Wie eine Naturgewalt wirken diese Kinder. Eben erst geboren, schon bäumen sich die kleinen Körper auf, schreien, strampeln, schlagen um sich. Ihnen 117 Minuten lang dabei zuzusehen ist aufwühlend – doch wie harmlos muss das sein, verglichen mit dem, was die Kinder selbst, ihre Eltern, Therapeuten und Pflegekräfte durchleben.

Jörg Adolph und Ralf Bücheler haben in ihrem Dokumentarfilm Elternschule (Kinostart: 11. Oktober) Familien durch eine mehrwöchige stationäre Therapie der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen begleitet, Abteilung Pädiatrische Psychosomatik. Hier kommen Eltern mit ihren Kindern hin, wenn sie komplett erschöpft und verunsichert sind, nicht mehr weiterwissen.

Dabei handelt es sich nicht um Eltern, die sozial verwahrlost sind oder ihren Nachwuchs verwahrlosen lassen. Sie wollen wie die allermeisten Eltern das Beste für ihr Kind. Doch die besten Absichten führen nicht zwingend zu den besten Ergebnissen. Gerade beim Thema Erziehung, wo Mütter und Väter sich anfangs eher nach der Methode "Versuch und Irrtum" durchwurschteln.

Natürlich landen die wenigsten Kinder dadurch in einer Klinik, doch die pathologischen Auswüchse, die der Film offenbart, haben es in sich: Da ist das Mädchen, das nichts isst außer Pommes und Chicken-Nuggets und sich nur in Zeitlupe bewegt. Der Junge, der sich blutig kratzt und zum Einschlafen stundenlange Fußmassagen braucht. Das Baby, das 14 Stunden am Tag schreit. Sie alle absolvieren mit ihren Eltern eine Art Zivilisations-Crashkurs mit Schlaftraining, Esstraining, Verhaltenstraining und Psychotherapie. Das Programm ist umfassend, denn in den Familien funktionieren die elementarsten Dinge nicht mehr: Erfüllung der Grundbedürfnisse, schlafen, trinken, essen, sich beruhigen. Alles ist ein Riesentheater mit Gezeter und Geheule.

Die Kamera folgt den Kindern und Müttern (es sind fast nur Mütter) respektvoll, aber schonungslos. Die Filmemacher verzichten auf einen einordnenden Kommentar aus dem Off, stattdessen kontrastieren und überlagern sie die Auseinandersetzungen mit Teambesprechungen, Erziehungscoachings und Elterngesprächen.

Dass dieser Kunstgriff gelingt, liegt an der eigentlichen Hauptperson des Films, dem Psychologen Dietmar Langer. Er leitet die Abteilung für Pädiatrische Psychosomatik seit über zwanzig Jahren und hat das Therapieprogramm entwickelt. Seine humorvollen Einlassungen sind so voller Erkenntnisgewinn, dass sie einen danach durch das nächste quälende Esstraining tragen, Löffel für Löffel.

Kinder, erklärt Langer an einer Stelle, hätten eine Art Werkzeugkoffer. Das Kind klappt den Koffer auf und guckt: Was sind da so für Werkzeuge drin? Und es findet Werkzeuge aus dem Reflexsystem: weinen, schreien, kratzen, hauen, beißen. So weit ganz normale Entwicklungsphasen. An dem Kind ist überhaupt nichts falsch, das macht der Film unmissverständlich klar, es teste Regeln aus, Strategien, Führung, Sicherheit. Es brauche nur das entsprechende Signal zurück.

Nun ist die Forderung, Grenzen zu setzen, wirklich nichts Neues. Doch neu ist, dass einem die Bedeutung so nüchtern und drastisch vor Augen geführt wird. Warum ecken die Kinder so an? Sind Eltern heute denn völlig instinktlos und verunsichert? Es ist die große Stärke des Films, entgegen dem Zeitgeist auf Ausdeutungen und Schuldzuweisungen zu verzichten. Das ist auch gar nicht nötig – Eltern, die diesen Film sehen, werden sich ohnehin hinterfragen.