Helge Höllmer trägt eine weiße Uniform statt eines weißen Kittels, an seiner Bürotür hängt eine Feldbluse in Flecktarn. Höllmer leitet die psychiatrische Klinik des Bundeswehrkrankenhauses in Hamburg Wandsbek. Er ist Oberstarzt, seine Erklärung für Militärlaien: "Oberstarzt ist eins unterm General." Er sei EDK, sagt Höllmer noch. Edeka? "Ende der Karriere." Höher hinaus kann ein klinisch tätiger Arzt bei der Bundeswehr nicht kommen – Höllmer muss sich mit niemandem mehr gutstellen, er kann frei reden.

DIE ZEIT: Herr Höllmer, woran leiden Ihre Patienten in der Bundeswehrpsychiatrie in Hamburg?

Helge Höllmer: Drei Viertel von denen, die hier stationär behandelt werden, leiden an Traumafolgestörungen aus Einsätzen. Die treten mittlerweile sehr häufig auf. Die bekannteste davon ist die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

ZEIT: Sie waren viermal in Afghanistan. Gab es während Ihrer Einsätze Situationen, in denen Sie selbst psychisch an Ihre Grenzen gestoßen sind?

Höllmer: Ich war nicht im Kampfeinsatz. Und in Afghanistan in der Wüste rumzulaufen ist schwierig, aber es gibt viel Leerlauf und eine gewisse Sicherheit. Wir haben 57 Soldaten in Afghanistan verloren. Das ist für einen solchen Einsatz extrem wenig. Ich war in Kabul und Masar-i-Scharif, dort spielt man im Lager Volleyball, es gibt Salsa-Kurse. Gleichzeitig fliegen Black Hawks über einen und beschießen fünf Kilometer weiter das Gebirge. Man hört jeden Morgen, dass wieder irgendwo ein Selbstmordattentäter herumfährt. Es gibt einen Anschlag auf einen Bundeswehr-Bus, und man erfährt, dass Sprachmittler aus dem Lager die Information herausgegeben haben, wann der Bus fährt. Einmal habe ich eine Kalaschnikow an den Kopf gehalten bekommen, weil uns ein afghanischer Wachsoldat nicht verstanden hat. Auch mit mir haben die Einsätze etwas gemacht.

"Viele Soldaten sagen, sie fühlen sich von Zivilisten nicht verstanden."
Helge Höllmer, Bundeswehrpsychiater

ZEIT: Woran haben Sie das gemerkt?

Höllmer: Ich bin kein großer Läufer, aber im Lager bin ich jeden Tag laufen gegangen, auch bei beschissenstem Wetter, mit heftigem Durchfall. Nach dem Einsatz waren meine Laufschuhe durch.

ZEIT: Das Laufen war Ihr Schutzmechanismus?

Höllmer: Ja, im Nachhinein würde ich sagen, das war Ausdruck einer Belastung, eine Form von Stressabbau.

ZEIT: Helfen Ihnen diese Erfahrungen bei der Behandlung Ihrer Patienten?

Helge Höllmer, 53, in Bayern geboren, in Schleswig-Holstein aufgewachsen, arbeitet seit 17 Jahren am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg. Seit sechs Jahren ist er Leiter der psychiatrischen Klinik. 100 Betten für psychisch Kranke haben die vier deutschen Bundeswehrkrankenhäuser, 30 davon in Hamburg. © Maria Feck für DIE ZEIT

Höllmer: Viele Soldaten sagen, sie fühlen sich von Zivilisten nicht verstanden. Ältere Psychologen und Psychiater sind oft links sozialisiert. Sie stehen dem Militärischen und damit auch dem Soldaten sehr skeptisch gegenüber: Was ist das für einer? Warum trägt der eine Waffe? Und dann muss der Soldat auch noch alles erklären, weil der Behandler nicht weiß, wie das überhaupt ist in Afghanistan. Es ist ein Türöffner, wenn ich dem Patienten sagen kann, dass ich selbst im Einsatz war. Der Patient weiß dann: Der versteht, was es heißt, sechs Stunden im Bunker zu sitzen, dem muss ich nicht alles erklären. Trotzdem hatten wir eine Zeit lang den Trend, dass Soldaten bevorzugt zivile Therapeuten aufsuchten.

"Manche erleben, dass ein Kamerad tot neben ihnen zusammenbricht und bleiben trotzdem psychisch gesund."

ZEIT: Warum das?

Höllmer: Wenn ein Soldat durch das Militär traumatisiert wurde, sucht er nicht als Erstes Hilfe in dem System, das ihn krank gemacht hat. Ein Patient hat mir einmal gesagt: "Sie sind die Inkarnation meines schlechten Gewissens." Ihn haben die Einsätze krank gemacht, ich war auch in Einsätzen – zum Teil sogar in den gleichen – und habe keine Erkrankung. In dem Gefühl der Patienten, dass sie mir nicht alles erklären müssen, liegt übrigens auch eine Gefahr: Urpsychiatrische Arbeit ist gerade, dass der Patient erzählt, weil ich verstehen muss, wie er persönlich Situationen erlebt und verstanden hat. Er soll nicht sagen: Du verstehst mich ohnehin. Mit diesem Satz kann er in die Kneipe gehen und sich bei seinen Kumpels ausheulen, das ist noch keine psychiatrische Arbeit.

ZEIT: Landen vor allem jene Soldaten bei Ihnen, die direkt an Kämpfen beteiligt waren?

Höllmer: Sehr viele Dinge können traumatisierend sein. Konkrete Kampfhandlungen, wo die Kugeln an einem vorbeifliegen und man sich vor Angst einnässt und einkotet. Raketen, die neben einem runterfallen, ohne zu detonieren. Eine Patrouille, bei der man später realisiert, dass man auf einem Minenfeld unterwegs war und das gerade so gut gegangen ist. Bei einem Gefecht in die Dunkelheit starren und nicht erkennen können, wo der Feind steht. Das Spektrum reicht bis hin zur Begegnung mit großer Armut und verwahrlosten Kindern, wie man sie in Deutschland nicht sehen kann. Das alles sind erst mal Belastungen. Sie können traumatisch verarbeitet werden, müssen sie aber nicht. Manche erleben, dass ein Kamerad tot neben ihnen zusammenbricht, oder sie fahren mit dem Auto auf eine Mine und werden durch die Luft geschleudert und bleiben trotzdem psychisch gesund.

ZEIT: Warum werden manche Menschen krank und andere nicht?

Höllmer: Da spielen immer mehrere Faktoren eine Rolle, das Trauma selbst, aber auch die Vorgeschichte des Menschen und seine individuellen Verarbeitungsfähigkeiten.