Geht man hin, oder geht man nicht? Am Freitagabend lädt der Bundespräsident in Berlin zum Staatsbankett mit Recep Tayyip Erdoğan. Der türkische Präsident kommt "als Freund", sagt er. Erdoğan will Normalität in den deutsch-türkischen Beziehungen, während in seinem Land faktisch der Ausnahmezustand herrscht. Er will Freundschaft mit den Deutschen, die er selbst vor Kurzem noch mit den Nazis gleichgesetzt hat. Und so wird schon die Frage, ob man mit diesem Mann speisen will, für so manchen Geladenen zum Gewissensentscheid.

Die Spitze der Grünen, der Chef der FDP und ihr außenpolitischer Sprecher, AfD-Abgeordnete und Linke wollen dem Mann nicht die Hand reichen. Der Grüne Cem Özdemir, der den türkischen Präsidenten oft öffentlich kritisiert hat, geht hingegen selbstbewusst hin: "Erdoğan soll mich sehen und aushalten." Opposition erlebe der zu Hause nicht mehr so oft.

In Berlin wird er seine Kritiker nicht übersehen können. Viele Demonstranten haben sich bereits angekündigt. Das könnte Geschichte machen, wie bei dem Besuch des persischen Schahs 1967 oder dem von Ronald Reagan 1987.

Der Präsident wird die Proteste wohl oder übel hinnehmen. Er braucht deutsche Investitionen, weil es in der Türkei wirtschaftlich bergab geht. Aber Hilfe für Erdoğan?

Viele Bürger in seinem Land empört schon der schlichte Gedanke. Im Folgenden sollen Türken zu Wort kommen, die mehr Hilfe brauchen als ihr Präsident. Wie Erdoğan haben auch sie große Erwartungen an die Bundesregierung. Nur ganz andere.

Hacer Demir sitzt auf der Couch in seinem spärlich möblierten Wohnzimmer. Neben ihm Haci, seine Frau, und die gemeinsame Tochter. Der 40-jährige Bauarbeiter Demir ist gerade aus dem Gefängnis gekommen, er darf die Stadt nicht verlassen, einen neuen Job hat er noch nicht. Sein Prozess wird im November fortgesetzt. Sein Leben war im Januar dieses Jahres abgestürzt.

Da kamen sie abends um halb elf. Drei Polizisten schlugen gegen die Wohnungstür. Hacer Demir öffnete, die Polizisten schoben ihn zur Seite. Sie durchsuchten die Wohnung, sein Schlafzimmer, die Küche, das Wohnzimmer. Sie fanden nichts, dann drehten sie sich zu dem 40-Jährigen, mit der Grußformel: "Sie sind verhaftet." Ein Polizist legte ihm Plastikhandschellen an. Demir schaute noch einmal zu seiner entgeisterten Frau und der zehnjährigen Tochter im Türrahmen – dann verschwand er mit den Polizisten.

Zehntausende haben Ähnliches erlebt, Zehntausende wissen nicht wirklich, warum. Die meisten haben noch nicht mal eine Anklageschrift gesehen. Nur sehr wenige reden über ihr Schicksal. Wer redet, macht es anonym, so wie Hacer Demir, der vergangene Woche aus dem Gefängnis entlassen wurde und eigentlich einen anderen Namen hat. Angst geht um in der Türkei.

Demir kostete ein kurzer Satz auf Facebook die Freiheit. Als die türkische Armee im Januar begann, die syrisch-kurdische Stadt Afrin zu erobern, notierte Demir: "Millionen Syrer sind nicht ohne Grund zu Flüchtlingen geworden. Der Krieg ist der Vater aller Probleme." Diesen ziemlich unbestreitbaren Satz fanden die Behörden staatszersetzend. Denn während der Schlacht um Afrin machte die türkische Regierung Jagd auf zwei Sorten von Feinden: die Kurden in Syrien und die Kriegsgegner in der Türkei. Also kam die Polizei zu Demir.

Seine Familie stand nach der Verhaftung ohne Ersparnisse, ohne reiche Verwandte sofort am Rande der Existenz. "Ich musste viel mehr arbeiten", sagt Haci, die als Putzfrau Geld verdient. Die Tochter saß allein zu Hause. Dazu kam die Ausgrenzung: Keiner wollte mit der Frau eines politischen Häftlings zu tun haben. Haci ist wütend auf die Außenwelt und ihren Mann zugleich. "Wenn er noch mal so was Politisches postet, ist er mich los", sagt sie heute. Demir sitzt still daneben und schaut auf den Boden.

Acht Monate Gefängnis haben den Mann gezeichnet. Er hustet, eine chronische Bronchitis. Als die Polizisten ihn wegbrachten, wurde er zunächst mit gewöhnlichen Kriminellen in eine Zelle gesteckt, mit Dieben, Vergewaltigern, Mördern. Jede Nacht holten ihn die Wächter aus der Zelle und schlugen ihn: "auf die Ohren, auf die Brust, auf die Füße, ins Gesicht". Er sollte Komplizen verraten. Aber da er sein eigenes Vergehen schon nicht begriff, wusste er auch nicht, wen er wofür verraten sollte.