Mit achtzehn war er noch der "Bussy" gewesen, der "kleine Franzose", der als Hauspianist im Tross einer russischen Millionärin reiste und ein eklektisches Klaviertrio schrieb, Musik eines Begabten, der sich noch sucht. Und zwei Jahre später schon dieses Lied, Nuit d’étoiles! Mit ihm beginnt die wohl aufregendste neue CD-Produktion zum 100. Todesjahr des Komponisten, der mit 55 Jahren in Paris starb, kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs. Das Doppelalbum Harmonie du soir mit 44 der rund 100 Lieder oder besser mélodies, die Debussy hinterließ, ist ähnlich horizonterweiternd wie die grandiose deutsche Übersetzung von 451 Briefen (ZEIT Nr. 12/18), die uns den Komponisten in seiner kreativen und emotionalen Komplexität zeigt – und als Mann des Wortes.

Seine Sprachsensibilität prägt auch jene frühe Nuit d’étoiles, "Nacht der Sterne", komponiert zu Versen von Théodore de Banville. Das Stück des Zwanzigjährigen, sein erstes gedrucktes, ist schon ganz klar Claude Debussy, mehr er selbst als die Einflüsse, die da mitschwingen, aber eben schwingen und nicht wie Eierschalen an den Noten kleben. Die Linien – gesungen von der wunderbaren belgischen Sopranistin Sophie Karthäuser – folgen anstrengungslos der Melancholie einer Liebeserinnerung, innig und in weiten Bögen, aber ohne das drängend Bekennende deutscher Liedkunst. Und dann gibt es da kleine Überlagerungen von Fis-Dur und dis-Moll, kleine Schritte außerhalb der Gravitation. In solcher Wehmut wird die Schönheit nicht begraben.

Eigentlich ist nicht nur dieses Lied überraschend. Alle Lieder sind es, einfach deshalb, weil sie zumindest in Deutschland nicht zum Repertoire gehören, geschweige denn zur musikbürgerlichen Grundausstattung. Einerseits erklärbar – sie wären mit teutonischem Akzent ruiniert, und die gewaltige Trias der Liedkomponisten Schubert-Schumann-Wolf verstellt uns noch immer den Blick nach Westen.

Andererseits ist Claude Debussys einzige Oper Pelléas et Mélisande im deutschsprachigen Raum so präsent, dass ihre Inszenierungen schon eine eigene Geschichte der szenischen Rezeption hergäben. Die mélodies führen ins weite Feld, aus dem sie kommt – und ebenso zeigen sie, wie Debussy auch danach noch seine Kunst entwickelt. Bequem macht er es sich nie.

Das Album von Harmonia Mundi ergänzt sich bestens mit der Box von Warner, die in älteren Aufnahmen alles von Debussy in sämtlichen Fassungen bietet. So kann man nachhören, welchen Weg er vom Clair de lune des Jahres 1882 bis zur Fassung von 1891 genommen hat. Die frühe Vertonung des Gedichts von Paul Verlaine hat den stärkeren biografischen Reiz – Debussy widmete sie der Ehefrau seines Mentors, die seine Geliebte und Interpretin wurde. Die spätere Fassung erreicht andere Dimensionen, sie ist freier, weiträumiger und klarer – wozu man sagen muss, dass bei Sophie Karthäuser ohnehin alles mindestens so gut klingt, wie es geschrieben wurde. So wortsensibel singt sie, dass eine leicht verlängerte Silbe zum Ereignis werden kann wie in racine, der gemeinsamen Wurzel zweier Lorbeerbäume, mit denen in den Chansons de Bilitis die Liebenden verglichen werden. Da wird die Metapher zum erotischen Akt.

So etwas geht nur mit einer Stimme, deren Sinnlichkeit mit ihrer bewussten Fokussierung identisch ist, anstatt gleichsam von Letzterer kontrolliert zu werden. Darin trifft sich Karthäuser – jederzeit eins mit dem Pianisten Eugene Asti – mit der Kunst von Debussy selbst, besonders beeindruckend in Le balcon zu Zeilen von Charles Baudelaire. In diesem Lied, entstanden unter dem Eindruck von Besuchen in Bayreuth, fühlt man sich überraschend fern von Wagner. Dabei hat sich Debussy nicht etwa "entwagnerisiert", wie Ernest Chausson das seinen suchtgefährdeten französischen Kollegen im späten 19. Jahrhundert empfahl. Er nimmt sich etwas mit, ein paar Gesten, ein paar harmonische Anklänge, die im Paris von 1888 neu definiert werden, innerhalb einer tonal völlig offenen Konstruktion als wärmendes Material eingesetzt – wie die Kohlen, die im Gedicht hinter den Liebenden glühen.

Ein Vierteljahrhundert später sind die Beziehungen zwischen den Tönen von jeglicher Leittonspannung so frei, wie es der Dichter Stéphane Mallarmé von narrativer Logik ist. Drei seiner Gedichte hat Debussy 1913 vertont, auf Harmonie du soir sind sie, begleitet von Alain Planès, mit Stéphane Degout zu hören. So frei wie der Sopran von Sophie Karthäuser klingt seine Stimme nicht; vielleicht wirkt sein passioniertes Agieren auch deswegen verfehlt. "Mein Geist zu deiner Stirn, oh stille Schwester, steigt ..." (wie Stefan George das übersetzt) – das realisiert der Komponist äußerst sparsam und transparent. Dass sich dabei Abstraktion und Sinnlichkeit nicht widersprechen müssen, lässt sich schon in einer 1979er-Aufnahme der Mallarmé-Lieder mit Elly Ameling nachhören.

Es ist wohl Debussys unverwechselbarer Tonfall, sein Gespür für organische Linien, so früh schon und so spät noch präsent.

Dies lässt uns mitunter überhören, wie modern dieser Komponist ist. Freilich sind wir auch geschult an einer durchaus sehr deutschen Vorstellung von "Fortschritt", die immer Brüche, Konfrontationen, Systeme erwartet. Davon kann man sich mit diesen mélodies wunderbar kurieren. Ihre poetische Genauigkeit kann gut die Reste eines Klischees wegbrennen, das mit dem Etikett "Impressionismus" immer auch etwas Verschwimmendes meint. Ein Klischee allerdings bestätigen viele der Werke in Text und Ton: Franzosen gehen glücklicher mit der Erotik um. Das Album bietet also in jeder Hinsicht Nachhilfestunden auf einem sehr hohen Niveau.