Der Theaterherbst begann für den Theaterbesucher im Akademietheater mit Kommt ein Pferd in die Bar nach dem Roman von David Grossmann. Er hatte den Roman nicht gelesen, entnahm aber der Bühnenfassung immerhin, es wäre sinnvoll gewesen. Denn diese teilte ihm mit, dass der Prosatext sich unter anderem mit einem Einzelschicksal, mit einer Familiengeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Pädagogik, mit dem Judentum, dem Verhältnis und den politischen Geschehnissen zwischen Israel und Palästina, dem Sex und der Grundproblematik jeglichen Entertainments befasst. Kurz, wenn es ein Paradebeispiel für einen nicht aufführbaren Prosatext gibt, dann dieses. Jede Besinnungspause, die das Werk verlangt, wird von einem, nur minimal von Dialog unterbrochenen, rasenden Solo zugequatscht, dieses muss "inszeniert" werden, was heißt, der Regisseur/Bearbeiter hat eine Unsinnigkeit nach der anderen zu erfinden, um "Szenen" zu rechtfertigen. Er lässt den Solisten sich filmen, rote Farbe ins Gesicht schmieren, am Boden turnen, eine Wand umstoßen, einen Garderobenschrank erklimmen und – wenn gar nichts mehr geht – Dartpfeile mit Blumen in den Boden schießen. (Es gibt in diesem Land die Tendenz, dergleichen für "Poesie" zu halten.) Ein ausgezeichneter Darsteller, Samuel Finzi, und eine wundersam berührende Mavie Hörbiger können nicht verhindern, dass man abschaltet, aussteigt und sich einmal mehr über den theatralischen Missbrauch von Prosa Gedanken macht, der ja nur dann keiner sein kann, wenn eine Situation da ist, die sich entwickelt. Es bleibt noch zu erwähnen, dass der Hinweis auf die Problematik jeder den Gemütszustand des Unterhalters vernachlässigenden Darbietung nicht mehr nötig ist, weil schon hundertfach abgenudelt. Seit vielen Jahren nennen die Besetzungszettel der Theater immer auch einen Namen hinter "Dramaturgie". Und oft kommt man nicht umhin, sich zu fragen, was diese Person im Hauptberuf macht.

Am Burgtheater gibt es ebenfalls eine Romandramatisierung nach Mephisto von Klaus Mann. Also dessen Beschreibung der Figur Gustav Gründgens. Der Theaterbesucher ist aber auch Kritikenleser, und so erfuhr er, es handle sich nicht um eine Romandramatisierung, sondern um ein Stück über die Entstehung des Romans. Die Verwirrung wurde noch größer, als sich die Kritiken in der Amplitude von völlig missraten bis grandios bewegten. Dergleichen stört einen Bekannten des Theaterbesuchers. Herr Dr. Bürger meint in solch einem Fall immer, einer von zwei Rezensenten muss ein Idiot sein. Das stimmt natürlich nicht, denn es gibt unterschiedliche Perspektiven. Der daraus entstehende Meinungsstreit macht eine Theaterstadt erst zu einer Theaterstadt, nicht das unentschiedene, meinungslose, bildungsprotzende Geschwafel. Der Theaterfreund wird sich Mephisto demnächst neugierig, nein: gespannt ansehen.

Er hatte noch etwas nachzuholen. The Who and the What war ihm schon zu Ende der letzten Saison als Pflicht genannt worden. Also hin zur Wiederaufnahme. Welch ein fabelhafter Theaterabend! Das Stück des Ayad Akhtar gehört in eine Kategorie, die man well made play nennt. Das ist eine Anerkennung, aber es schwingt ein wenig Gönnerhaftigkeit mit, man will damit auch sagen: Die ganz große Kunst ist es nicht gerade. Und das – meint der Theaterbesucher – kann eben ein gravierender Irrtum sein. Well made play kann große Kunst sein, wenn es – wie in diesem Fall – aktuellste Problematiken wie bedingungslose Religiosität, deren verheerende Folgen in der Pädagogik und die Befreiungsversuche der nächsten Generation abhandelt. Das Stück hat eine Ausgangssituation und ein Ende, verzahnt die Phasen und die Wendungen in virtuoser, ja, auch raffinierter Weise. Keine Sekunde hat man den Verdacht, die Problemstellung könne zu leicht genommen sein, der auch pointierte Tonfall würde den Schicksalen nicht gerecht. Im Gegenteil. Der Theaterbesucher fragte sich unwillkürlich, ob nach Salman Rushdie und Charlie Hebdo der Autor nicht auch die Reaktion der Wahnsinnigen zu befürchten hätte. Man verwirft den Gedanken und erfreut sich am Spiel dreier junger Leute und dem Spiel des als Patriarchen schlechthin großartigen Peter Simonischek.

Sollten geschätzte Leser und -innen meinen, Operette ginge ja nun wirklich nicht mehr, empfiehlt sich ein Besuch der Volksoper. Was aus einem Stück wie Die Czardasfürstin werden kann, wenn ein intelligenter, sprachgewandter Regisseur die Figuren, deren Zeit und Milieu weiterdenkt! Man schämt sich nicht mehr, diese Musik zu lieben.

Bis demnächst in diesen Theatern.