Der Sündenfall ist so groß, dass Kardinal Marx gerade unumwunden erklärt hat: "Ich schäme mich." Es kann aber sein, dass die von ihm in Auftrag gegebene Studie über den massenhaften Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche noch lange nicht die zwingend nötige Klärung bringt. Es gibt begründete Zweifel an der Aussagekraft des Berichts. Und die von Fehlern und Skandalen, Unfähigkeit und Halsstarrigkeit in ihrer Amtskirche ohnehin gebeutelten Katholiken im Land erleben jetzt eine neue Heimsuchung.

Es ist ja richtig, dass auch andere Institutionen – wie Sportvereine oder Schulen – Tatorte für sexuellen Missbrauch waren, möglicherweise noch häufiger. Doch erstens waren die Täter dort sehr oft Gleichaltrige. Und zweitens beruft sich ein Turnverein nicht auf Jesus, von dem der Evangelist Lukas Folgendes überlieferte: Als die Jünger einmal verhindern wollten, dass er mit Kindern in Berührung kommen konnte, rief er: "Lasst die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht daran! Denn solchen wie ihnen gehört das Reich Gottes."

Mindestens 3677 Kindern und Jugendlichen aber gehörte in der katholischen Kirche die Hölle. Es geht um mutmaßliche Übergriffe und Verbrechen, die in Deutschland seit dem Jahr 1946 von mindestens 1670 Würdenträgern begangen wurden. Das gibt die kircheneigene Studie preis. Und es ist gut, dass diese Zahlen endlich ans Licht der Öffentlichkeit gelangen. Genauso erschreckend wie diese Bilanz ist aber der Beifang der Studie: die Erkenntnis, dass sie nur einen Teil der dokumentierten Fälle überhaupt erfasst – und das auch nur anonymisiert und ohne Einsicht in die Originalakten. Dass bis vor Kurzem mit wenigen Ausnahmen die unausgesprochene Devise galt: Täterschutz geht vor Opferschutz. Dass Täter, wenn es denn eine Ahndung gab, eine Milde erfahren haben, die für die Opfer einer zweiten Schändung gleichkam. Dass in erheblichem Umfang und nicht nur im Vorfeld der Studie Aktenvernichtung betrieben worden ist. Dass selbst die vorhandenen Akten nicht vollständig ausgewertet wurden. Dass die Zahl der Opfer und die der Täter also in Wirklichkeit viel größer ist, vermutlich um ein Vielfaches.

In dieser Situation würde der Glaubwürdigkeit der Kirche nur eines dienen: maximale Transparenz. Die Kirche hat einiges unternommen, um zumindest neue Fälle von Missbrauch anders zu verfolgen als früher. Schon unter Papst Johannes Paul II. hatte Joseph Ratzinger eine kircheninterne Anzeigepflicht eingeführt; Bischöfe und andere leitende Geistliche müssen Verdachtsfälle an die Glaubenskongregation in Rom melden. Seit 2010 gilt auch eine Leitlinie der Deutschen Bischofskonferenz: Bei einem Anfangsverdacht müssen die Strafverfolgungsbehörden eingeschaltet werden; es sei denn, das Opfer ist dagegen.

Das Problem daran ist: Die Bischöfe selbst kontrollieren, ob sie diese Leitlinien auch umsetzen. Noch im Jahr 2010 gab es im Bistum Hildesheim einen so unfassbaren Fall, dass man vom Glauben abfallen könnte. Da wurde ein einzelner Missbrauch durch einen Geistlichen an die Justiz gemeldet. Der Täter kam, weil angeblich Ersttäter, mit einer Geldbuße davon. In Wirklichkeit war er ein Serientäter übelster Sorte. Seine Kirche aber hatte die Information, dass es sich bei ihm um einen der Haupttäter des Missbrauchsskandals am Berliner Canisius-Kolleg mit Dutzenden Opfern handelte, einfach zurückgehalten.

Ein anderes Problem: Der Zugang zu Geheimarchiven unterliegt dem Selbstbestimmungsrecht der Kirchen. Im Prinzip sind sie bei einem Anfangsverdacht zugänglich für Staatsanwälte. Aber bislang hat sich niemand alles richtig angesehen. Warum nicht?

Immer noch ahndet die Kirche Missbrauch zunächst auf Grundlage ihres Codex Iuris Canonici. Das Mindeste, was man unter dem Schock der Studie erwarten kann: Es muss Schluss sein mit einer Art kirchlicher Paralleljustiz, die Täter schützt. Jede Form der Aufklärung über Vergehen in der Kirche sollte man besser einer vom Auftraggeber unabhängigen Kommission überlassen.

Für sexuellen Missbrauch kann es keine mildernden Umstände mehr geben. Auch ist die Auseinandersetzung darüber unvermeidlich, ob die Strukturen in der katholischen Kirche oder Auflagen wie der Zölibat solche Taten begünstigen. Es steht nicht nur der Ruf der Kirche auf dem Spiel. Was die Bischöfe, die sich in dieser Woche in Fulda beraten haben, vielleicht nicht so mitbekommen: Die Leidensfähigkeit vieler Katholiken ist erschöpft.

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