1. Entschädigt die Opfer

Bis zu 5000 Euro Entschädigung pro Person – diese Summe hat die Kirche den Missbrauchsopfern 2011 angeboten. Die Verbände der Betroffenen fanden das damals "schäbig". Zwar lässt sich das Leid der Opfer nicht beziffern. Das ist aber kein Grund, es nur bei symbolischen Summen und warmen Worten zu belassen: "Routinemäßig abgespulte Entschuldigungen bringen uns Opfern nichts", sagt Heiko Schnitzler vom Betroffenenverein "Eckiger Tisch Bonn". "Entschuldigungen und Gebete sind nicht die Währung in dieser Gesellschaft, wenn es um Wiedergutmachung geht, sondern Geld." Manche Opfer hat der Missbrauch so sehr aus der Bahn geworfen, dass sie die Schule oder später ihre Ausbildung abgebrochen haben. Sie kämpfen ein Leben lang mit den finanziellen Einbußen. Hier muss die Kirche einspringen. Das gilt auch für Therapiekosten, die von den Krankenkassen nicht gedeckt werden.

"Die beste Lösung wäre ein nationaler Fonds unter dem Dach der Deutschen Bischofskonferenz", sagt der Kirchenrechtler Thomas Schüller von der Universität Münster. In diesem Szenario würden die reichen Bistümer freiwillig einen größeren Teil als die armen beisteuern – im eigenen Interesse: Schließlich unterscheidet die Öffentlichkeit nicht zwischen den einzelnen Bistümern. Steht ein Bistum in schlechtem Licht, trifft es die gesamte Kirche. Über die Vergabe des Geldes an die Opfer würde in diesem Modell ein unabhängiger Ausschuss – bestehend aus Laien – entscheiden. Dass es dazu kommt, ist allerdings unwahrscheinlich. "Die Kirche in Deutschland betreibt heute noch Kleinstaaterei wie im 18. Jahrhundert und wird es sicher nicht schaffen, sich auf ein so grundlegendes Konzept zu einigen", sagt Schüller.

2. Ermöglicht unabhängige Aufklärung

Die jetzt vorliegende Missbrauchsstudie genügt nicht den Anforderungen an das, was "lückenlose Aufklärung" genannt werden darf. 2010 beauftragten die 27 Bistümer auf Druck der Öffentlichkeit eine unabhängige Studie. Die Zusammenarbeit mit dem kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen wurde jedoch 2013 gestoppt. Der damalige Leiter, Christian Pfeiffer, erklärte damals, die Studie sei "an den Zensur- und Kontrollwünschen der Kirche gescheitert". Er wehrte sich dagegen, dass die Kirche den gültigen Vertrag nachträglich mit dem Ziel ändern wollte, die Forschungstexte zu kontrollieren und ihre Veröffentlichung sogar völlig verbieten zu dürfen.

Die Bischofskonferenz wiederum beendete laut Stellungnahmen die Zusammenarbeit wegen "unüberbrückbarer Differenzen". Eine Einigung bei Datenschutz und Persönlichkeitsrechten sei leider gescheitert, Pfeiffer habe laut Bischofskonferenz "Sprunghaftigkeit und mangelnde Seriosität" gezeigt. Die Bischofskonferenz gab eine neue Studie in Auftrag, die am vergangenen Dienstag in Fulda vorgestellt wurde, nachdem die ZEIT vor zwei Wochen erste Ergebnisse vorab veröffentlicht hatte. Bei dieser Studie hatten die Forscher keine volle Akteneinsicht, Kirchenmitarbeiter oder Anwälte der Bistümer gaben angeforderte Akten nur auf Nachfrage heraus. Die aufzuklärende Institution hat die Aufklärung kontrolliert. Will sie ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, muss die katholische Kirche jetzt alle Akten öffnen, im Vatikan, in den Bischofskonferenzen und in den Diözesen. Und sie muss unabhängige Experten das ganze Ausmaß ermitteln lassen.

3. Greift härter durch

Die Kirche ist nicht untätig, geht aber auch nicht entschieden genug gegen Missbrauchstäter vor: 2001 erstellte der Präfekt der Glaubenskongregation, der spätere Papst Benedikt XVI., ein Schreiben zu schwerwiegenden Straftaten ("De delictis gravioribus"). Es empfiehlt dem Klerus, Missbrauchsfälle den nationalen Strafrechtsbehörden zu melden. 2010 überarbeitete die Glaubenskongregation diesen Text und setzte die Verjährungsfrist für Missbrauch auf 20 Jahre herauf.

Im selben Jahr verschärften die deutschen Bischöfe ihre "Leitlinien zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch". Die Umsetzung dieser Leitlinien wird jedoch nur unzureichend kontrolliert. Zudem gibt es noch immer kirchliche Hindernisse, die eine Aufklärung erschweren: Dazu gehört die Norm c. 490 § 3 CIC des bischöflichen Geheimarchivs, die besagt, dass keine Akten aus dem Archiv an Dritte übergeben werden dürfen. "Dort sind jedoch alle Untersuchungsakten und sehr selten die Akten eines Strafprozesses zu Sexualstraftaten hinterlegt – was die Aufklärung von Missbrauchsfällen erschwert", sagt Thomas Schüller.

Hochproblematisch ist in diesem Sinne auch Can. 489 Paragraf 2 des Codex Iuris Canonici: Er besagt, dass Akten zehn Jahre nach einem Urteilsspruch oder dem Tod des beschuldigten Klerikers vernichtet werden müssen. Allerdings brauchen Opfer oft Jahrzehnte, bis sie sich mit ihrem Missbrauch auseinandersetzen können. Die Royal Commission in Australien fordert deshalb eine mindestens 45-jährige Aufbewahrungspflicht der Akten.