Neulich, an einer sächsischen Tankstelle, wurde ein Mann plötzlich sehr wütend. Der Benzinpreis war ihm wohl zu hoch, vielleicht tropfte auch der Zapfhahn, in jedem Fall entfuhr dem Mann der Ausruf: Das sei "alles nur wegen der Merkeln!".

Man würde, im besten Fall, annehmen, dass das Ironie war, doch wirkte der Mann, der das sagte, nicht unbedingt ironisch. So wie viele im Osten gar nicht ironisch wirken, wenn sie in den eigentümlichsten Momenten über die Kanzlerin schimpfen: Merkel ist schuld, wenn der Spritpreis nicht stimmt, der Asylbewerber sich danebenbenimmt, die Waschmaschine ruckelt.

Nun ist Angela Merkel die mächtigste Ostdeutsche seit langer Zeit – aber so mächtig?

Das Problem ist, dass in Ostdeutschland in den vergangenen Jahren genau dieses Missverständnis entstanden ist: Angela Merkel wurde – von jenen Bürgern, die ihr irgendwann als Tobende und Brüllende das Leben schwer machten – als mächtig und mächtiger wahrgenommen; zugleich aber auch als fremd und fremder. Darüber wurden einige: wütend und wütender. Und irgendwann war die Diskrepanz zwischen der Macht, die der Osten Angela Merkel zuschrieb, und der Zuneigung, die er ihr entgegenbrachte, groß. Zu groß.

Ohne dass sie das womöglich selbst je geahnt hat, hat das Finale ihrer politischen Karriere – schleichend – auch dort begonnen, wo der Anfang ihrer politischen Karriere stattfand: in den ostdeutschen Umbruchsfluten, denen sie 1990 ff. entstiegen ist und in denen sie 2015 ff. langsam unterzugehen scheint. Weil sie 1990 ff. genau wusste, wie die Fluten tosen. Und weil sie 2015 ff. die Strömungen nicht mehr einschätzen kann. Weil sie den Kontakt zu diesem eigentümlichen Osten verloren hatte, zu diesem wirbeligen, soghaften Land. Ostdeutschland ist mitverantwortlich für Angela Merkels schleichenden Machtverlust, weil niemand ohne seine Basis, ohne seine Leute mächtig sein kann. So wie Horst Seehofers Macht schwindet, seit er die Bayern nicht mehr sicher hinter sich weiß, schwindet Angela Merkels Macht, seit sie den Osten verliert. Man könnte sagen: Eines der größten Probleme der Angela Merkel, größer als die Abwahl Volker Kauders oder ein renitenter Verfassungsschutzchef, ist die Entfremdung zwischen ihr und ihren Leuten.

Die Schutzgöttin des Ostvolks

Dabei begann alles mit so viel Vertrauen.

Wenn Menschen gefragt werden, was das typisch Ostdeutsche an Angela Merkel sei, überlegen sie vielleicht kurz und sagen dann immer: der Pragmatismus. Doch das ist ein Missverständnis. Der Pragmatismus ist nur die oberflächliche Tugend (von Angela Merkel wie von den Ostdeutschen). Pragmatismus heißt ja nicht viel mehr, als dass man – da die Umstände es erfordern – zupackend handelt. Pragmatismus ist, wenn der Trabi kaputt ist, weil der Keilriemen gerissen ist – und man weiß, dass sich ein Keilriemen durch eine Damenstrumpfhose ersetzen lässt. Während der Pragmatismus eine Tugend aus DDR-Zeiten ist, eine Tugend der Improvisationsgesellschaft, hat sich eine viel grundsätzlichere Eigenschaft in der Zeit nach der DDR entwickelt. Das ist Furchtsamkeit. Angela Merkel mag selbst nicht so sein, aber sie kennt die Furcht.

Ostdeutsche haben 1990 einen epochalen Umbruch erlebt, den Westdeutsche bis heute kaum verstehen. Westdeutsche denken: Weil die Ostdeutschen ihren Trabi gegen Volkswagen und Toyotas tauschen durften, weil sie ihre Keilriemen nicht mehr mit Strumpfhosen reparieren müssen, müssten sie fröhlich in ihrem Toyota über die einstige innerdeutsche Grenze rasen. In Wahrheit haben Ostdeutsche permanent grundständigen Schiss. Wer erlebt hat, wie das eigene Land untergeht, hat Angst, dass das erneut passiert. Dass man ein richtiges Leben im falschen Land führen kann, das plötzlich zum falschen Leben im richtigen Land wird.

Angela Merkels Politikstil ist möglicherweise aus dieser Erfahrung heraus entstanden: dass es gut ist, weitere Angst zu vermeiden. Vielleicht ist das blöde Wort "Mutti" kein Zufall: Sie hat permanent gegen die ostdeutsche Urangst anregiert, dass die Welt schon wieder "über uns" hineinbrechen könnte. Sie hat die Bundesrepublik regiert, als bestehe Deutschland aus lauter Ossis. Sie hat einen Kokon ums Volk gezogen. Krisen, Kriege, Großtyrannen? Sie hat das von den Bürgern weggemanagt. Der Deal war: Ich schütze euch, meine Ossis, damit euch so was nie wieder passiert – komme, was wolle. Macht euch keine Sorgen. Wenn euch jemand etwas anhaben will, habt ihr mich. Dafür wählt ihr mich.

Der Kollateralnutzen war, dass die Westdeutschen das auch irgendwann gut fanden.

Anfangs verachtete der Westen sie fürs Ossisein, am Ende der Osten sie fürs Wessisein

Man kann sich ja heute kaum noch vorstellen, dass Angela Merkel einst zu den meistverspotteten Politikern gehörte. Und zwar nicht im Osten, sondern im Westen. Oberflächlich machte man sich lustig über ihre Haare. Tatsächlich machte man sich lustig, weil sie eine Frau ist – eine ostdeutsche. Wenn der Ossi nach 1990 verlacht war, war Angela Merkel seine Personifizierung.

Irgendwann hat sich der Westen an Angela Merkel gewöhnt. Dass er sie aber sogar ins Herz schloss? Das wurde möglich, als sie zeigte, dass sie nicht nur in der Lage ist, die Klaviatur westlicher Politik zu erlernen. Sondern dass sie in der Lage war, die Melodie zu verändern, die gespielt wird. Der Westen schloss Angela Merkel ins Herz, als sie zeigte, dass sie seine Machtpolitik besser beherrscht als alle Alteingesessenen.