Am 30. März 2019 will Großbritannien aus der EU austreten. Beide Parteien konnten sich bisher allerdings nicht auf einen Vertrag einigen. Viele in England lebende Deutsche sind daher unsicher, wie ihre Zukunft in Großbritannien nach dem Brexit aussehen wird. Einige sind bereits zurück nach Deutschland gezogen, andere planen den Umzug.

"Nicht mehr das gleiche Land"

Als ich vor ein paar Wochen noch mal in England war, wurde mir klar: Hierhin möchte ich nicht zurückkehren. Es ist nicht mehr das Land, in das meine Frau und ich vor 15 Jahren ausgewandert sind. Damals schien uns England das liberalste Land der EU zu sein. Wir fanden schnell Jobs und Freunde, haben uns in Nottingham ein Haus gekauft, unsere beiden Töchter bekommen. Mittlerweile hat sich die wirtschaftliche Situation des Landes verschlechtert, und rassistische Bemerkungen sind Alltag.

Im Dezember 2017 sind wir deswegen nach Deutschland zurückgegangen. Ich bin als Produktmanager in der Materialwirtschaft tätig. Eine Firma machte mir ein gutes Angebot in Wismar. Meine Frau hat mit ihrem alten Arbeitgeber verhandelt, von zu Hause aus arbeiten zu können.

Leider ist Rassismus auch hier wieder präsenter, vor allem gegenüber Flüchtlingen. In meinem Alltag erlebe ich ihn aber deutlich weniger, vielleicht auch, weil ich kein Ausländer mehr bin.

Der Umzug war für uns nicht leicht. Zwar haben alle unsere Entscheidung verstanden – aber es war trotzdem schwer, Freunde und Kollegen zurückzulassen. Besonders für unsere ältere Tochter, sie ist sechs, war es eine große Umstellung: Obwohl wir sie zweisprachig erziehen, hat sie meist Englisch gesprochen. Sie hat in ihrer Klasse aber schnell Freunde gefunden, was es einfacher macht.

Trotz dieser Schwierigkeiten hat die Rückkehr Vorteile. In Lübeck leben wir in einem Ort, in dem andere Urlaub machen. Jedes zweite Wochenende fahren wir an die Ostsee. Wir wohnen wieder näher bei unseren Familien. Und unsere Freunde aus England kommen uns oft besuchen.

Lars Hornbostel, 43, ist Produktmanager und lebt in Lübeck.

"Ich hatte ein Heimatgefühl"

"Vielleicht sollten wir heiraten", habe ich einen Monat vor dem Brexit-Referendum zu meinem Mann gesagt. Ich war mit meinem zweiten Kind schwanger. Mein Mann, der Engländer ist, war gerade arbeitslos. So standen wir am Wochenende vor dem Referendum am Altar.

Auch meine berufliche Situation habe ich überdacht. Ich bin Soziologin, habe im Wissenschaftsbereich gearbeitet. Ein Großteil der Fördergelder kommt aus der EU – ich hatte Angst, dass mein Fach zusammengestrichen wird. Mit Bewerbungen für eine neue Stelle in England lief es aber nicht besonders gut. "Wenn sie mich hier nicht wollen, dann lass uns gehen", sagte ich schließlich zu meinem Mann. Wir haben uns in Berlin beworben und beide schnell eine Stelle gefunden.

Als wir im Januar 2018 nach Deutschland zogen, hatte ich ein Heimatgefühl. Nach zwölf Jahren lebte ich wieder dort, wo ich aufgewachsen bin. Mit dem neuen Job bin ich sehr zufrieden. Ich schätze es, dass ich hier willkommen bin und meine Auslandserfahrungen ein Vorteil sind.

Für meinen Mann bedeutete unser Umzug dagegen, seine Heimat zu verlassen. Zumindest mit der Sprache wird es ihm leicht gemacht. Die meisten Leute hier sprechen gut Englisch. Für unsere Kinder habe ich eine zweisprachige Kita gefunden, was in England unmöglich war. Und Berlin ist sehr kinderfreundlich.

Unser Haus in England haben wir trotzdem nur untervermietet, das war meinem Mann wichtig. So haben wir eine Rückkehroption. England und unsere Freunde vermisse ich sehr. Kurz hatte ich überlegt, die doppelte Staatsbürgerschaft zu beantragen, aber das war mir nach dem Referendum einfach zuwider.

Elisabeth Grindel-Denby, 36, arbeitet als Wissenschaftliche Direktorin an der Gisma Business School in Berlin.

"Offen für einen Ortswechsel"

In der britischen Verwandtschaft meines Mannes ist ein Bruch spürbar: Die ältere Generation hat für den EU-Austritt gestimmt, die Jüngeren für den Verbleib. Mein Schwager hat aus Frust über den Brexit sogar aufgehört, die ganze Familie zu seinen Geburtstagen einzuladen. Wir feiern jetzt im kleinen Kreis.

Für mich wäre es vermutlich kein Problem, eine Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen, da ich seit 1996 in England lebe und mit einem Briten verheiratet bin. Trotzdem habe ich mich dagegen entschieden. Der Brexit betrifft mich auch beruflich, da ich in der Wissenschaft arbeite. Die Internationalität, die finanzielle Förderung und die Forschungsprogramme der britischen Universitäten sind massiv gefährdet. Das Arbeiten wird schwieriger werden, das Reisen. Und auch das Gesundheitssystem in Großbritannien überzeugt mich nicht, zu bleiben.

Dieser Schritt ist für uns mit großem Aufwand verbunden. Wir müssen uns um Haus, Möbel und den sonstigen Besitz in England kümmern und uns gleichzeitig neu in Deutschland einrichten. Wir haben uns entschieden, nach München oder Murnau zu ziehen.

Mein Mann lernt gerade Deutsch und will im November den Sprachtest machen, damit er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen kann. Außerdem bedeutet der Umzug für ihn, dass er von seiner Verwandtschaft wegzieht. Aber auch seine beiden Kinder haben sich dazu entschieden, mit ihren Partnern auszuwandern. Unsere gesamte familiäre Situation hat sich durch den Brexit gewandelt. Ich habe eine emotionale Distanz zu England aufgebaut, wir sind offen für einen Ortswechsel. Deshalb steht das Datum jetzt fest: Am 20. März 2019 ziehen wir nach Deutschland.

Ursula Hudson, 60, arbeitet als Forscherin und Autorin und lebt mit ihrem Mann in der Nähe von Brighton.