Nach dem Debakel von 2017 müssten alle froh sein, dass es den "Schweizer Buchpreis" überhaupt noch gibt. Statt des Preisträgers Jonas Lüscher stand damals, wenn auch nur kurz, Urs Faes im Scheinwerferlicht. Der Schriftsteller verließ im Disput mit der Moderatorin Nicola Steiner und dem Literaturkritiker Martin Ebel, die vorher einen alten Faes-Verriss aus der Mottenkiste geholt hatten, die Bühne der Buchpreis-Show. Aufgebrachte Kollegen bekundeten ihre Solidarität mit Faes, sogar ein Boykott wurde angeregt, die Feuilletonredaktoren waren außer sich. Eine helle Aufregung.

Was diese Umstände verdeckten: Jonas Lüschers Auszeichnung war symptomatisch, er war der einzig mögliche Gewinner. Nicht nur, weil Kraft ein starker Roman ist – auch die ungeschriebenen Gesetze des Wettbewerbs sprachen für ihn. Da war zuvorderst die Gelegenheit zur Wiedergutmachung des Juryentscheids von 2013, als Lüscher den Preis für sein Debüt Frühling der Barbaren nicht erhielt.

Hinzu kommen eine ganze Reihe weiterer Kriterien, die für die Zusammensetzung von Literaturpreis-Shortlists eine Rolle spielen, mit der Güte der Werke aber wenig zu tun haben: die Biografien der Anwärter, ihre Medientauglichkeit, das Geschlechterverhältnis der "last few", die "Fallhöhe" ihrer literarischen Versuche – ja, sogar ihr Alter und nicht zuletzt auch die Intensität des bisher auf sie niedergegangenen Preisregens.

An dieser Stelle jaulen die zuständigen Juroren laut auf, und die Möchtegernjuroren, die Kritikerkritiker da draußen, tun es umso lauter – auch in diesem Jahr: Die Kulturbüros der großen Redaktionen schaukelten sich vergangene Woche anlässlich der Veröffentlichung der Shortlist 2018 gegenseitig hoch. Von einer "skandalösen Nichtbeachtung" schrieb Roman Bucheli in der NZZ, weil Thomas Hürlimanns Heimkehr nicht nominiert war. Und Martin Ebel vom Tages-Anzeiger hätte gern Adolf Muschg und Christina Viragh auf der Liste gesehen, er wertete die Nominierung von zweieinhalb Erstlingen obendrein pauschal ab: Der Buchpreis sei kein "Debütantenball".

Beide Journalisten stellten dieselbe rhetorische Frage: Sollte hier nicht das "beste" Buch des Jahres ausgezeichnet werden? Und müssten dazu nicht die fünf "besten" Bücher des Jahres nominiert sein? Wer sich die Geschichte des Schweizer Buchpreises anschaut, kann nur zum Schluss kommen: Nein.

Jeder, der einmal Teil einer Literaturpreis-Jury war, weiß: Gewillt sind die allermeisten, tatsächlich das Beste auszuzeichnen. Aber was das Beste im Kontext eines solchen Wettbewerbs ist, das ergibt sich aus dessen ungeschriebenen Regeln.

Der Schweizer Buchpreis ist der Marketingpreis des Buchhändler- und Verlegerverbands: ein hübsch verpacktes Werbetool mit Ausstrahlung in den deutschen Buchmarkt. Er muss sich von den jährlich sieben (!) vom Bundesamt für Kultur (BAK) vergebenen Schweizer Literaturpreisen abheben. Dass der Buchpreis für Umsatz sorgen soll, ist absolut legitim – das weiß aber auch die Jury, unabhängig hin, unabhängig her.

Der Branchenpreis geriert sich, zweitens, als publikumsrelevante "Visitenkarte" des hiesigen Betriebs, denn die Nominierten reisen ab sofort durch die deutschsprachigen Lande, um für ihn die Werbetrommel zu rühren. Entsprechend stereo- und archetypisch setzt sich dann auch jedes Jahr die Shortlist zusammen. Sie finden:

Einen Star. Also eine Autorin oder einen Autor, den man (auch jenseits des Landes) kennt – und der literarische Größe ausstrahlt. In diesem Jahr ist das Peter Stamm. Nominiert ist er für seinen Roman Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt, erschienen im S. Fischer Verlag. Dass an dieser Stelle nicht Hürlimann oder Muschg gelandet sind, liegt wohl daran, dass es die Jury 2016 versäumte, Stamm für Weit über das Land überhaupt zu nominieren. Er bekommt also – wie im Vorjahr Lüscher – eine zweite Chance, eine dritte sogar. Da Stamm für die vierte Chance wohl nicht mehr zum Finale nach Basel käme, sind sich die Buchmacher hinsichtlich der Favoritenrolle einig.

Einen Intellektuellen. Ohne Geist geht es nicht. Die Nominierung Heinz Helles ist passgenau: Der in der Schweiz lebende Deutsche ist Philosoph, aufstrebender Suhrkamp-Autor (Die Überwindung der Schwerkraft) und hätte – genau! – schon 2014 für sein Debüt ausgezeichnet werden können. Das Nachsehen hatte er damals gegen Lukas Bärfuss, der den Habitus des engagierten Schriftstellers perfektioniert hat. Vor einem Jahr regte Bärfuss an, den Buchpreis abzuschaffen. Erfolglos. Helle posierte dieses Jahr stattdessen für gmögige Homestorys in NZZ und AZ und zeigt damit "Volksnähe". Kein Zweifel: Da weiß einer, wie man hierzulande Erfolg buchstabiert.