Ophey. Spricht sich Op-hey. Denn der Maler wurde 1882 in Eupen bei Aachen geboren, damals Deutsches Reich, seit 1920 Belgien. Warum muss man den Namen erklären? Warum weiß das nicht ein jeder? Warum kennt die Welt Walter Ophey nicht? Wie sie Macke kennt und Kirchner und Münter?

Es ist die erste große Ophey-Schau seit fast dreißig Jahren. Für viele Besucher wird sie eine Überraschung, wird sie zur Offenbarung werden. Dabei hat es an Ausstellungen zum Expressionismus in den letzten Jahren nicht gemangelt. Auch brillante Einzelgänger und Außenseiter wie Wilhelm Morgner, Jeanne Mammen oder Carl Lohse wurden mit Emphase neu entdeckt.

Ophey war weder Einzelgänger noch Außenseiter. Er malte in der Kunststadt Düsseldorf. Hier hatte er studiert, hier lebte er mit seiner Frau, der Lehrerin Bernhardine Bornemann, bis zu seinem frühen Tod 1930. Er gehörte zur vitalen rheinischen Szene, war in den berühmten Sonderbund-Ausstellungen dabei und wurde in der legendären Galerie der Mutter Ey genauso geschätzt wie von Alfred Flechtheim, der schon 1905 eines seiner Bilder kaufte. Selbstverständlich war Ophey auch mit dem Kreis des Jungen Rheinland verbandelt, mit Christian Rohlfs und Max Ernst, Heinrich Nauen, Otto Dix, Otto Pankok. Wie all die anderen, so setzte sich auch Ophey gierig dem Ideensturm der Moderne aus, der sich in Frankreich erhoben hatte und mächtig durch Europa blies.

Nur am Beginn, ganz am Beginn, da spürt man noch süßen Jugendstil. Dann aber wirkt der neoimpressionistische Impuls. Signac, Seurat, Übervater van Gogh. Angeschnittene Aufblicke, verschobene Horizonte verraten den suggestiven Einfluss des Japonismus zur Jahrhundertwende, wie ihn 2014 die große Essener Ausstellung Inspiration Japan so verblüffend nachgezeichnet hat. Unnötig zu sagen, dass auch Ophey eine kleine Sammlung fernöstlicher Holzschnitte sein Eigen nannte.

Aber was für ein Grün in den Gärten! Was für ein sehnendes Mond-, blühendes Sonnenlicht! Es sind nicht die Bildfindungen, Techniken, Perspektiven, die das Eigene und Typische zeigen. Es ist der Flug der Farben, ihr Schweben und Verglühen. Ophey ist ein Maler, den die Farben lieben.

Zons, die kleine Zollfestung am Niederrhein, wird ihm zu einem Städtchen des Midi. Grün summen die Fensterläden im seidenweißen Mittagsglast. Mächtige, doch seltsam schwerelose Baumstämme brummen den Bass. Und endlich und wirklich am Mittelmeer, in Italien: Ein Schnapsglas voll keck leuchtender Blüten stimmt inmitten ausgeblichener abstrakter Flächen – ein Tisch, eine Terrasse vielleicht – ein ländliches Liedchen an.

"Ich malte wie man singt", schrieb er einmal über seine akademischen Jahre. Diesem musikalischen Prinzip blieb er treu. Ob in Zons, ob in Positano. Ob in der hingetupften Nachtsinfonie Der Komet (1910), diesem skrjabinösen Himmelsgefunkel, oder der atonalen Herbstphantasie von 1912, die als überwältigendes Hauptwerk den zentralen Gang der Ausstellung beherrscht. Wuchernde Flammen ziehen uns in ihren Bann, halb Pflanze, halb Feuer, ein Blau, in dem Himmel, Wasser, Traum zusammenfließen; nur ein paar rot-weiße Fliegenpilzköpfchen täuschen kichernd so etwas wie einen Waldboden vor. Was ist das? Ein psychedelischer Trip? Expressionistische Metamorphosen? Frühe Kunst des Informel? Ein schultzescher Migof gar?

Gern malt Ophey so drauflos, laut summend, zart kakofonisch. Jubilierend, lässig, jazzig. Fantastisch allein schon der Raum mit den Sandbrüchen, einer Serie von Gemälden zwischen 1910 und 1924. Formenreich und formlos zugleich, zeigen sie nichts als in Wüste verwandeltes Gold, strömende Sonnenwut. Wir sehen Reiter darin und Kinder wie in einem ocker leuchtenden Schneefeld, in treibenden, wandernden Schneesanddünen, auf immer den Boden unter Füßen und Leben verlierend.

Kubistisch gefugt dagegen die Stadtveduten, hart konturiert die Figuren- und Puppenstilleben aus den Zwanzigerjahren. Die Farbe grob, wie mit einem überdicken Filzstift aufgekrakelt. Eine kleine grüne Madonna steht Porträt, in ein weit fallendes Tuch gehüllt mit einem viel zu großen, melancholischen Paisleymuster – fast eine Klimt-Travestie. Oder Figuren afrikanischer Herkunft, ein beliebtes Motiv der Zeit. Oder zwei Skulpturen des geistig erkrankten "Prinzhorn-Künstlers" Karl Brendel aus der Heil- und Pflegeanstalt Eickelborn, den Ophey kennenlernte, als er dort die Kirche neu gestalten sollte. Eine trotzige Magie umgibt diese Bilder. Verspielt und wuchtig zugleich, von immenser Energie.

"Entartete Kunst", das gewiss. Als Deutschlands Rechtspopulisten nach 1933 auch die Kunst diktieren, kann Opheys Witwe kein Werk ihres Mannes mehr ausstellen. Nach der Befreiung verkauft sie alles an die Stadt Düsseldorf – ein Fehler. Denn so verschwanden die Bilder unverwandt im Depot des Kunstmuseums. Bilder aber müssen hinaus in die Welt, müssen sich über viele Städte und Museen verteilen, damit die Menschen sie erleben können!

Bleibt der Welt also nur, nach Düsseldorf zu kommen, an den Rhein, um sich an Walter Opheys Werk zu berauschen. Diese glänzend gelungene Retrospektive lädt dazu ein. Und wer noch etwas Zeit hat, der sollte eine Etage höher steigen, wo das Museum Kunstpalast eine kleine Auswahl aus seiner Sammlung der klassischen Moderne zeigt. Da hängt exakt zwischen Feiningers S tilleben mit gelbem Samowar und Kirchners Zwei Mädchen Walter Opheys Mädchen in Rot. Genau da, wo es hingehört.

"Walter Ophey. Farbe bekennen!", Museum Kunstpalast, bis zum 13. Januar. Der Katalog (Wienand, 29,80 €) ist leider von herzlich mäßiger Farbqualität.

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