Berlin-Mitte

Vor der Kasse einer Buchhandlung in Berlin-Mitte steht ein Pärchen, das trotz hochsommerlicher Temperaturen schwere Lederstiefel anhat. Beide sind stark tätowiert und tragen allerlei Silberschmuck im Gesicht. Das zu kaufende Buch hält die Frau in der Hand.

DIE ZEIT: Entschuldigung, darf ich fragen, was für ein Buch Sie kaufen?

Frau: Klar! Also, die heißt Nino Ha-ra-tisch-wili, ziemlich komplizierter Name.

ZEIT: Ist das eine Lieblingsschriftstellerin von Ihnen?

Frau: Keine Ahnung, ich hab noch nie was von der gelesen.

ZEIT: Und wie sind Sie auf die Schriftstellerin gekommen?

Frau: Na, ich interessiere mich schon so allgemein für Literatur, und ich hab gehört, dass die den Buchpreis bekommt.

ZEIT: Dann wundert es mich, dass Sie nicht den Roman kaufen, der für den Buchpreis nominiert ist, sondern einen älteren.

Frau: Weiß ich doch. Aber der alte ist billiger, 18 Euro. Der neue kostet 30 Euro.

ZEIT: Ja, weil es den alten als Taschenbuch gibt, das ist natürlich billiger ...

Frau: ... und dicker! Hier, schau mal, tausend Seiten, das ist echt ’ne Menge.

ZEIT: Dann kaufen Sie Bücher so nach dem Aldi-Prinzip?

Frau: Wie?

ZEIT: Na ja, nach dem Prinzip: Viel Ware für wenig Geld.

Frau: Ist doch nicht schlimm.

ZEIT: Nee, schlimm überhaupt nicht. Wie lange lesen Sie denn an tausend Seiten?

Frau: Also, wenn ich da richtig einsteige, bin ich in einer Woche fertig.

ZEIT: Wow! Das ist ja sportlich. Aber wenn Sie das Buch nach 200 Seiten blöd finden, haben Sie 18 Euro rausgeworfen.

Frau: Warum soll das blöd sein? Die bekommt doch den Buchpreis.

Köln, Fußgängerzone

Man soll ja keine Vorurteile haben – aber den tief gebräunten Mann mit knielangen Shorts, oberarmfreiem Shirt und Mark-Spitz-Figur hätte man eher im Kraftraum eines Fitness-Centers als in der Buchhandlung vermutet.

ZEIT: Entschuldigung, darf ich fragen, was für ein Buch Sie kaufen?

Mann: Den neuen Kehlmann.

ZEIT: Seinen Roman Tyll?

Mann: Exakt.

ZEIT: Wissen Sie ungefähr, um was es in dem Roman geht?

Mann: Wird man sehen.

ZEIT: Dann kaufen Sie das Buch, weil Sie prinzipiell ein Fan von Daniel Kehlmann sind?

Mann: Was heißt Fan, der schreibt super Bücher, und dann holt man sich die halt.

ZEIT: Besitzen Sie denn alle Bücher von Daniel Kehlmann?

Mann: Was heißt alle, das werden so vier oder fünf sein. Das fing mit diesem Superbuch an ...

ZEIT: Die Vermessung der Welt.

Mann: Exakt, und dann bin ich drangeblieben.