Sie müssen mir jetzt kurz vertrauen. Und mir einfach erst einmal glauben, wenn ich Ihnen sage, dass Sie wahrscheinlich die meiste Zeit komplett falsch verreist sind. Ihre bisherigen Urlaube: verplempert! Keine Sorge, ich will Sie nicht drängen, in einem Soloschlitten durch Alaska zu pflügen oder sich auf eine einsame Insel zurückzuziehen. Ich will Sie nur dringend bitten: Wenn Sie Ihren nächsten Urlaub vollstmöglich genießen und also endlich richtig unterwegs sein wollen – reisen Sie allein!

Mein eigenes Erweckungserlebnis in dieser Hinsicht war sehr speziell. Ich war mit einem Freund in New York, als ich am vorletzten Tag unserer Reise in einem obskuren Newsletter von der geführten Tour eines Tierpräparators las. Unter seiner Anleitung würde man bei einer Wanderung zu den Mülltonnen von Chinarestaurants nach brauchbaren Tierteilen stöbern, um sie später gemeinsam zu einem Mutantentier zusammenzuflicken. Es klang zwar mittelwiderlich und sehr seltsam, aber für mich klang es auch wie eine Unternehmung, die diesen Urlaub unvergesslich machen würde. Es gab noch freie Plätze, doch mein Reisebegleiter schaute mich an, als hätte ich ihm, nun ja, vorgeschlagen, in seinem dringend herbeigesehnten Urlaub in stinkendem Gekröse zu wühlen. Und er hatte dabei ja nicht mal unrecht.

Nach unserer Rückkehr dachte ich dann weniger an all die schönen Dinge, die wir gemeinsam erlebt hatten, sondern vor allem, grämlich, an die verpasste Tierbasteltour. Und erinnerte mich auch noch an eine Reihe anderer mir von diversen Mitreisenden vermasselter Urlaubsvergnügen, die in den vergangenen Jahren mit Mausezähnchen an mir genagt hatten. Das Maß war voll: Ich wollte jetzt endlich mal allein verreisen. Einmal ausschließlich das machen, worauf ich Lust hatte! Ohne erst beim anderen werben zu müssen, erst umständlich Bewertungen und Belege aus dem Netz fischen zu müssen, dass es auf genau dieser Alm wirklich die besten Spinatknödel und in exakt jenem Loire-Schlossgarten tatsächlich die kunstvollst gedrechselten Buchsbaumhecken gab. Einfach machen! Oder es sein lassen und den sorgfältig durchgeplanten Tag dann doch im Café verbummeln, weil ich darauf spontan noch mehr Lust hatte. Absolute Selbstbestimmtheit olé!

Im normalen Erwerbstätigenleben hat man so selten die Gelegenheit, in ungetrübter Selbstbezogenheit ausschließlich nach der eigenen Pfeife zu tanzen, dass man leicht vergisst, wie absolut hervorragend ein solcher Zustand sein kann. Was TripAdvisor, Reise-Blogs und Weltenbummler-Freunde gern verschweigen: Der erholsamste Urlaub ist immer noch der Urlaub von anderer Leute Erwartungen. Auch jener Menschen, die man wirklich mag.

Natürlich hatte auch ich erst meine Zweifel. Schließlich kannte ich bislang keine quietschvergnügten Soloreisenden. In meinem erweiterten Bekanntenkreis kam so etwas nur in seltenen Härtefällen vor. Fuhren Menschen nicht nur dann allein weg, um eine garstige Trennung zu überwinden oder sich einer besonderen Challenge auszusetzen? Ich fühlte mich deshalb sehr verwegen, als ich buchte: vier Tage Herbstdieseln in Glasgow, nur ich!

Schon im Flugzeug kam ich mir sehr frei und elastisch vor. Und bereits beim ersten Getränk in einer dieser großartig klebrigen Bars in der Sauchiehall Street hatte ich mich in den Trenchcoat-Mann aus der Bierwerbung verwandelt, der sich – "keine Kompromisse!" – rücklings in die Düne fallen lässt und ja augenscheinlich auch allein durch die Welt stromert. Jedenfalls quengelt in seinem Werbespot niemand, dass er nachher nicht alles sandig machen solle im Hotelzimmer oder dass er jetzt gefälligst von der Düne runter müsse, damit man nicht zu spät komme zum All-Hering-you-can-eat in der Käpt’ns-Kate. Ich drückte mein Lieblingslied in der Jukebox und fühlte mich wunderbar einzeln.

In den nächsten Tagen flanierte ich vor allem, spazierte durch die grobe schöne Stadt und freute mich daran, dass ich ganz allein bestimmte, wie ich vorankommen wollte. Ich schaute mir kauzige Sachen an, warf mein Geld für sinnlos teure Dinge hinaus, verplemperte Zeit mit Nebensächlichkeiten, verpasste strahlend die Hauptattraktionen und riss mich nicht zusammen, wenn ich müde war. Ich musste nicht schneller gehen, um zu jemandem aufzuschließen, und nicht stehen bleiben, um auf jemanden zu warten. Ich kehrte in überkandidelten Restaurants ein, weil mir beim Blick durchs Fenster die Tapete so gut gefiel, benahm mich mal wie ein diplomierter Weltenbummler-Snob, dann wie ein naiver Touristen-Gimpel. Ich hatte die beste Zeit überhaupt. Und bin seitdem überzeugte Alleinreisende.

Schon beim zweiten Mal fühlte es sich für mich ganz natürlich an, allein loszufahren. Auch wenn mein Freundeskreis nach wie vor auf Lebenskrise tippte und meine Idee für schwachsinnig hielt. Immerhin, ich musste den Zweiflern recht geben, wenn sie logistische Probleme anführten: Alleinreisen kann in der Tat nervig sein, wenn niemand am Flughafen kurz auf den Schrankkoffer mit der Wechselgarderobe aufpasst, den man leider nicht mit in die Klokabine nehmen kann. Oder wenn man in einem Land mit fremder Sprache alle Radebrechereien selbst durchführen muss, statt immer wieder mal den anderen stammeln zu lassen. Auch Reiseunternehmen, merkte ich bald, sind keine große Hilfe, wenn man sich eine Auszeit von allen nehmen möchte. In Hotels sind Einzelzimmer oft elende Spitzweg-Kämmerchen, Ferienwohnungen sind mindestens für zwei Personen ausgelegt, also wird es direkt teurer. Und die Anbieter sogenannter Singlereisen geben zwar vor, sie hätten die Bedürfnisse von Einzelmenschen im Blick – nur um sie dann bei diversen Pflichtvergruppungen von ihrem Allein-Dasein befreien zu wollen, als sei dieses ein furchtbares Manko. Als gebe es nicht die berühmte Redewendung: "Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen." Einer! Nicht zwei oder drei.