Wäre der Bundesratssitz ein CEO-Posten, wäre klar, was nun passieren würde: Eine Auswahlkommission, bestellt durch den Verwaltungsrat, würde einem Headhunter den Auftrag erteilen, er solle im Unternehmen und außerhalb Ausschau nach valablen Kandidaten halten.

Der Headhunter würde seine Kontaktkartei oder Online-Netzwerke durchforsten und seine Ideen einbringen, wer am besten auf den vakanten Chefsessel passt. Wer also die Firma am ehesten weiterbringt, am besten repräsentiert. Und unter welchem neuen starken Mann, welcher starken Frau an der Spitze das Unternehmen seine Ziele am ehesten erreichen kann.

Nun aber ist ein Bundesrat kein Unternehmensführer. Und die Schweiz keine börsenkotierte Aktiengesellschaft. Politik funktioniert nach anderen Regeln als die Wirtschaft. Gerade hierzulande.

Der Bundesrat hat keine verbindlichen Ziele, die er erreichen muss. Er hat nicht einmal ein Programm, auf das sich die Parteien einigen, bevor sie die Regierung bilden. Er ist eine Kollegialbehörde, die sich ihre Leitplanken lediglich in Form von unverbindlichen Legislaturplanungen setzt.

Kurzum: Der Bundesrat ist eine Regierung ohne Plan.

Trotzdem wird nun, wenige Tage nach dem Doppelrücktritt zweier Magistraten, des Freisinnigen Johann Schneider-Ammann und Doris Leuthards von der CVP, wieder eifrig diskutiert, wer denn am ehesten als Nachfolger, als Nachfolgerin für die beiden infrage käme. Und Politiker wie Journalisten tun so, als würden Bundesratswahlen einer rationalen Logik folgen, als gäbe es ein genau definiertes Profil, das ein Mitglied der Regierung erfüllen müsse.

Dabei ist seit 2007, seit der Abwahl von Christoph Blocher aus dem Bundesrat, nicht einmal mehr klar, wie die Regierung zusammengesetzt sein soll. Einmal gesprengt, hat die sogenannte Zauberformel ihren Nimbus verloren. Sie wird heute zwar wieder erfüllt: Die drei wählerstärksten Parteien SVP, SP und FDP haben je zwei und die viertstärkste Kraft, die CVP, einen Sitz in der Regierung. Aber würde zum Beispiel nach den nationalen Wahlen im Herbst 2019, wie von einigen Parlamentariern bereits als Planspiel erdacht und gestreut, ein grüner Sprengkandidat wie der ehemalige Berner Regierungsrat Bernhard Pulver gewählt, portiert von Grünen, Grünliberalen und der BDP, so wäre dies keine historische Zäsur, sondern das Fortschreiben einer Wahltradition, die sich dadurch auszeichnet, dass sie mit den Traditionen bricht. Sich also um alte Regeln foutiert und neue schafft. In diesem Fall: Aus drei Kleinparteien, die lediglich das Ökologische eint, würde ad hoc die zauberformelhaft legitime, weil drittstärkste Bundesratspartei.

Von der Rechenschieberei zur Sprengkandidatur und schließlich zur geglückten Wahl ist es jedoch ein weiter Weg. Häufig dienen solche Vorstöße allein der Profilierung von Parteien und Kandidaten – vor allem wenn ein Wahljahr ansteht. Das wissen auch die Parlamentarier und Parteispitzen, entsprechend locker reagierte CVP-Präsident Gerhard Pfister auf eine mögliche grün-gelbe Allianz, die seiner Partei den Sitz abjagen will: "Wenn die anderen Parteien einen grünen Bundesrat wollen, ist unser Sitz halt weg."

Unklar bleibt bei alledem allerdings weiterhin, was ein Regierungsmitglied eigentlich können, welches Profil er oder sie erfüllen muss.

So war den Linken die freisinnige Regierungsrätin Keller-Sutter vor acht Jahren zu rechts, zu hart und zu kalt. Sie wählten stattdessen den gmögigen Unternehmer Schneider-Ammann, den sie aus den Verhandlungen der Gewerkschaften mit den Sozialpartnern zu kennen glaubten. Obschon alle, die ihn kannten, wussten: Der Mann ist kein Politiker. "Ich war nicht Politiker, bevor ich kam, und ich bin nicht Politiker, wenn ich jetzt gehe", sagte Schneider-Ammann in einer seiner Abschiedsreden. Der vermeintliche Arbeitnehmerversteher wurde zum Arbeitnehmerschreck. Er verkrachte sich erst mit den Bauern, dann mit den Gewerkschaften. Und die SP und die Grünen halten Keller-Sutter plötzlich für wählbar.