Das Politikerleben ist ein Leben voller Zwänge. Es gibt den Sachzwang, den Koalitionszwang, natürlich auch den Handlungszwang. Einen besonders unsinnigen Zwang kann man derzeit beobachten: den Symmetrie-Zwang. Und wie so vieles in diesen Tagen beginnt auch dieses Phänomen mit Horst Seehofer.

Am Montag dieser Woche hatten Spezialbeamte der Polizei die Terrorzelle "Revolution Chemnitz" ausgehoben, eine Gruppe, die Morde an Migranten, Linken und Journalisten plante, sich eine Waffe beschaffen wollte und den terroristischen NSU als "Stümpertruppe" betrachtet, deren Werk sie nun vollenden wollte. Nach dem Zugriff stellte sich der Bundesinnenminister vor die Kameras und warnte vor dem Terror. Allerdings nicht vor dem rechtsradikalen, sondern vor dem "aus jeder Richtung".

Kurzer Rückblick: Man stelle sich einmal vor, im Terror-Jahr 1977 hätte der damalige Innenminister Werner Maihofer ganz selbstverständlich ausgeführt, dass die RAF schon eine gefährliche Bande sei, aber dass es auf der anderen Seite auch rechten Terrorismus gebe, und den dürfe man ebenso wenig vergessen. Derlei Gerede hätte Maihofer vermutlich das Amt gekostet. Im Falle Horst Seehofers hat der Wahnsinn allerdings Methode: Schon nachdem in Chemnitz den Hitlergruß zeigende Neonazis durch die Straßen marodiert hatten, warnte er vor dem Extremismus, natürlich vor dem "rechten und dem linken". Ein Satz von zeitloser Gültigkeit, entrückt von den realen Ereignissen, bei denen es nach allem, was man weiß, eher keine Linken waren, die Menschen durch die Straßen jagten und jüdische Restaurantbetreiber bedrohten.

Doch man würde Horst Seehofer unrecht tun, würde man sich allzu sehr auf ihn konzentrieren. Denn das Problem ist nicht der Innenminister, sondern eine Logik, die im deutschen Bürgertum tief verankert ist und für die es ein schönes Fremdwort gibt: Äquidistanz. Sie beschreibt das Abstandsgebot gegenüber den politischen Rändern, die eben gleichermaßen bedrohlich seien und vor denen man sich folglich gleichermaßen in Acht zu nehmen habe. In der Realität führt diese Logik zu abenteuerlichen Verrenkungen. Zum Beispiel in Bayern, wo Markus Söder beharrlich davor warnt, dass mit der Linkspartei und der AfD "Kommunisten und Rechtsradikale" in den Landtag einziehen könnten, ganz so, als plane die brave bayerische Linkspartei unmittelbar eine Räteherrschaft im Freistaat. Oder in Sachsen und Sachsen-Anhalt, wo die CDU-Führung jüngst die Parole ausgab, weder mit den Linken noch mit der AfD dürfe es auf Landesebene eine Zusammenarbeit geben. Die Wahrheit ist indes, dass die AfD im Osten auch deshalb so stark ist, weil die Linkspartei längst zum Establishment zählt. Sie ist strukturkonservativer als die SPD, heimatliebend wie die Union und von Umsturzplänen so weit entfernt wie Dietmar Bartsch von Björn Höcke.

Es ist schon eine seltsame Konstellation: Gerade die Konservativen, die sich stets mit einigem Recht für ihren Wirklichkeitssinn auf die Schulter klopften, müssen heute unter größten Anstrengungen die Wirklichkeit beiseiteschieben, um die alten Koordinaten ja nicht verrutschen zu lassen. Sie müssen von Linken reden, wo Rechte sind, von Staatsfeinden "hüben wie drüben". Ideologie schlägt Empirie.

Die Äquidistanz war ein Konzept, mit dem sich die Mitte ihrer Mittigkeit versichern konnte, und sie hatte insofern auch einen politischen Nutzen. Doch wenn in der Mitte etwas ins Rutschen gerät und sich die Trennlinien verschieben, dann sollten gerade die Konservativen beschreiben, was sie sehen, und nicht darüber reden, was sie sehen wollen. Empirie statt Ideologie – wollen sich die Konservativen denn nicht gerade darin wiedererkennen?

Dann aber könnten sie Rechtsterrorismus auch wieder Rechtsterrorismus nennen und müssten nicht von "allen Seiten" drucksen, obgleich jeder weiß, woher die "Revolution Chemnitz" stammt.

Wer weiß, wo sein eigener Standort ist, der muss nicht andauernd Entfernungen messen, um sich zu vergewissern. Aber vermutlich liegt hier die Ursache des Problems.