Michael Allmaier ist Redakteur der ZEIT und schreibt jede Woche über ein Restaurant der Stadt © Kathrin Spirk für DIE ZEIT

Wir gehen "zum Italiener", "zum Griechen", sogar "zum Chinesen". "Zum Franzosen" aber nicht. Liegt es an der französischen Küche, die für solche Kumpaneien zu viel Respekt einflößt? Ob Haute oder Nouvelle Cuisine, stets blieb für genussfrohe Deutsche ein Hauch von Unnahbarkeit. Man sieht ihn noch vor sich, den Klischee-Patron mit dem Zwirbelbart, der pikiert "Oh non, Monsieur!" sagt, weil man Rotwein zum Fisch bestellt.

Im Plat du Jour sind sie alle bartlos; und dass das Bistro der Hochküche entstammt, weiß schon kaum jemand mehr. Vor einem Vierteljahrhundert hat Jacques Lemercier es eröffnet – als entspannte Alternative zu seinem Gourmetrestaurant L’Auberge Française. Die Lage im Bank- und Börsenviertel erwies sich als glückliche Wahl. Bald trafen sich hier die wichtigen Leute, nicht zuletzt aus der Medienwelt.

Lemercier hat sich längst zurückgezogen, auch der Promi-Faktor ist nicht mehr derselbe. Doch noch immer ist das Restaurant im Familienbesitz. Noch immer hängen die alten Zeitungsausrisse im Fenster. Auf einem lobt der 1995 verstorbene Nachrichtensprecher Werner Veigel die "Glanzlichter der französischen Bistroküche", die er hier genossen hat.

Zeitlos die Einrichtung mit dem Schachbrettboden und den Schwarz-Weiß-Fotos an der Wand. Catherine Deneuve melancholisch. Jacques Brel seltsam verrenkt auf einem Stuhl. Serge Gainsbourg mit ... Gibt es überhaupt ein Foto von ihm ohne Zigarette?

Für die Karte gilt dasselbe. Die Glanzlichter aus Veigels Tagen – einige glänzen noch immer. Die tollen Kalbsnieren in Senfsauce zum Beispiel – knackig gebraten und innen blutrot. Mögen andere mit Ceviche oder Poké experimentieren; hier gibt es den rohen Lachs als bewährtes, grob geschnittenes Tatar mit einem Belag von knackigen Puy-Linsen. Zwar steht auch manchmal etwas Nichtfranzösisches auf dem Menü. Doch dann ist es verlässlich wie beim Carpaccio, das hier mit Kapern und einer sehr guten Kräutersahne über die Grenze geholt wird. Tagesgerichte spielen, trotz des Namens, gar keine so große Rolle.

Im Plat du Jour gibt es auch noch die Pinguine. Das dumme Wort hat sich ja eingebürgert für Kellner der alten Schule: Hose, Weste und Fliege schwarz, Schürze und Hemd in Weiß. Aber diese Pinguine sind in ihrem Element. Man muss ihnen nur zusehen: Eine Männertruppe stiefelt herein. Dem Auftreten nach eine Chefetage in der Besetzung von circa 1992. Der Kellner versucht eine Begrüßung. Der Oberchef geht an ihm vorbei, dem Vektor seines Zeigefingers zum größten Tisch hin folgend: "Da, wir wollen den." Kurzer Wortwechsel im Service: "On n’a pas réservé!" – "Ça va!" Und es geht dann auch. Heikler ist der nächste Fall, ein Amerikaner. Der ist makellos höflich, aber er spricht Englisch – und das in einem Restaurant, in dem schon das Deutsche einen Hauch degoutant ist. Doch auch der wird nett verarztet. "God bless you!", sagt er zum Abschied.

© Charlotte Schreiber

Bemängeln könnte man manches: die hart gegarten Scampi (immerhin aus Wildfang). Die ungenau temperierten Weine. Die traurige Käseauswahl, die selbst in den Neunzigern niemanden beeindruckt hätte.

Aber wer hier einkehrt, sucht wahrscheinlich gar nicht diese Art von Perfektion. Sondern eher die Sekundärtugenden eines guten Bistros: die kommoden Öffnungszeiten, den flinken Service und die sehr fairen Preise. Außerdem macht es Spaß, zu sehen, wie sich die französische Formstrenge mit den Jahren ein wenig abgeschliffen hat. Etwa wenn der Kellner beim Ausbreiten der Serviette auf dem Schoß des Gastes ein recht deutsches "So, Monsieur!" murmelt. Oder wenn nicht mehr "Steak frites" auf der Karte steht, sondern "Rumpsteak mit Pommes". Das Plat du Jour ist, auf seine Art, der Italiener unter den Franzosen.