "Genossen Lohndrücker" nur ein Vorgänger der Ablehnung, die gegenwärtig Migranten entgegenschlägt. Schon vor Jahrzehnten ließ ein roter Zentralsekretär, der dem inneren Kreis der Gewerkschaften entstammte, den Ausspruch plakatieren: "Das Boot ist voll!" Was ziemlich der augenblicklich vorherrschenden Stimmung im Land entspricht. Die Idealisten hingegen suchen eine Allianz mit der Zivilgesellschaft und wollen viele Positionen aus deren Willkommenskultur übernehmen. Von diesem Hin und Her war nicht nur der desaströse Wahlkampf geprägt, sondern auch der Kampf um die Führungsfigur Kern. Das Scheitern war der Wahlkampagne eingebettet. Plötzlich schien der große Zauderer im Kanzleramt einem jungen und durchaus charmanten Draufgänger namens Sebastian Kurz, der das Migrationsthema von den Freiheitlichen gekapert hatte, nicht mehr gewachsen zu sein.

Nach der Niederlage, in der ungewohnten Oppositionsrolle, lähmten die Flügelkämpfe die Partei vollends. Die Sozialdemokraten verloren jegliche Schlagkraft. Auf dem Rechtfertigungsmarathon, den Christian Kern seinem überstürzten Abschied folgen ließ, gestand der gescheiterte Oppositionsführer ein, dass er sich mit seiner neuen Rolle nie hatte anfreunden können. Es entspreche nicht unbedingt seinem "persönlichen Profil", die "ideale Speerspitze" zu sein: "Das ist nicht mein Stil, mit dem Bihänder auf Leute einzudreschen." Dieser Satz entwickelte sich rasch zu einem geflügelten Wort, in dem sich das ganze Dilemma der Sozialdemokraten bündelte. Nun soll es die neue Führungskraft richten. Den beleidigten Unterton des Kurzzeitkanzlers, der bei dieser Selbsteinschätzung mitschwang, gab er aber seiner Nachfolgerin als Bürde mit.

Auch die Mitglieder der Werner-Faymann- Gedächtnisliga beanspruchen Einfluss

Es scheint jedoch wenig wahrscheinlich, dass sich die aparte Spitzenmedizinerin Rendi-Wagner nun über Nacht in eine rote Jean d’Arc verwandeln könnte (siehe auch die Analyse von Anton Pelinka auf dieser Seite). Ein neuer Dreschflegel muss her. Beide Flügel beanspruchen jetzt diese Rolle für sich. Die Idealisten haben den langjährigen Kern-Vertrauten und ehemaligen Kulturminister Thomas Drozda ins Spiel gebracht, der an der Seite der Vorsitzenden als Parteimanger eine Führungsrolle übernehmen soll. Der bisherige geschäftsführender Klubobmann Andreas Schieder, der die Chaostage bei einem Ausflug einer Parlamentsdelegation nach Taiwan verpasst hatte, legte vorsorglich am Dienstag dieser Woche legte seine Funktion nieder. Damit wäre gewährleistet, dass der lange Schatten des glücklosen SPÖ-Chefs noch lange auf die österreichische Innenpolitik fällt. Beide hatten ihre politische Karriere in den Neunzigerjahren etwa gleichzeitig begonnen: Drozda im Kabinett von Kanzler Viktor Klima, Kern in jenem des damaligen SPÖ-Klubobmannes Peter Kostelka.

Die Realos wollen die Funktion des Kettenhundes hingegen lieber einem Vertrauten des ehemaligen Bundeskanzlers Werner Faymann anvertrauen, den Kern vor zwei Jahren aus dem Amt geputscht hatte. Die Mitglieder dieser Werner-Faymann-Gedächtnisliga, hauptsächlich in Wien beheimatet, beanspruchen nun überhaupt größeren Einfluss auf die Parteilinie. Gleich nach dem missglückten Überraschungscoup hatten sie sich für die langgediente Faymann-Vertraute Doris Bures als neue Vorsitzende ins Zeug geworfen. Doch die derzeitige zweite Nationalratspräsidentin war wohl die einzige Nachfolgekandidatin mit genügend politischer Erfahrung. Ihr schwante daher, auf welche hoffnungslose Mission sie sich einlassen würde, und sagte vorsorglich ab. Nichtsdestoweniger vergaß der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig, als er Rendi-Wagner der Gefolgschaft der Wiener Genossen versicherte, nicht darauf hinzuweisen, dass man eigentlich lieber die kampferfahrene Bures an der Parteispitze gesehen hätte. Wahrscheinlich war es Christian Kern überhaupt nur deshalb gelungen, seine Favoritin durchzuboxen, weil sich kein anderer Kandidat den Tort zumuten wollte.

Denn nach dem Tohuwabohu, das der alte Vorsitzende ausgelöst hatte, schien die Aufgabe, den zerstrittenen Haufen zu einen und zu neuer Schlagkraft zu formieren, nicht sonderlich verführerisch zu sein.

Auf einmal war Kern ein zerzauster Leitwolf ohne Rudel

Die politische Krise, in welche Kern seine Partei hineinmanövriert hat, begann schon früh in seiner Kanzlerschaft. Zunächst ein fulminanter Start: Es gelang, den neuen Regierungschef als coolen Entscheidungsträger zu stilisieren, der mit Pilotensonnenbrille und hauteng geschnittenen Anzügen – so eng, dass Brieftasche und Schlüsselbund häufig von irgendeinem Schammes aufbewahrt werden mussten – Überlegenheit signalisierte und der mehr Konzernboss denn Politiker frischen Tatendurst ausstrahlte. Doch bald geriet die Inszenierung in Schräglage. Kern zeigte sich zunehmend genervt von der bockigen Ministerriege seines Koalitionspartners ÖVP. Schließlich verpasste er es, den Höhepunkt seiner Popularität auszunutzen. Im Jänner des Vorjahres hätte Kern die perfekt orchestrierte programmatische Rede, in der er seinen "Plan A" (eigentlich ein fix und fertiges Wahlprogramm) vorstellte, als Startrampe für Neuwahlen nutzen müssen. Die Koalition hatte nahezu alle Sympathien verspielt und sich in einem Abnützungskrieg festgefressen. Die Entscheidung, die Wähler zu den Urnen zu rufen, wäre auf breites Verständnis gestoßen.

Erneut offenbarte sich aber das Hamlethafte seiner Persönlichkeit, die mit sich hadert, was edler dem Gemüt zustattenkomme. Statt die offene Auseinandersetzungen zu suchen, vertraute er den Beteuerungen des damaligen Vizekanzlers Reinhold Mitterlehner, einen aktualisierten Koalitionspakt zügig umsetzten zu wollen. Das scheiterte schon beim ersten Versuch. Zudem war es längst kein Geheimnis mehr, dass der jugendliche Senkrechtstarter Kurz nur darauf lauerte, die schwarze Parteiführung an sich zu reißen. Nicht das Faktum war fraglich, lediglich der Zeitpunkt. Wenig später hatte Kurz den nichts ahnen wollenden Kanzler überrumpelt. Und plötzlich sah der Messias von einst alt und verbraucht aus.

Auf einmal war Kern ein zerzauster Leitwolf, der ohne Rudel dastand

Stets hatte Kern eine divergierende Runde von Beratern um sich geschart. Stets schenkte er demjenigen Glauben, mit dem er sich zuletzt besprochen hatte. Die Ohrenbläser ritterten aber vor allem darum, wie sie den Regierungschef für ihre Interessen hätten instrumentalisieren können. Der verhängnisvollste von ihnen war der Israeli Tal Silberstein, eine Art politischer Handwerksbursche, den Kern sich von Alfred Gusenbauer, einem seiner Vorgänger, hatte aufschwatzen lassen. Der Hardliner, von Sicherheitsthemen besessen, steuerte die Kommunikation ebenso wie die Linie, der Kern folgen sollte. Aus heutiger Sicht würde man das message control by bullying nennen.

Einen Morgens wurde dann das Superhirn des Kanzlers in seiner Heimat wegen Korruptionsvorwürfen verhaftet. Kern musste die heiße Kartoffel fallen lassen, das Silberstein-Büro fiel auseinander, peinliche Interna sickerten, geschickt von einem schwarzen Mastermind gesteuert, in die Medien. Dabei hätten die Genossen gewarnt sein müssen. Seit Monaten bestand damals bereits ein rumänischer Haftbefehl gegen den umtriebigen Israeli, doch ein roter Parteianwalt hatte ein Unbedenklichkeitszeugnis ausgestellt. Auf einmal war Kern ein zerzauster Leitwolf, der ohne Rudel dastand.

Nach verwandtem Muster verlief nun auch der Wirrwarr, welcher Kerns Abgang in Bewegung gesetzt hatte. Wohl schon seit dem Frühjahr haderte Kern mit seinem Oppositionsschicksal. Die Jobsuche nach einer Führungsposition irgendwo in Deutschland war mehr oder weniger gescheitert (ZEIT Nr. 39/18). Kern blieb nur die ungeliebte Funktion. Mehrmals ließ er sich von dem Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser, einem seiner wenigen Vertrauten, in privaten Gesprächen versichern, dass er der geeignete Mann für den Job sei. Schließlich warf er allen Zuspruch über Bord und beschloss nach interfamiliärer Beratung, die Innenpolitik hinzuschmeißen.

Nur eine kleine Gruppe von Spitzenfunktionären war am Vorabend des Überraschungsdienstags, an dem alles publik wurde, eingeweiht: Kaiser, der Wiener SP-Chef Ludwig, Doris Bures und ÖGB-Chef Wolfgang Katzian. Ebenso wussten Drozda und Pamela Rendi-Wagner über die Entscheidung Bescheid.

Aus diesem Umkreis floss die Information, ob aus Dummheit oder aufgrund einer gezielten Intrige, sei dahingestellt, zu dem schwarzen Chef-Kommunikator Gerald Fleischmann – eine plausible Spur führt in die Wiener Parteiorganisation. Fleischmann, der gern als das Alter Ego seines Regierungschefs beschrieben wird, leitete die Nachricht unverzüglich telefonisch an Sebastian Kurz weiter, der sich gerade auf Staatsbesuch in Rom befand. Etwas entgeistert erkundigte sich der Kanzler bei seiner Entourage, ob sich jemand im Entferntesten vorstellen könne, dass der Oppositionschef Kern zurücktreten würde. Zu diesem Zeitpunkt hatte allerdings Fleischmann die Neuigkeit den Tageszeitungen Kronen Zeitung und Presse bereits zugespielt. Der Startschuss zu den roten Chaostagen war abgefeuert. Anschließend vergeudete Kern vier kostbare Stunden, bis er endlich in einem dürren Statement seinen Rückzug aus Wien bestätigte und seine Kandidatur bei den EU-Wahlen im Mai nächsten Jahres ankündigte.

Bald nachdem die ersten Gerüchte aufgetaucht waren, kursierte in den sozialen Netzen ein Porträtfoto von Christian Kern. Mit einem bissigen Zusatzkommentar: "Nicht das Erreichte zählt. Das Erzählte reicht!"

Es dürfte sich bei dieser Analyse um die knappste Zusammenfassung der sehr kurzen Ära Kern in Österreich handeln. Da capo demnächst in Brüssel?