Seit seinen Anfängen, vor allem mit dem Film "Stilles Land" von 1992, gilt Andreas Dresen, geboren 1963 in Gera, als Spezialist für die Befindlichkeiten Ostdeutschlands. Zusammen mit seiner langjährigen Drehbuchautorin Laila Stieler (geboren 1965 in Neustadt an der Orla) hat er jetzt den Film "Gundermann" gemacht, der vom widersprüchlichen Leben des DDR-Liedermachers Gerhard Gundermann erzählt.

DIE ZEIT: Ihr Film Gundermann über den DDR-Liedermacher und Baggerführer erzählt von einer Ostbiografie mit all ihren Hoffnungen und Widersprüchen. Hat es Sie überrascht, dass der Film im Osten wie im Westen Deutschlands so erfolgreich ist?

Andreas Dresen: Im Westen haben die Leute wirklich erstaunliche Dinge zu uns gesagt.

Laila Stieler: Zum Beispiel, dass sie erst durch Gundermann die DDR verstanden hätten. Und bei der Premiere in Wien hat mich nach dem Publikumsgespräch eine jüngere Frau angesprochen, in gestochenem Deutsch. Ich konnte nicht erkennen, wo sie herkommt, und sie hat sich dann als Ostfrau geoutet. Sie erzählte, sie hätte in Wien versucht, ihre Ost-Herkunft für sich zu behalten und abzulegen, und durch den Film sei die ihr erst wieder richtig bewusst geworden.

ZEIT: Weil die Herkunft mit Scham behaftet ist?

Stieler: Ja, die Leute, die nach der Wende in den Westen gegangen sind, hatten es da oft mit Vorbehalten zu tun. Die sagten nicht unbedingt, woher sie kamen, eliminierten den Dialekt. Bis zu dem Moment, wo sie etwas wieder daran erinnert, Gerüche, Farben, Bilder oder eben Musik – die Lieder von Gundermann.

Dresen: Es ist ja eher despektierlich, zu sagen, dass man aus dem Osten kommt.

ZEIT: Ist das immer noch so?

Dresen: Für viele Leute ja. Für uns nicht.

ZEIT: Sie können Ihre Herkunft in Kunst verwandeln.

Dresen: Ich dachte eigentlich, dass wir mit dem Film eine kontroverse Debatte anschieben würden, und dann geschah das Gegenteil.

ZEIT: Wo hatten Sie die Kontroverse erwartet?

Stieler: Beim Thema Stasi.

Dresen: Weil der Film sich weigert, da ein einfaches Urteil zu fällen und zu sagen: So, der ist jetzt bei der Stasi, der ist schuldig. Stattdessen haben wir die Figur in ihrer Ambivalenz gezeigt und in ihrer Aufmüpfigkeit, mit der sie ja auch im Osten aneckt. Dadurch weicht dieses starre Täter-Opfer-Schema auf. Wir selbst haben ja erlebt und erfahren, dass Biografien nicht so einfach sind.

ZEIT: Die Stasi hat auch versucht, Sie anzuwerben ...

Dresen: Ja, und ich würde mal behaupten, wenn der Anwerber mit etwas mehr Geschick vorgegangen wäre, wenn mir ein so netter, väterlicher Führungsoffizier, wie Axel Prahl ihn im Film spielt, gegenübergesessen hätte – keine Ahnung, ich würde für mich nicht die Hand ins Feuer legen.

Stieler: Gundermann hatte ja zunächst hehre Gründe, sich anwerben zu lassen, es ging darum, dass die ganze Musikergruppe ins westliche Ausland reisen darf. Und dann gab es so viele Probleme im Tagebau, da hat er versucht, die Stasi als Beschwerdeinstanz zu benutzen.

Dresen: Das entschuldigt nichts.

Stieler: Es entschuldigt nichts, und zwischendurch sind Dinge passiert, die wirklich hässlich sind.

Dresen: Ich habe selbst so eine Erfahrung gehabt. Mir gegenüber hat sich ein Freund geoutet, der mich über Jahre bespitzelt hat. Das war ein Schulfreund, in den Achtzigerjahren, der dann eines Abends nach der Wende bei mir vor der Tür stand mit einer Flasche Rotwein. In meiner Küche sitzend, hat er mir das dann gesagt. Und ich war in die unangenehme Position gedrängt, irgendwie Absolution zu erteilen. Also versucht man in eine Auseinandersetzung einzutreten. Dann haben wir tatsächlich ein Jahr lang probiert, unsere Freundschaft zu retten. Es ist nicht gelungen. Wir sind bei unseren Gesprächen immer wieder an so einen Punkt gekommen, an dem er gesagt hat: Ja, aber es war für die Sache. Und ich war der Meinung, dass es moralische Fragen gebe, die über der Sache stünden. Denn für mich war es ein Verrat, hinter verschlossenen Türen mit Dritten über Dinge zu sprechen, die nur uns beide was angingen.