Von allen Protagonisten, die für die AfD im Rampenlicht stehen, ist Alexander Gauland vermutlich der rätselhafteste. Nicht nur Journalisten, auch Weggefährten seiner Frankfurter Jahre und sogar seine Tochter stehen vor derselben Frage: Wie konnte ein kluger, humorvoller früherer Schwarz-Grüner zum Gesicht einer Bewegung werden, die sich immer mehr rechts radikalisiert? Das war doch mal einer von uns, denken viele, die ihn "Deutschlandabschaffer" oder "Vogelschiss" sagen hören.

Der Journalist Olaf Sundermeyer geht dem Rätsel in einer schmalen, aber äußerst anregenden essayistischen Biografie nach. "Alexander Gauland ist der Oskar Lafontaine der Union", schreibt Sundermeyer, der seinem Buch den Untertitel Die Rache des alten Mannes gab. Das System zu zerstören, in dem er keinen maßgeblichen Platz fand – das ist in Sundermeyers Augen die Haupttriebkraft, die den 77-Jährigen, der seit Jahrzehnten an schweren Depressionen leidet, dazu bringt, sich bei Wind und Wetter auf Marktplätze zu stellen und sein Publikum zum Skandieren von Sprechchören wie "Volksverräter" oder "Merkel muss weg" zu animieren.

Der Autor, ein Rechtsextremismus-Experte beim RBB, hat Überraschungen zutage gefördert. Wer weiß schon, dass Alexander Gauland zeitweise für die taz geschrieben hat? Oder dass er einmal selbst ein Flüchtling war? Als er 1959 Abitur machte und seine Heimatstadt noch Karl-Marx-Stadt hieß, wollte das SED-Regime den Sohn eines ehemaligen Offiziers der Königlich Sächsischen Armee und Weltkriegsveteranen nicht studieren lassen, sondern erst einmal "in die Produktion schicken", in den Braunkohletagebau. Davor floh Gauland in den Westen, um erst Politik, später Jura zu studieren. Kaum jemand weiß, dass es ausgerechnet das Presseamt des Bundeskanzlers Willy Brandt war, das dem schwer Depressiven trotz Krankheit ein Beamtenleben ermöglichte. Die Großzügigkeit der Bundesrepublik erntet ja ansonsten aus der Vaterlandspartei AfD nur Hohn und Spott, das Etikett "linksgrün versifft".

Die Eroberung des Ostens durch die angeblich volksnahe AfD ist im Grunde ein Elitenprojekt: Rechtsintellektuelle aus dem Westen wie der Studienrat Björn Höcke, der Verleger Götz Kubitschek und eben der ehemalige hessische Staatssekretär Alexander Gauland haben es verstanden, die Wut in den neuen Ländern zu kanalisieren. Höcke und Kubitschek verbinden damit raunend Ideen von einer "großen Ordnung" mit Staat, Volk, großem Erwachen und so weiter. Gauland, so Sundermeyer, verbindet mit dem Aufstand im Osten im Grunde – gar nichts.

"Er folgt keinen Überzeugungen mehr, weil er keine mehr hat. Nach ihm die Sintflut", schreibt der Autor. "Jetzt, da er zum ersten Mal in seinem Leben selbst in der Verantwortung steht, entpuppt er sich als Opportunist und Zyniker." Gauland – der bewusst die Nähe zu Rechtsextremen zulasse, ohne selbst einer zu sein – nehme billigend in Kauf, dass die Demokratie zu Boden geht. "Darin", so Sundermeyer, "liegt seine politische und moralische Schuld." Sundermeyer hätte Gauland ruhig zugutehalten dürfen, dass die demokratische Lebendigkeit der CDU unter dem wortlosen Pragmatismus ihrer Vorsitzenden auch nicht gerade erblüht ist. An der Klarheit und Angemessenheit seines Befundes ändert das nichts.

Olaf Sundermeyer: Gauland. Die Rache des alten Mannes; Verlag C. H. Beck, München 2018; 176 S., 14,95 €, als E-Book 11,99 €