Selten gibt es Filme, die so wichtig und schmerzvoll sind, dass man sie am liebsten zum Pflichtprogramm ernennen würde. Der australische Regisseur und Kameramann Warwick Thornton hat so einen Film gemacht, ein ergreifendes Werk, das die Geschichte der australischen Siedler erzählt – und ihren brutalen Kampf gegen die Aborigines, die geknechtet, versklavt, ermordet wurden, damit sich die weißen Eroberer in ihrem Land ausbreiten konnten. Häufig kam die irrationale Lust am Quälen hinzu, der schiere Wunsch nach Auslöschung des Fremden.

In den ersten Minuten von Sweet Country glaubt man noch, es mit einem klassischen Western zu tun zu haben: Es sind die 1920er-Jahre im Norden Australiens. Der düster dreinblickende Harry March (Ewen Leslie) kommt in eine kaum besiedelte Wüstenlandschaft, wo er eine Farm übernehmen will. Seine Hände sind zittrig, er nuckelt an einer Flasche Rum. Zufällig trifft er auf den freundlichen Pfarrer Fred Smith (Sam Neill), den er darum bittet, ihm den schwarzen Hilfsarbeiter Sam (Hamilton Morris) und dessen Frau Lizzie (Natassia Gorey Fuber) zum Errichten eines Grenzzauns auszuleihen. Die beiden Aborigines werden zum Fremden geschickt, arbeiten hart, verausgaben sich in der brüllenden Mittagshitze. Doch zum Dank bekommen sie weder zu essen noch zu trinken. Sie werden beleidigt, geschlagen und bespuckt. Der Siedler Harry March – er ist der Prototyp eines glühenden Rassisten.

Es kommt zu einem weiteren, einem schrecklichen Übergriff: Sams Frau wird von dem Siedler in ein Haus gezerrt und vergewaltigt. Er droht, sie und ihren Mann umzubringen, wenn sie ihn verrät. Nach der Tat sieht sich March nach einem neuen Leibeigenen um und schnappt sich den kleinen Aborigine Philomac (Trevon Doolan). Weil Marsh ihm misstraut, wird der Junge an einen Stein gekettet. Doch er kann sich befreien. Er flieht und versteckt sich aus Verzweiflung in Sams Haus. Der Siedler eilt ihm hinterher und beginnt, wie im Rausch, wild um sich zu schießen. Aus Notwehr greift Sam zum Gewehr und tötet den Weißen. Es ist der große Wendepunkt des Films. Aus Angst vor Rache flieht Sam mit seiner Frau in die Weiten der australischen Wüste.

Hier beginnt der Film, seine eigentliche Geschichte zu erzählen: Verfolgt und gejagt werden die beiden Aborigines vom grimmigen Sergeant Fletcher (Bryan Brown), der die beiden Ureinwohner zurück in die Siedlung holen und vor Gericht zerren oder besser gleich ermorden will. Über die gesamte Spieldauer strahlt Sweet Country eine beunruhigende tödliche Ruhe aus, die sich mit der glühenden Wüstenlandschaft verbindet. Einen Soundtrack gibt es nicht, man hört nur das Rascheln der trockenen Gräser und das Zirpen der Grillen, die die staubleere Trockenheit der roten Felsen besingen. Es ist eine Poesie der bedrohlichen Stille.

Die Kamera ist der distanzierte Beobachter. Durch die lakonische Inszenierung entsteht eine eigentümliche, fast mystische Gegenüberstellung von Natur und Zivilisation, Mensch und Prärie – und die vielleicht banale Erkenntnis, dass jede Gesellschaft nur so gerecht sein kann wie die Einzelnen, die sie erschaffen. Der Film nimmt eine packende Wendung, als Sam sich dem Sergeant freiwillig stellt (dem er vorher noch mit einer Wasserflasche in der Wüste das Leben gerettet hat), um seine Frau zu beschützen. Sie ist schwanger. Der Erzeuger des Kindes ist der Vergewaltiger March. (Später wird dieses Detail beim Gerichtsprozess noch eine entscheidende Rolle spielen.)

Gerade das australische Kapitel der brutalen Besiedlung der nördlichen Landesteile ist eine Geschichte, die im Rest der Welt – anders als die sogenannten Indianerkriege der USA – kaum bekannt ist. Dennoch ist Sweet Country kein Film der Botschaften und wenn, dann der stummen: Immer wieder lässt Regisseur Warwick Thornton die Gesichter der Aborigines sprechen. In langen Nahaufnahmen zeigen sich die Verzweiflung, die Angst, die Leere, die Hoffnungslosigkeit der Ureinwohner, die von den europäischen Eroberern wie Sklaven gehalten und behandelt wurden. Diesen still klagenden, intensiven Blicken kann man sich nicht entziehen. Sweet Country ist nicht nur eine wichtige Lektion in Geschichte, sondern eine Mahnung, zu welcher Barbarei der Hass auf das Andere führt. Es ist eine Botschaft, die selbst im Zentrum Europas noch nicht angekommen ist.