Currentzis in aller Munde, Augen und Ohren. Currentzis auf allen Kanälen, Audio, Video, Live-Stream, porentief, hautnah. Currentzis, den sie in Stuttgart, Freiburg und anderswo nur Teo nennen. Von Teodor, geboren als Teodoros Kurentzis 1972 in Athen, Schüler des legendären Ilja Musin in St. Petersburg am Konservatorium, Karriere in Nowosibirsk und Perm. Aktueller Status: Erlöser der klassischen Musik. Guru mit sanfter Bassstimme. Hüter von Weisheiten wie "Die Schönheit liegt im Widerstand" oder "Die besten Antworten sind die, die wir nicht geben".

Dirigent radikal ohne Taktstock (egal wie groß die Besetzung ist), Schöpfer einer eigenen Parfümserie (das Fläschchen ab 350 Euro), Springerstiefelträger (mit roten Schnürsenkeln). In der Arte-Dokumentation Der Klassikrebell lässt sich Currentzis, zwischen Sofakissen fläzend, vor laufender Kamera einen Labello-Stift reichen, von Frauenhand, wenn nicht alles täuscht. Reden macht trockene Lippen. Und Currentzis redet gern.

Zwei Tage vor seinem Antrittskonzert als Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters etwa spricht er im Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle fast zwei Stunden lang über das Finale von Gustav Mahlers 3. Sinfonie. Currentzis-LAB nennt sich das neu geschaffene Format, Lab wie Labor. Man hört unterschiedliche Aufnahmen des besagten Finalsatzes, die vieles richtig machen und einiges falsch, lässt sich von zwei Pianisten in die Tiefen der Mahlerschen Harmonik entführen und begreift – wieder so ein Currentzis-Satz –, "warum es wichtig ist, in dieser Musik lebendig zu sein und nicht tot".

"Tot", das wäre: sich der Schönheit der Mahlerschen Liebesutopie zu ergeben. Erst recht tot wäre: nur das zu spielen, was in den Noten steht. Akademisches Musizieren, was immer er darunter versteht, ist Currentzis’ Sache nicht. Als "lebendig" hingegen erachtet er: mit jeder Temporückung, jeder Dissonanz, jedem Diminuendo Fragen zu stellen, nein, infrage zu stellen. Das Ganze. Jedes Wollen, jede Tektonik. Die Selbstgewissheit der eigenen Interpretation. Und Mahlers berühmtes Wort natürlich, er wolle mit jeder Sinfonie "eine Welt aufbauen". So dachte man Ende des 19. Jahrhunderts.

Kurios: Currentzis, der in der Musik an kein Ganzes, keine "Welt" mehr glaubt, weil sich die Strategien des Erzählens und der Vermittlung erschöpft, ja ad absurdum geführt haben, ästhetisch wie rituell, ist einer der wenigen, die ein musikalisch Weltganzes neu zu erzeugen imstande wären. Eines, das weniger auf Buchstaben- und Notentreue gründete, auf käsiger Ehrfurcht vor der Tradition, als auf dem Dionysischen an sich und der frenetisch-frechen Lust am eigenen Ich und eigenen Jetzt. Currentzis mag vom Musikbetrieb abwechselnd zum Medium, zum Magier oder Messias ausgerufen werden: Zuallererst besitzt er kein kleines Ego, und dass ihn dieses zwar zu Äußerlichkeiten wie den roten Schnürsenkeln verleitet, ihm aber nicht existenziell im Wege steht, ist ein Teil des Wunders. "Wohldosierte Anarchie" nennt das der Spiegel in einem hoch dosiert unmusikalischen Porträt. Und das Online-Magazin Van schwärmt vom "Currentzis-Effekt".

Der Rest des Wunders besteht im Wesentlichen aus Handwerk. Russische Schule, der 46-Jährige weiß, was er kann und dass er etwas kann. Nicht nur wolkig reden oder sich zum Eremiten einer Branche stilisieren, die für Eremitagen schon immer besonders anfällig war (Currentzis lebt kurz vorm Ural tatsächlich im Wald!), sondern: Partituren durchdringen, Musiker führen und inspirieren, schlagtechnisch auf dem Quivive sein. Und das sieht dann auch noch schön aus. Organisch fließen seine Bewegungen am Pult, wachsen energetisch aus dem ganzen Körper, mit Armen, Händen, Blicken, die nichts anderes modellieren als eine Sprache, eine Übersetzung für jene "Träume", von denen die Musik handelt. Jede Musik, sagt Currentzis, und man bekommt ein bisschen Angst.