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Bei den gegenseitigen Besuchen türkischer und deutscher Politiker wurden in der letzten Zeit nur noch selten Hände geschüttelt. Sondern viel öfter: Fäuste geballt. Als zum Beispiel der damalige Bundespräsident Gauck vor vier Jahren bei m Staatsbesuch in Ankara seine Besorgnis darüber ausdrückte, wie in der Türkei die Meinungs- und Pressefreiheit zunehmend eingeschränkt wird, reagierte Erdoğan unwirsch: "Wir haben ihn aufgefordert, sich nicht in unsere inneren Angelegenheiten einzumischen. Vermutlich hält er sich weiter für einen Pastor. Behalte diese Gesinnung für dich ..."

Damals machte die deutsche Seite erstmals Bekanntschaft mit der Erdoğanschen Sprache, zu der er immer dann greift, wenn er sich stark fühlt. Auch Merkel bekam diese Rhetorik letztes Jahr zu spüren: "Ihre Praktiken unterscheiden sich nicht von denen der Nazis", sagte er, nachdem ihm Deutschland während des Wahlkampfs ein Auftrittsverbot erteilt hatte.

Teils aus charakterlichen, teils aus politischen Gründen übergingen Gauck wie Merkel die hitzige Sprache des türkischen Präsidenten. Sie reagierten mit milden Antworten. Ihnen war bewusst, dass Erdoğan im Grunde nicht zu ihnen sprach, sondern zu seiner Basis. Genau wie Assad, Putin oder Trump würde auch er eines Tages die Worte herunterschlucken und an ihre Türen klopfen müssen.

Und genau dieser Tag, er scheint jetzt gekommen. Nun, da Erdoğan ökonomisch in der Klemme steckt, klopft er bei der deutschen Regierung an, die er noch im letzten Jahr als "Nazis" beschimpfte.

Auf Einladung aus Schloss Bellevue hatte ich vorletzte Woche eine einstündige Unterredung mit Frank-Walter Steinmeier. Was ich sagte, mag den Bundespräsidenten verwundert haben. Denn: Ich, ein Regimegegner, finde den Erdoğan-Besuch wichtig. Würde der Westen die Türkei politisch und ökonomisch isolieren, würde das bloß ihren antiwestlichen Nationalismus stärken. Und dadurch die im Land um Demokratie kämpfenden Kräfte noch stärker gefährden. Damit der Dialog aber nicht Erdoğan zu neuer, alter Stärke verhilft, sollte Berlin Werte, Demokratie, Vorrang des Gesetzes, Menschenrechte, Pressefreiheit, Gleichberechtigung der Geschlechter, Laizismus, wieder in Erinnerung rufen. Sich und seinem Gegenüber.

Wer diese Werte mit ein paar kritischen Sätzen ad acta legt und meint: "Erdoğan ist zwar ein Autokrat, aber er hält die Flüchtlinge zurück. Außerdem kauft er eine Menge Waren und Rüstungsgüter bei uns ein. Kümmern wir uns um die Geschäfte", schadet sowohl dem Kampf für Demokratie der "anderen" Türkei wie auch der Reputation der deutschen Politik enorm.

Angemessen wäre, wenn Berlin Erdoğan als Präsidenten der Türkei empfinge mit allen Formalien, die zu einem Staatsbesuch gehören. Gegen seine repressive Politik aber an der Seite des Freiheitskampfes des Volkes stünde.

Darum finde ich Cem Özdemirs Haltung richtig, zum Empfang für den türkischen Präsidenten zu gehen, dort aber Erdoğan die notwendige Botschaft zu vermitteln. Bei der Pflege der bilateralen Beziehungen sollte eine Haltung eingenommen werden, die sich, ohne die dumpf-nationalistische Front in der Türkei zu stärken, gegen das fortdauernde Repressionsregime stellt und sich des Kampfes dagegen bewusst ist.

Eine solche Haltung, da bin ich mir sicher, ist nicht bloß für die Zukunft der Türkei, sondern auch für die deutsch-türkischen Beziehungen von existenzieller Bedeutung.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe