Dinosaurier sind aufregend, das weiß jeder Achtjährige, der davon träumt, auf dem Rücken eines ausgewachsenen T-Rex in die Schule zu reiten. Aber die wissenschaftliche Beschäftigung mit Dinosauriern – ist die auch aufregend?

Ja, und wie! Das rufen uns jedenfalls zwei neue Bücher zu. Zwanzig Jahre nachdem Michael Crichtons Jurassic Park in die Kinos kam und Dinos die Kinderzimmer der Welt eroberten, erscheint nun ein neues Saurier-Buch des Thrillerautors: In Dragon Teeth erzählt er, "wie alles begann". Und im neuen Sachbuch Aufstieg und Fall der Dinosaurier erklärt der Paläontologe Steve Brusatte, wie es zuging in der Urzeit, als die Echsen über die Welt herrschten.

Nicht zurück in die Urzeit, sondern erst einmal nur ins 19. Jahrhundert bringt uns Dragon Teeth: Noch vor knapp 150 Jahren, als die Paläontologie einen jungen Zweig der Wissenschaft bildete, glich sie einem Abenteuer aus den wildesten Westernfantasien. Der Fossiliensammler trug damals nicht nur ein Geologen-Hämmerchen und ein Feldtagebuch bei sich, sondern auch einen Revolver; er kämpfte sich im Westen der USA durch die von Erosionsrinnen zerklüfteten Landschaften, von Colorado hoch in die Dakotas, wo ein reiches Reservoir an Fossilien die Knochenjäger anlockte wie der Goldrausch die Goldgräber. Es war die Zeit der bone wars, der Knochenkriege. Zwei bedeutende Pioniere der Saurierforschung, zwei Amerikaner von der Ostküste, bekriegten sich damals: der Paläontologe Othniel Charles Marsh von der Universität Yale auf der einen und sein Erzfeind und Kollege Edward Drinker Cope von der Akademie der Naturwissenschaften in Philadelphia auf der anderen Seite. Zwischen 1880 und 1890 bekämpften, bestahlen und beneideten sich die beiden Forscher, die jeden spektakulären Dinosaurier-Fund für sich selbst reklamierten. Auch Schüsse sollen gefallen sein.

Der 2008 verstorbene Michael Crichton hat diese uramerikanische Episode der Naturkunde früh als Stoff entdeckt. 1974 entstand der Roman Dragon Teeth, der nun aus dem Nachlass erscheint. Er schildert zum Teil historisch verbürgte Eskapaden der Fossilienjagd im Wilden Westen: Es kommt zu Postkutschenraub und Duellen; Weggefährten, von Indianerpfeilen durchbohrt, müssen begraben, leichte Mädchen verführt werden. Wo sich Crichton aber vom Revolverheldentum ab- und den Wissenschaftlern Marsh und Cope zuwendet, da wird das Buch zur Mentalitäts- und Wissenschaftsgeschichte. Crichton erklärt, dass die Paläontologie des späten 19. Jahrhunderts ein Kind ihrer raubtierkapitalistischen Zeit war: Finanziert wurden die Ausgrabungen von Industriemagnaten wie Andrew Carnegie, viele Paläontologen stammten selbst aus dem Geldadel – Marsh hatte den Bankier und Philanthropen George Peabody zum Onkel, und ein Neffe J. P. Morgans war es, der als erster Wissenschaftler den berühmtesten der Dinosaurier, Tyrannosaurus Rex, beschrieb. Diese Verbindungen, so Crichton, seien Folge eines ideologischen Interesses: "Denn so eifrig religiöse Männer die neue Lehre der Evolution in Verruf zu bringen suchten, so engagiert versuchten wohlhabende Männer, sie zu fördern. Im Prinzip des Überlebens des Stärkeren sahen sie eine neue, wissenschaftliche Rechtfertigung für ihren eigenen Aufstieg und die oft skrupellose Lebensführung."

Dragon Teeth darf als ein Schlüsselwerk für die Dinosaurier-Begeisterung im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert gelesen werden – zum ersten Mal beschäftigt sich Crichton hier mit den Tieren, über die er 1990 sein wohl bekanntestes Buch Jurassic Park schreiben wird; der Wissenschaftsthriller und die gleichnamige Kinoverfilmung entfalteten eine Wirkung, die bis heute nachhallt. Viele seiner gleichaltrigen Kollegen, gestand der 34-jährige Paläontologe Steve Brusatte kürzlich in einem Interview, hätten damals als Kind die Wissenschaft für sich entdeckt, als sie Jurassic Park sahen.

Brusatte ist einer der renommiertesten Dinosaurier-Forscher seiner Generation, er lehrt an der Universität Edinburgh und hat nun sein erstes populärwissenschaftliches Buch vorgelegt. Aufstieg und Fall der Dinosaurier erweckt eine untergegangene Welt zum Leben, die vielen noch aus Kindheitstagen vertraut ist: Tyrannosaurus Rex, der seine Mörderzähne in einen ahnungslosen Entenschnabel-Dinosaurier jagt; Triceratops und Stegosaurier, die friedlich zwischen Farnen und Pinienbäumen grasen. Brusatte wendet sich aber auch dem aktuellen Forschungsstand zu: Neueren Funden zufolge müsse man davon ausgehen, dass viele Dinosaurier gefiedert waren. Vermutlich sogar Tyrannosaurus: Ein "räudiger, haariger Flaum" habe "aus den Schuppen an seinem Nacken und Rücken" geragt. Hier führten uns die berühmten Bilder aus Jurassic Park also in die Irre.

Die Geschichte der Dinosaurier erzählt Brusatte als Geschichte von Großkatastrophen. Nicht nur das Ende der Saurier war ein Untergang, ausgelöst durch den Einschlag eines Himmelskörpers, der die Luft und die Erde in Flammen aufgehen ließ, wie Brusatte grausam genau beschreibt – ihren Anfang nahmen die Saurier ebenfalls in einer Katastrophe. Vor 250 Millionen Jahren überzogen gewaltige Vulkaneruptionen die Erde, Kohlendioxid erwärmte die Atmosphäre und verwandelte den Planeten in das Treibhaus, vor dem wir uns heute wieder fürchten. Die menschengroßen Salamander und die frühen Vorfahren der Säugetiere, die bisher über den Urkontinent Pangäa geherrscht hatten, verschwanden – ungefähr 90 Prozent aller Arten starben aus. Das Leben, schreibt Brusatte, sei damals so nah an der kompletten Auslöschung gewesen "wie zu keinem anderen Zeitpunkt der Geschichte".