Normalerweise würde ich wohl einfach durchfahren: Assignan, knapp zweihundert Einwohner, drei Straßen kreuzen sich. Ein Dorf zwischen Montpellier und Carcassonne am südlichen Fuß des Zentralmassivs. Man könnte diese Ecke Frankreichs als stille, raue Schwester der Côte d’Azur bezeichnen. Hügel, Weinreben. Kleine, gefährliche Straßen. Hier hat ein belgisches Ehepaar, reich geworden mit Wein, ein Hotel errichtet, von dem man in der ganzen Region spricht, ehrfurchtsvoll, interessiert, manchmal auch verängstigt: das Village Castigno.

Es ist nur nirgendwo zu finden. Als ich ankomme, bin ich verwirrt. Ich fahre die Dorfstraße rauf. Wende. Fahre wieder runter. Halte auf einem Platz, auf dem alles regungslos ist wie auf einer Postkarte. Handbremse. Umgucken. Das Rathaus, ein paar verwehte Blumen in einem Kübel. Habe ich mich verfahren? Ein grauhaariger Mann läuft ins Motiv. Er bringt Flaschen weg, Weinflaschen, natürlich. Ich kurbele das Fenster herunter. Bonjour. Er spricht französisch mit stark britischem Einschlag. Will aber partout nicht ins Englische wechseln. Das Village Castigno? Er macht mit dem ausgestreckten Zeigefinger eine Art Lassobewegung, als wolle er sagen: Gehört alles dazu.

Also doch nicht verfahren. Ich löse die Handbremse und rolle die Straße runter. Tatsächlich ist das Village Castigno so gut in dieses Dorf eingefügt, dass ich es einfach übersehen habe. Jetzt entdecke ich das Hotel-Logo auf einem Scheunentor. Mir fallen sanierte Fassaden auf und handgemalte Schilder. In einem Haus leben hier also normale Franzosen. Im nächsten Haus Urlauber, die sich wie normale Franzosen fühlen wollen.

Über Assignan war die Zeit hinweggegangen, mit dem Village Castigno ist sie zurück. Aus einem Parkplatz ist eine Piazza geworden, in alten Steinhäusern, in denen einst Weinbergsarbeiter wohnten, befinden sich jetzt Hotelzimmer mit Kingsize-Betten und frei stehenden Badewannen. Insgesamt 24 Zimmer in vier Häusern. Versteckt in einem Garten, in dem der Lavendel blüht, gibt es einen Pool. Die Bewohner des Dorfes wurden nicht vertrieben, sondern viele von ihnen eingestellt.

Der Knotenpunkt von Assignan ist ein Kreisverkehr, in dessen Mitte Olivenbäume stehen. Eine kurze Gasse führt auf einen Platz mit ein paar Tischen, an denen Menschen sitzen und Wein schwenken oder mit übergeschlagenen Beinen in den Himmel gucken, als stünde dort die Antwort auf die Frage, was sie heute tun könnten: runter ans Meer fahren, eine Rollertour. Sehr französisch sitzen sie da und angenehm still, und ich denke mir: Ein paar Tage in diesem Dorf, in diesem Hotel, und ich verwandele mich in einen Franzosen. Wie nebenbei. Und vielleicht war das ja das Geheimnis des Briten mit den Weinflaschen, der kein Englisch sprechen mochte: Seine Verwandlung ist fast abgeschlossen, und er weigert sich, einen evolutionären Schritt zurückzugehen. Wenn mir hier jemand entgegenkommt, dann kann ich tatsächlich kaum unterscheiden: Ist er einheimisch oder Tourist?

Mein Zimmer ist in einem alten Herrenhaus, ich blicke von der Badewanne aus auf Felder, Weinstöcke und am Horizont auch auf einen Zipfel Meer. Ich öffne das Fenster und höre jemanden rufen, nebenan stehen Bauarbeiter auf einem Dach und verlegen neue Ziegel. Hallo, Nachbarn.

Die Eigentümer, das belgische Ehepaar, sind Weltreisende und haben die Welt mitgebracht nach Assignan. Der Besucher hat die Wahl zwischen drei französischen Restaurants: einem mit asiatischen, einem mit spanischen, einem mit südamerikanischen Einflüssen. Ich esse im Le Thai zu Abend, ein exzellentes, einfaches Menü. Luftiger Reis mit zerstoßenen Erdnüssen und süßsauren Spareribs. Im Glas schimmert die Traube der umliegenden Weinberge, biologischer Anbau. Und niemand muss diskutieren, wer anschließend fährt. Man läuft zwei Minuten und ist im Bett.

Die Nacht ist still, ich sehne mich fast nach einem Geräusch, und in genau diesem Moment fährt ein Auto in den Kreisverkehr, die Scheinwerfer schicken Licht in mein Zimmer, es streift die steinerne Decke. Das Französischste überhaupt ist für mich das gelbe Licht des Renault 4, gelb wie Honig oder wie der Sommer abends um halb acht.

Das Frühstück ist aus dem Umland und für ein petit déjeuner alles andere als petit: Croissants, Trauben, Ziegenkäse, pain au chocolat. Ich sitze am Dorfplatz im Petite Table, einem Bistro mit wenigen Tischen, und lese Zeitung wie ein alter Mann. Kein Zweifel, meine Verwandlung schreitet voran. Die Wände sind in Rotweintönen gestrichen, sogar die Servietten tragen die Farbe eines frischen Bordeaux. Ich beuge mich über eine Straßenkarte, schaue mir die Route Richtung Küste an.

Spaziergang durchs Dorf, nahe dem Ortsschild hat neulich ein kleiner Supermarkt aufgemacht. Ein Mann sitzt davor und wartet auf Kunden. Ist das Dorf lebendiger, seit das Village eröffnet hat? "Natürlich", sagt er. Ob er das gut findet? Mein Französisch holpert, er wechselt in Zeichensprache und hält den Daumen hoch. Ich nehme mein Baguette und wünsche bonne journée! Am Nachmittag fahre ich zum Trüffelgarten von Elena, Le Mas D’Antonin. Sie führt mich durch ihre Plantage, ihr Hund wühlt mit der Schnauze im Boden. Danach verkosten wir Meersalz und Olivenöl aus ihrer Produktion. Ich sehe dem hauchdünnen Fleur de Sel dabei zu, wie es auf dem Öl schmilzt, nehme einen Bissen und bin selig. Am nächsten Tag fahre ich endlich an die Küste, eine Stunde, nach Loupian, und esse frische Austern. Auf der Farm von Laurent, die Atelier & Co. heißt, bestelle ich für ein paar Euro Austern mit Weißwein. Laurent gratiniert sie, das schmeckt sensationell: das Salzig-Maritime der Auster unter einer warmen Knusperdecke. Während ich esse, schaue ich Männern in hohen Gummistiefeln bei der Arbeit zu, wie sie sortieren, putzen, rauchen, aufs Meer rausfahren.

Als ich am Abend des dritten Tages ins Dorf zurückkehre und das Auto parke, überkommt mich kurz das Gefühl, ich würde tatsächlich hier leben. Ich grüße den Nachbarn und schließe meine Tür auf. Bonsoir monsieur.