Pamela Rendi-Wagner soll also die Partei, die Jahrzehnte hindurch die stärkste Kraft im politischen Geschehen Österreichs war, aus einem Jammertal führen. In dem war die SPÖ angelangt – weil sie den Spagat nicht schaffte, die proeuropäischen Modernisierungsgewinner und die EU-skeptischen Modernisierungsverlierer gleichermaßen anzusprechen; auch, weil der Abschied Christian Kerns von der Parteiführung ebendieser peinlich misslang.

Als Antwort auf die Perfektion der message control des Sebastian Kurz zeigte die Sozialdemokratie, was sie nicht kann. Sie demonstrierte Hilflosigkeit im Umgang mit einem selbst verursachten Chaos.

Nun also Pamela Rendi-Wagner. Die neue Parteivorsitzende bringt gerade deshalb, weil sie kaum roten Stallgeruch verströmt, die optimalen Voraussetzungen für einen Neustart mit – wenn ein solcher an der Außenwirkung gemessen wird.

Im Inneren? Da warten wohl schon einige, die Rendi-Wagners innerparteiliche Blitzkarriere mit Neid verfolgen, auf etwas, was ihr als Fehler ausgelegt werden kann. Deshalb ist es auch wichtig, zu beobachten, ob sich Rendi-Wagner – wie eigentlich üblich – "ihr" Team zusammenstellen kann, von der Bundesgeschäfts- bis zur Klubführung. Rendi-Wagner wird für die anderen Parteien keine einfache Konkurrentin sein, wenn die eigene Partei ihr Freiraum gib.

Rendi-Wagners Vorteil gegenüber den Parteichefs der Regierungsparteien ist, dass sie das Alleinstellungsmerkmal hat, die größte Wählergruppe zu repräsentieren: die Frauen. Es mag schon sein, dass sie den Macho-Männern à la Donald Trump, die es natürlich auch in Österreichs Gesellschaft und Politik gibt, ebendeshalb als Leichtgewicht erscheint. Aber Macho-Männer sind eine schrumpfende Minderheit.

In den Tagen vor ihrer Nominierung zur Kern-Nachfolgerin ist Rendi-Wagner vor allem durch ihre Ruhe und Gelassenheit aufgefallen. Dazu hat auch gehört, dass sie sich auf das übliche Spiel des demonstrativen Desinteresses erst gar nicht eingelassen hat. Sie hat sich von Anfang an offen gezeigt – dafür, Parteivorsitzende zu werden.

Dieses Verhalten war nicht Naivität, das war ein Hauch von neuem Politikstil.

Damit könnte Rendi-Wagner punkten, sie könnte ihre Partei für neue Wählerschichten öffnen. Dabei geht es nicht darum, die "zur FPÖ abgewanderten Wähler zurückzuholen", wie es oft heißt. Die meisten der Arbeiterinnen und Arbeiter, die 2017 die Freiheitlichen gewählt haben, waren nie SPÖ-Wähler. Rendi-Wagner muss niemanden "zurückgewinnen". Aber es ist möglich, dass eine SPÖ, die sich mit Rendi-Wagner neu darstellt, in jenes Segment einbricht, das 2017 einer türkis gefärbten ÖVP einen Wahltriumph beschert hat. Mit anderen Worten: Rendi-Wagner muss Kurz-Wählerinnen und -Wähler zur SPÖ bringen.

Ob sie das kann, hängt zwar einerseits von ihr selbst ab, aber wohl mehr noch von der SPÖ. Diejenigen in der Partei, die gegen Kern intrigiert haben, sind vielleicht versucht, nun aus dem Hinterhalt gegen Rendi-Wagner zu arbeiten, die als Kandidatin des abtretenden Parteivorsitzenden gilt. Das ist ein größeres Problem als die mangelnde Politikerfahrung Rendi-Wagners. Erfahrungswissen kann man rekrutieren, Kompetenz in den einzelnen Bereichen zukaufen.

Was Pamela Rendi-Wagner braucht, das ist eine dicke Haut – ebendie scheint Christian Kern abgegangen zu sein. Und was sie mehr als persönliche Erfahrung im Politikdschungel haben muss, das ist soziale Kompetenz. Diese scheint ihre Stärke zu sein – so zumindest der in den letzten Tagen entstandene Eindruck.

Wenn Rendi-Wagner das schlingernde Schiff SPÖ wieder auf Kurs bringen kann – auf den Kurs, der letztlich nur in der Maximierung von Stimmen gemessen wird –, dann wird sie die Innenpolitik kräftig aufmischen. Dann ist nicht mehr Sebastian Kurz das alle Aufmerksamkeit auf sich ziehende Gesicht eines politischen Aufbruchs. Dann bekommt er ernsthafte Konkurrenz.

Rendi-Wagner war beruflich erfolgreich, außerhalb der Politik. Sie kennt die Welt über den österreichischen Tellerrand hinaus und jenseits der zu einer verengten Sicht einladenden Atmosphäre der Berufspolitiker. Das allein ist natürlich kein Erfolgsrezept, ein solches gibt es ja nie. Aber Rendi-Wagner hat eine Chance, und sie ist eine Chance. Sie könnte nicht nur der SPÖ guttun, sondern auch der österreichischen Politik insgesamt.

Wird die alte Tante SPÖ das zulassen? Sind die Genossen bereit für das Experiment Rendi-Wagner? Wenn die Partei rational agiert, dann, und nur dann kann die neue Parteivorsitzende den dringend benötigten Aufschwung der SPÖ einleiten.