Alice Weidel kann vor Freude kaum noch laufen. "Bei uns knallen die Sektkorken", sagt die Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag und strahlt. Dann überlässt sie es ihrem Co-Vorsitzenden Alexander Gauland, das Glück bringende Ereignis zu kommentieren: die Ablösung des Merkel-Vertrauten Volker Kauder als Chef der Unionsfraktion. Das Ende Merkels, so frohlockt der Ex-CDU-Mann Gauland, könne nun "schneller kommen, als wir alle gedacht haben". Für die Frage, ob er nun mit einer "konservativen Revolution" der Unionsfraktion gegen die Kanzlerin rechne, hat der 72-Jährige nur Spott übrig: "Diese Revolution möchte ich mal sehen. Herr Brinkhaus ist doch nicht der konservative Revolutionär. Er ist der Versuch der Fraktion, sich vom Steigbügelhalter Merkels zu trennen und trotzdem die Regierung zu stützen."

Gauland sagt noch, die AfD sei die einzige Partei, die Neuwahlen nicht fürchten müsse – dann eilt er hinfort. Dass die Grünen das bei Umfragewerten um die 16 Prozent auch nicht müssen, vergisst er zu erwähnen. Vielleicht wollte er aber nur vergessen.

Wie eine Bombe platzte die Nachricht von der Kauder-Pleite, die auch eine Merkel-Pleite ist, in den späten Dienstagnachmittag. Damit hatte niemand gerechnet. Und sofort reagieren all jene, die Angela Merkel weghaben wollen. Weil eine liberale CDU-Kanzlerin nicht in ihr Weltbild passt. Weil sie noch offene Rechnungen zu begleichen haben. Weil die Kanzlerin ihren Plänen im Wege steht. Jetzt muss man schnell sein, wenn man die Chance nicht verpassen will, schnell und hart.

Der Merkel-Vertraute Volker Kauder wurde am Dienstag als Chef der Unionsfraktion abgewählt. © Jens Jeske

Besonders flott, das war ja klar, erscheint Christian Lindner auf der Bühne. Der FDP-Chef, der einst Jamaika nicht wollte und seitdem die Groko, die er erzwungen hat, bei jeder Gelegenheit attackiert. Erst recht bei dieser. In seinem ersten Tweet zollt er zunächst dem Sieger Anerkennung: "Der @rbrinkhaus hatte den Mut, gegen das eigene Establishment ganz allein und gegen manchen bösen Kommentar zu kandidieren – Respekt. Es ist ein Signal der Unzufriedenheit und der Erneuerung zugleich. Die @cducsubt denkt nun die nächste Wahlperiode voraus." Mit seinem zweiten Tweet schaltet der FDP-Chef hoch: "#Merkel kann sich Unterstützung ihrer eigenen Fraktion nicht mehr sicher sein. Ich empfehle ihr, die #Vertrauensfrage zu stellen, um Führung wiederherzustellen."

Ralph Brinkhaus folgt Volker Kauder im Amt nach. © Alexander Flocke

Als Lindner wenig später vor die Kameras tritt, befindet er sich schon im Wahlkampfmodus. Merkel habe eine Politik ohne eigene Akzente betrieben, die hätte ebenso gut von den Grünen kommen können. Die Abwahl Kauders zeige, dass die Union wieder eigene inhaltliche Akzente setzen wolle. "Das erleichtert uns künftige Zusammenarbeit." Jetzt ist Lindner auf Betriebstemperatur. Mit der Abwahl des Merkel-Mannes, so fährt er fort, stelle sich die Frage, ob die Unionsfraktion der Kanzlerin damit ebenfalls das Vertrauen entzogen habe. Und dann kommt er noch mal mit der Vertrauensfrage. Frau Merkel sei gut beraten, sie zu stellen, um verlorenes Vertrauen "wieder zu erreichen" – "oder die Führung abzugeben".

Kurz darauf gibt Lindner, noch immer er, dem Sender n-tv ein Interview. Die Gelegenheiten, Angela Merkel eins mitzugeben, wollen gar nicht abreißen. Unter dieser Kanzlerin, so stellt er nun klar, werde es kein Regierungsbündnis mit der FDP geben: "Mit Frau Merkel war schon im vergangenen Jahr kein Aufbruch möglich."

Etwas verwickelter ist das Verhalten der SPD. Der Vizepräsident des Bundestages, Thomas Oppermann, besitzt ein offensiveres Reiz-Reaktions-Verhalten, als es in seinem Amt üblich ist und seiner Partei guttut. "Das ist ein Aufstand gegen Merkel", twittert er umgehend nach dem Sieg von Brinkhaus. Oppermann ist der erste SPD-Promi, der sich äußert. Doch der Rest schweigt erst mal. Kein Öl ins Feuer gießen, abwarten, was sich in der Union in den nächsten Tagen entwickelt, jetzt ja nicht das tun, worin die SPD Meisterin ist: durch ein falsches Wort die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. So lauten die internen Absprachen, die wahrzunehmen Oppermann wohl zu schnell war. Oder zu wenig intern.

Als sich Andrea Nahles erklärt, später als viele andere, weiß sie kaum etwas zu sagen. Außer: "Ich habe Herrn Brinkhaus auch im Namen der SPD gratuliert. Und natürlich auch Herrn Kauder gedankt für die jahrelange gute Zusammenarbeit." Dann taucht sie wieder ab.