Nicht mehr lange, dann wird Alexander Gerst im All schwimmen gehen. Der deutsche Astronaut will damit eine Frage junger Weltraumfans beantworten: Kommt man in der Schwerelosigkeit der Internationalen Raumstation (ISS) mit Schwimmbewegungen voran? Die Frage hatten Kinder in der Sendung mit der Maus vorgeschlagen – Astronaut Gerst versprach, es auszuprobieren. Zuvor, im Oktober, wird er aber erst einmal das Kommando auf der ISS übernehmen, als erster Deutscher. Und dann stehen neben den Schwimmversuchen auch noch 65 wissenschaftliche Experimente auf seinem Programm.

Natürlich geht es bei der ISS-Forschung um weit mehr als das Spaßproblem des schwerelosen Schwimmens. Die Frage allerdings ist: um wie viel mehr eigentlich? Was machen die Astronauten genau auf der Raumstation? Und tragen sie mit ihren Experimenten tatsächlich zu einem relevanten Erkenntnisgewinn bei – oder eher nicht? Diese Frage ist insofern entscheidend, als der wissenschaftliche Nutzen häufig als wichtiges Argument für den Betrieb der Raumstation genannt wird. Wem nützt die Weltallforschung also, abgesehen von den Zuschauern der Sendung mit der Maus?

Seit 1998 dreht die ISS ihre Runden im Orbit, 16-mal am Tag umkreist sie die Erde. Seit 18 Jahren ist die Raumstation permanent bewohnt, und fast 2500 wissenschaftliche Experimente haben die Astronauten bislang durchgeführt, nicht ganz 200 davon mit deutscher Beteiligung. In den allermeisten Fällen wird dabei allerdings nach Antworten auf Fragen gesucht, die sich nur stellen, weil Menschen ins All fliegen. Weltraumforschung für die Weltraumforschung sozusagen.

So wurde etwa in einem medizinischen Experiment gezeigt, dass Menschen unter den lebensfeindlichen Bedingungen im All regelrecht heißlaufen. Schon im Ruhezustand liegt die Körpertemperatur im Orbit um ein Grad höher als auf der Erde. Wenn die Astronauten Sport absolvieren, steigt ihre Körpertemperatur sogar häufig auf über 40 Grad. "Weltraumfieber" haben deutsche Forscher den Effekt getauft. Die Ursachen vermuten sie in einer Mischung aus Strahlenbelastung, entzündungsfördernden Effekten der Schwerelosigkeit und psychologischem Stress.

Ein anderes Experiment zeigte, wie die Isolation, die Arbeitsbelastung und der gestörte Schlafrhythmus auf der Raumstation zu einer Schwächung des Immunsystems führen. Solche Versuche belegen vor allem, wie wenig die Bedingungen im All mit denen auf der Erde gemein haben.

Irdisch-nützlicher klingen Studien mit elektrisch leitenden Gasen (sogenanntem Plasma). Daraus gewönnen Forscher grundlegende Erkenntnisse zur Entstehung von Glas oder zum Verhalten von Strömungen, und das diene dem "technologischen Fortschritt in der Produktion von Halbleitern, modernen Antrieben, Ventilen und Stoßdämpfern", schwärmt das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Merkwürdig nur, dass die Industrie an solch bahnbrechenden Studien kaum Interesse zeigt.

Seit über zehn Jahren müht sich die Europäische Raumfahrtagentur (Esa), ein Drittel ihrer Forschungskapazität auf der ISS an die Industrie zu verkaufen. Bisher gab es nur einen einzigen Auftrag: Esa-Astronaut Thomas Reiter rieb sich 2006 eine Feuchtigkeitscreme von Evonik auf die Haut. Die Haut altert unter den Extrembedingungen der Raumstation besonders schnell, entsprechend gut lässt sich der Effekt einer Creme untersuchen – vor allem aber vermarkten.