Hach ja, das Internet. Es vernetzt die entlegensten Winkel der Welt miteinander, und selbst wer einsam als verschrobener Tropf in einem Keller lümmelt, kann über Glasfaserkabel ein Millionenpublikum erreichen. Nicht lang ist’s her, da jubelten Intellektuelle wie Wissenschaftler: Das Internet wird einer antiautoritären Gegenkultur den Weg bereiten, die frischen Wind bläst ins politische System.

Wie recht sie damit hatten: So fanden sich vor zwei Jahren im US-Wahlkampf einige Hunderttausend, vielleicht gar Millionen unter derselben Flagge in Chatforen zusammen und auf Unterhaltungsplattformen wie 4chan oder Reddit, von denen aus die Internetkultur seit Jahren beeinflusst wird. Sie diskutierten über Politik und darüber, wie sie ihre revolutionäre Botschaft in die Köpfe bringen. Ihr wichtigstes Symbol: der Frosch Pepe, den sie in Cartoons gezielt Tabus brechen ließen, um die Mächtigen herauszufordern.

Doch jene, die noch einige Jahre zuvor eine virale Gegenkultur euphorisch prognostiziert hatten, verstummten plötzlich. Denn diese neue Bewegung ließ den Frosch Pepe in Witzbildchen bevorzugt spotten über "ungefickte Feministinnen mit behaarten Beinen" und "pädophile Mexikaner". Gleichzeitig beschworen diese Netzkämpfer Donald Trump als neuen Messias. Wer sich auf die verwinkelten Unterseiten von Reddit begibt, kann ihre Fantasien mitlesen, welcher Feministin dringend mal welches Werkzeug in welche Körperöffnungen gezwängt gehöre.

Früher rebellierten die Punks, die Situationisten, die 68er gegen die Regeln der Mächtigen, der Spießer. Doch was ist, wenn die Regeln nun von Linksliberalen gemacht werden? Sind dann Vergewaltigungswitze der neue Punk?

Die 34-jährige Autorin Angela Nagle geht dieser Frage nach in ihrem Buch Die digitale Gegenrevolution, das letztes Jahr in den USA für Furore sorgte und nun auf Deutsch erscheint. Nagle, die als Autorin der marxistischen Hipster-Zeitschrift Jacobin bekannt wurde, ist sich sicher: Der Erfolg von Trump wurzelt in ebenjener neuen, dynamischen Internet-Subkultur, in der sich Nerds und organisierte Rechte der Alt-Right-Bewegung zusammengefunden haben – zusammengeschweißt durch die Ablehnung eines angeblich linksliberalen Mainstreams.

Diesem Mainstream will auch Nagle auf den 145 Seiten ihres kurzweiligen Büchleins ans Leder. Dem linksliberale Lager um Hillary Clinton wirft sie vor, durch eine Amour fou mit dem Neoliberalismus die universelle Idee der Emanzipation verraten zu haben. In Tumblr-Blogs und Sonntagsreden predige man eine selbstgerechte Identitätspolitik, in der noch jede bis ins Kleinste parzellierte Minderheit zu ihrem Ausdruck komme. Aber eben nicht: zu ihrem Recht. McDonald’s etwa drucke am Weltfrauentag sein Logo, das goldene M, verkehrt herum auf seine Colabecher, weil das W für woman steht – aber, so fragt Nagle, wieso tut ihr Liberalen nichts gegen den Hungerlohn der Burgerbraterin?

Stattdessen vergrätze man andere lieber und trete auf als "sauertöpfische Identitäre", die, "getrieben von der Sehnsucht eines Priesters, zu exkommunizieren", jeden diffamierten, der in Diskussionen ein falsches, politisch nicht opportunes Wort benutze – womit man "massenhaft" Menschen in die Arme der Rechten scheuche.

Nachdem die alten Konservativen durch ihre moralinsaure Verbotspolitik in vergangenen Kulturkämpfen als träge Besitzstandswahrer diskreditiert seien, habe die neue Rechte ihre Taktik geändert und die ursprünglich linke Idee einer subversiven Gegenkultur gekapert: "Erst die auf Satire-Bildern beruhende Kultur mit ihrer Grenzüberschreitung und ihren Hacker-Taktiken verlieh der Alt-Right ihre jugendliche Energie."

Nagle zeichnet ausführlich Genese und Entwicklung dieser virtuellen Schattenwelten nach. Teilweise jagt sie dabei den Details mit einer Akribie nach, die an Obsession erinnert, und doch lohnt sich die Lektüre. Denn so unermesslich der Einfluss der rechten Online-Subkultur auf die US-amerikanische Politik, so unbekannt ist sie für all jene, die sich nicht stundenlang auf Internetseiten rumtreiben, die sich lesen wie die Wand einer Schultoilette.

Und jetzt, wo die Neue Rechte im Weißen Haus sitzt, verliert sie da nicht ihren Nimbus als tapferer David, der sich unerschrocken mit den Mächtigen anlegt? Nagle glaubt: Ja, das Bündnis aus Reddit-Trollen, Stahlarbeitern und konservativen Republikanern wird zerbrechen. In Umfragen betont mittlerweile die Mehrheit der jungen Amerikaner, der sogenannten Millennials (auch so eine identitätspolitische Kategorie), dass sie Sozialismus für eine gute Sache halten. Landesweit bringen linke Jungpolitiker aus dem Umfeld von Bernie Sanders die als "neoliberal" geschmähte Führung der Demokratischen Partei in Bedrängnis.

Folgt man Nagle, ist die Steppe also staubtrocken, und für den Flächenbrand bedarf es nur noch eines Funkens. Doch, und das will man ihr entgegnen: Wenn die USA unter Trump für eines als Beispiel dienen, dann dafür, dass Vorhersagen und Wahrscheinlichkeiten keine harte Währung mehr sind, mit der sich krisensicher investieren lässt.

Angela Nagle: Die digitale Gegenrevolution. Online-Kulturkämpfe der Neuen Rechten von 4chan und Tumblr bis zur Alt-Right und Trump. A. d. Engl. v. D. Niehaus; transcript Verlag, Bielefeld 2018; 148 S., 19,99 €, als E-Book 17,99 €