Meine Wohnung in Dresden liegt gleich neben der Autobahn, ein paar Hundert Meter hinter der Feuerwehr – perfekt für meinen Job als Blaulichtfotograf. Wenn ich die Sirenen höre, rufe ich direkt in der Pressestelle an: "Na, wo geht die Reise hin?" Der umgekippte Bierlaster ist der Klassiker, ich nenne das "Schmunzel-Einsatz". Die Redaktionen aus der Region reißen sich um Fotos, auf denen literweise Bier ausläuft, das klickt gut, und dabei wurde nicht mal jemand verletzt.

Ich schaue auf Twitter, ob es irgendwo geknallt hat, habe E-Mail-Dienste abonniert und kenne etliche Informanten. Manche melden sich bei mir, wenn was ist. Aber den Polizeifunk abhören, das ist mir zu heiß. Früher war das noch eine Grauzone, heute ist der Funk digital und schwer zu knacken. Wer da erwischt wird, bekommt richtig Ärger.

Ich arbeite 24 Stunden am Tag, immer in Bereitschaft. Manchmal muss ich mehrmals in der Nacht raus und komme gar nicht zum Schlafen. Da denke ich schon mal: Warum müssen die Vollpfosten alle gleichzeitig Unfälle bauen? Eine gute Zeit für mein Geschäft ist, wenn der erste Schnee fällt, dann kracht es besonders oft.

Pro Foto, das veröffentlicht wird, bekomme ich meistens 10 Euro, bei besonderen Einsätzen sogar niedrige dreistellige Beträge. Solange es Typen gibt, die derart leichtsinnig fahren, habe ich immer genug zu tun. Ein schlechtes Gewissen habe ich deshalb nicht. Ich kann ja nichts dafür.

Wenn ich an der Unfallstelle ankomme und die Reifenspuren sehe, denke ich mir: Was haben die jetzt schon wieder gemacht? Der Nervenkitzel an dem Job ist, dass man nie weiß, was kommt. Zu sehen, wie sich die Autos bei einem Unfall verkeilen, wie sie von der Feuerwehr wieder auseinandergezogen werden, fasziniert mich. Ich habe auch schon mit angefasst, mal die Verkehrsleitkegel aufgestellt. Einmal habe ich der Polizei einen Kamera-Akku ausgeliehen, weil ihre eigenen leer waren. Die machen ihre Arbeit, ich mache meine, und manchmal hilft man sich. Letztens wurde ich von der Feuerwehr gefragt, ob ich ihr Sommerfest fotografiere.

Schaulustige, die selber nur gaffen, werfen mir schon mal Sprüche an den Kopf. "Lügenpresse!", oder: "Sie weiden sich am Leid anderer, hören Sie auf zu fotografieren." Mir ist wichtig, dass ich mit meinen Fotos zeige, was die Einsatzkräfte leisten, egal ob es Ersthelfer oder Profis sind. Ein Brand löscht sich nicht von allein, ein Verletzter kann sich nicht selber retten. Das will ich dokumentieren. Zwei ethische Grenzen habe ich aber. Erstens: keine Leichen auf den Fotos. Zweitens: keine Einsätze bei Verdacht auf Suizid. Wenn sich jemand vor den Zug wirft oder mit dem Auto absichtlich vor einen Baum fährt, gehe ich dort nicht hin. Und wenn einer auf der Trage liegt, versuche ich immer so zu fotografieren, dass sein Gesicht von einem Sanitäter verdeckt wird. Notfalls muss ich verpixeln.

Mein schwerster Einsatz war 2014, ein Unfall auf der A 4 bei Dresden mit einem Kleintransporter und einem Fernbus. Es gab viele Tote und Verletzte. Dem Tod so nah zu sein, das ist nicht leicht. Dafür haben manche Zeitungen sogar freiwillig ein Extrahonorar draufgelegt. Zum Glück bin ich direkt am nächsten Tag in den Urlaub gefahren, über die A 13.

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