Es könnte so schön sein. Man könnte sich feiern für eine 25-jährige Erfolgsgeschichte, stolz zurückblicken auf das, was man für eine bessere Medizin auf der ganzen Welt geleistet hat. Doch geredet wird gerade nur über eines: über die große Krise.

Es geht um die Cochrane Collaboration, einen Zusammenschluss von Ärzten und Forschern aus mehr als 130 Ländern, der 1993 gegründet wurde. Eines seiner ersten Mitglieder, der dänische Mediziner Peter Gøtzsche, wurde kürzlich nicht nur aus der Leitung ausgeschlossen, sondern gleich aus der Vereinigung. Wegen "schlechten Verhaltens", hieß es. Genaueres weiß man nicht. Vier Mitglieder verließen daraufhin aus Protest das Gremium. Schon jetzt schwächen die internen Auseinandersetzungen die Schlagkraft der Organisation. Hält der Streit an, dürfte das Auswirkungen auf die Medizin insgesamt haben. Und das wäre fatal.

Cochrane hat in seinen 25 Jahren eine große Bedeutung für den ärztlichen Alltag erlangt. Die Vereinigung steht mit ihrer Arbeit für die sogenannte evidenzbasierte Medizin, in der Ärzte ihre Entscheidungen für oder gegen eine Therapie mit wissenschaftlichen Belegen begründen sollen. Dafür durchforsten die Mitglieder von Cochrane die Literatur nach Studien, die den Nutzen der medizinischen Verfahren für den Patienten untersuchen. Nur die methodisch besten Analysen fließen ins Urteil der Experten ein. An ihrer Bewertung sollen sich die Ärzte orientieren.

Cochrane gilt als sehr kritisch gegenüber allen Akteuren im Gesundheitswesen, dem Druck der Pharmafirmen hat die Organisation meist standgehalten. So manche zuvor hochgelobte und scheinbar plausible Methode fiel bei den Cochrane-Prüfern durch.

Peter Gøtzsche war dabei besonders kompromisslos. Fand er in seinen Bewertungen keinen Beleg für einen Nutzen, formulierte er sein Urteil ohne Schnörkel – und ohne diplomatisches Geschick, oft auch gegenüber Cochrane-Kollegen, die zu einer weniger eindeutigen Bewertung kamen. Die Früherkennung von Brustkrebs per Mammografie etwa verdammte er als schädlich und plädierte dafür, sie aufzugeben.

Man kann darüber streiten, ob man von diesem Vorkämpfer für eine evidenzbasierte Medizin mehr Kompromissbereitschaft verlangen muss oder ob es auf einem Multimilliarden-Markt wie der Medizin nicht genau das braucht: Ehrlichkeit und Unbeugsamkeit.

Wichtig ist jetzt, dass die aktuelle Krise nicht dazu führen darf, die Arbeit von Cochrane generell in Zweifel zu ziehen. Denn bei aller berechtigten Kritik an der Vereinigung muss man sich über eines im Klaren sein: Die Arbeit von Cochrane ist unentbehrlich für eine Medizin, der es um das Wohl des Patienten geht statt um die Interessen einer Industrie.